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"Icke muss vor Jericht": Hund gegen Hund, Frauchen gegen Herrchen

Erst bellen sich die Hunde an, dann gehen die Besitzer aufeinander los. Dabei mutiert ein Apportierstöckchen zur Waffe. Was als tierisches Missverständnis begann, endet vor Gericht.

Von Uta Eisenhardt

Der Biss eines Cockerspaniels brachte letztendlich zwei Berliner Hundebesitzer vor Gericht

Der Biss eines Cockerspaniels brachte letztendlich zwei Berliner Hundebesitzer vor Gericht

Aufruhr im bürgerlichen Idyll: In einer noblen Berliner Stadtrandsiedlung wurde Zwergpudel Tim von einem Cockerspaniel im Genick gepackt und geschüttelt. Tims Herrchen griff zur Hundeleine und schlug damit nach dem Spaniel. Amadeus soll vor Schmerz gejault haben, sagt sein Frauchen vor Gericht. Darum nahm Rosalinde Bauer* dessen Apportierstöckchen und prügelte damit den grauhaarigen Brillenträger.

Ein Hieb traf den 71-jährigen früheren Piloten am Kopf und hinterließ dort eine dicke Beule. Der Schlägerin trug er eine Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung ein. Diese Rolle ist der 62-jährigen Geschäftsführerin eines Vereins für historische Forschungen peinlich. Mit gesenktem Kopf und gebeugtem Rücken nimmt die schlanke Frau neben ihrem Verteidiger Platz. Ihr rotbraun gefärbtes Haar scheint mit ihrem braunen Pullover zu verschmelzen - so sehr strebt ihr Körper gen Erdboden.

Aber ihr Anwalt macht einen guten Job. Schon vor Beginn der Verhandlung ist klar: Das Verfahren wird gegen Zahlung von 500 Euro an eine gemeinnützige Organisation sowie 500 Euro Schmerzensgeld eingestellt. Allerdings nicht sang- und klanglos: Der Richter, selbst Hundebesitzer, möchte die Angeklagte und ihr Opfer noch einmal hören. Es entspinnt sich folgender Wortwechsel:

Der Richter zum Geschädigten:"Als Hundehalter ist man ja manchmal sehr verbissen, sieht nur die Interessen seines Hundes. Aber war der Pudel tatsächlich in Gefahr?"
Geschädigter: "Der Pudel ist brutal geschüttelt worden. Er war kurz vor dem Schleudertrauma!"
Richter: "Die Hunde spielen doch ..."
Geschädigter: "Der Cocker spielt nicht!"
Richter: "Der Geschädigte, der Pudel, wurde angegriffen. Das ist nicht in Ordnung. Aber war es Angriff oder doch eher Spiel? Das Hundespiel ist doch ein einziges Beißen ..."
Geschädigter: "Das war ein glatter Angriff gewesen - mit Angriffsgebrüll!"

Angeklagte:

"Mein Cockerspaniel war der Meinung, wenn sich der Pudel schon in seinem Revier aufhält, darf er nicht noch bellen. Der Griff ins Nackenfell hieß: Hier herrscht Ordnung, hier wird nicht gebellt! Es sind beides Rüden ..."

Richter:

"Ah, zwei Rüden!"

Geschädigter:

"Das war auf der Straße, das ist nicht sein Revier! Das ist eine Fehlinterpretation des Cockerspaniels, nicht eine Sache des Pudels. Wir haben uns nur verteidigt!"

Der Richter zum Geschädigten: "Haben Sie neben der Scheußlichkeit des Angriffs noch weitere Folgen zu beklagen?"
Geschädigter: "Ja, psychologische. Ich hatte Kopfbrummen und nervöse Zuckungen. Außerdem trau ich mich nicht mehr in diese Straße. Ich rechne immer damit, dass das Tier kommt."
Richter: "Sie haben Angst, dass nicht nur das Tier sondern ein Schlag kommt?!"
Geschädigter: (nickt) "Ich trau der Sache nicht. Ich habe die Angeklagte als unberechenbar erlebt. Der Pudel hat es auch nicht vergessen: Er macht sich steif und läuft nicht mehr weiter. Ich habe mich damit abgefunden."

Richter zur Angeklagten:

"Können Sie ausschließen, dass Sie den Herrn noch einmal schlagen? Er bietet nämlich gar keinen Anlass, wie ich jetzt hier sehe ..."

Angeklagte:

(nickt)

Richter:

"Es war ein Fehlverhalten ..."

Angeklagte:

"... ausgelöst durch den Schmerzensschrei des Cockers!"

Geschädigter:

"Ich habe keine Schmerzensschreie des Cockers gehört! Ich habe ihn ja auch gar nicht mit der Leine getroffen!"

Die Angeklagte spricht von einer "Überreaktion", die sie bereut und für die sie sich entschuldigt. Sie will nicht nur Schmerzensgeld sondern auch den Anwalt des Rentners zahlen. Eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung mit mindestens drei Monatsgehältern wäre wesentlich teurer gewesen.

* Name von der Redaktion geändert

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