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"Icke muss vor Jericht": Immer Ärger mit den Auftragskillern

Ein Mann sucht einen Killer für seine Frau. Der erste potenzielle Täter brennt mit dem Vorschuss durch, der zweite versucht den Auftraggeber zu erpressen, der dritte denunziert ihn. Den vierten und bislang letzten Versuch startet der Mann im Gefängnis. Doch selbst ein Schwerverbrecher kann nicht helfen.

Die Botschaft war eindeutig: "Es bleibt dabei: Töte die Alte! 150.000 Euro". Das will der Häftling Helmut Meier* auf den Zetteln gelesen haben, die ihm sein Mitgefangener Gerd Walter* zeigte. Die Alte, das war Walters Ex-Frau, mit der er 35 Jahre verheiratet war und Meier bereits der Vierte, den der 58-Jährige mobilisierte, um die von ihm Gehasste ermorden zu lassen. Doch die Angesprochenen erwiesen sich durchweg als ungeeignet.

Auf Montage Renate kennengelernt

Die Geschichte jener unglücklichen Ehe beginnt Anfang der siebziger Jahre in der DDR. Gerd Walter, Schlosser aus Schwerin, weilt auf Montage im brandenburgischen Rüdersdorf, als ihm seine spätere Frau Renate* begegnet. "Ich habe ihn mir gleich gekrallt", sagt die schlanke 57-Jährige mit dem blondgefärbten Kurzhaar auf dem Gerichtsflur. Das Paar heiratete, bekam zwei Kinder, verfügte in Ostberlin über Haus, Auto sowie Telefon und hätte glücklich sein können.

Doch Gerd Walter zieht es weg, weg aus der DDR und weg von seiner Frau. 1988 nutzt er einen Besuch bei seiner Westberliner Tante, um sich von Familie und Staat zu trennen. "Ich komme nicht wieder zurück", sagt er seiner völlig überrumpelten Gattin an dem Tag, an dem sie ihn am Bahnhof Friedrichstraße zurück erwartet. Sie und die Kinder sollen per Familienzusammenführung nachkommen.

Allein bewerkstelligt die gelernte Sekretärin die Verhöre bei der Staatssicherheit, löste den Hausrat auf und verkauft das Auto auf dem Schwarzmarkt. Im Sommer 1989 flieht sie mit ihren beiden fast erwachsenen Kindern in die überfüllte Prager Botschaft und darf dank Genschers Verhandlungsgeschick in den Westen ausreisen.

Gerd hat eine andere

Dort angekommen spricht ihr Mann das aus, was sie bislang nur ahnte: Er habe endlich die Frau gefunden, von der er immer geträumt habe. Doch seine neue Liebe hält nicht lange. Später erzählt ihm seine Ex-Gattin Renate von einer Wohnung, die sie gerade besichtigt hat. Überraschend erkundigt sich ihr ehemaliger Lebenspartner, ob es denn in dieser Wohnung noch ein Zimmer für ihn gäbe. So kommen die Walters wieder zusammen.

In den folgenden Jahren führt das Paar eine kleine Pension. Später übernimmt es ein Heim, in welches das Sozialamt obdachlose Männer einweist. Außerdem betreibt Frau Walter einen kleinen Trödelladen. Vor Gericht beschreibt sie ihre Ehe als normal: "Streit gibt es überall." Aber bereits Ende der 90er Jahre offenbart Gerd Walter seinem Vertrauten, dem Heim-Hausmeister Marco Denner*, er würde seine Frau am liebsten töten lassen.

Jahrelang bleibt es bei Ankündigungen. Bis Walter sich 2002 an einen libanesischen Heimbewohner wendet. Hassan lässt sich von dem mordlustigen Mann einen Vorschuss in Höhe von 2000 Euro geben. Dann sagt er aber den Auftrag ab und brüstet sich mit diesem Coup gegenüber seinem Freund Ibrahim. Der will den Heimleiter ebenfalls abziehen und bietet ihm seine Dienste an.

Walter wird nun vorsichtiger und zahlt nur 500 Euro Vorschuss. Er überreicht Ibrahim einen Schlüssel und gibt ihm die Anweisung, seine Frau im Haus zu erstechen und anschließend die Wohnung zu verwüsten, um einen Raub vorzutäuschen. Ibrahim, der nicht einmal im Film Blut sehen kann, wie er später vor dem Berliner Landgericht bekundet, will den Heimleiter erpressen. 3000 Euro fordert er für das von ihm aufgezeichnete Mordplanungsgespräch.

Hassan ist nicht mehr auffindbar

Doch der Erpresste geht zur Polizei und hat Glück: Hassan ist nicht mehr auffindbar. Aussage stand gegen Aussage, denn Ibrahims Mitschnitt ist bis zur Unverständlichkeit verrauscht. Obendrein bezeugt Hausmeister Denner, die Ehe der Walters sei in Ordnung. Die Ermittlungen werden eingestellt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Walter gibt nicht auf und wird erpresst. Doch dann meldet ein Schwerverbrecher Interesse an dem Auftrag an.

Nach dem gescheiterten Versuch mit den Libanesen bearbeitet Walter erneut seinen Hausmeister. Er habe sich sogar vor ihm nieder gekniet und ihn angefleht, "endlich was mit seiner Frau zu machen", sagt Mario Denner 2006 dem Gericht. Der Wunsch bleibt unerfüllt, bis Denner 2004 im Heim randaliert, die Einrichtung zerstört und eine Angestellte bedroht. Walter muss ihm fristlos kündigen. Denner soll eine passable Beurteilung nebst 15.000 Euro bekommen, wenn er dafür "das mit Walters Frau klar mache", so der ehemalige Hausmeister vor Gericht.

Denner hat schon "manchem auf den Kopf gehauen"

Der vorbestrafte Denner, der zwar "schon manchem auf den Kopf gehauen" hat, fühlt sich erpresst und wendet sich an die Polizei. Die Beamten sind zunächst skeptisch, haben aber das eingestellte Ermittlungsverfahren nicht vergessen. Also hören sie die Telefonate zwischen Walter und Denner ab und verwanzen den ehemaligen Hausmeister. So erfahren sie von dem Plan, Renate Walter an einem Donnerstag in ihrem Laden zu erstechen.

Donnerstag ist günstig, denn an diesem Abend hilft Walter seiner Frau beim Abnehmen der Markisen. So hat er einen Vorwand, die Tote zu finden. Am verabredeten Tag stellt sich der Mord-Auftraggeber tatsächlich mit seinem Auto vor den Laden und wartet - bis ihn die Polizei verhaftet. Parallel dazu überfällt eine Beamtin die ahnungslose Trödelladen-Betreiberin mit dem Satz "Frau Walter, in diesen Minuten wird ihr Mann sie töten lassen!"

Im März 2006 das Urteil gegen Gerd Walter: Er bekommt fünf Jahre Haft wegen Anstiftung zum Mord. Erklärung des Richters: "Freuen Sie sich, dass Sie heute nur fünf Jahre bekommen haben!" Der Richter muss etwas geahnt haben, denn drei Jahre später steht Gerd Walter wieder vor einem Schwurgericht, wieder wegen Anstiftung zum Mord.

"Kalter Hass" auf die Ehefrau

Zunächst soll er nämlich seine Strafe im offenen Vollzug verbüßen und sein Heim weiter führen. Doch eine Gefängnis-Psychologin bemerkt Walters "kalten Hass" auf die Ex-Frau. Die Therapie, die ihm helfen soll, diesen zu überwinden, bricht er mit dem Antritt seiner Haft ab. Die Psychologin befürchtet Schwierigkeiten, wenn Walter das Heim weiter leiten würde und empfiehlt darum die Verlegung in den geschlossenen Vollzug. Ohne, dass ihm jemand eine Erklärung dafür gibt, gerät der ehemalige Heimleiter im Frühjahr 2007 für drei Monate auf eine Station für "Lebenslängliche". Walter ist eine sogenannte "Fehlbelegung" - man hat gerade keinen anderen Platz für ihn.

Unter den Langzeit-Insassen trifft er auf Helmut "Helle" Meier, einen dicken, tätowierten Häftling mit brutaler Ausstrahlung. Seit 1992 sitzt der redegewandte Bordellbetreiber im Gefängnis, denn er hatte eine Frau, die nicht für ihn anschaffen gehen wollte, vergewaltigt und anschließend ermorden lassen. Zwanzig Jahre Haft soll der heute 49-Jährige mindestens verbüßen. Von diesem Verbrecher verspricht sich Walter Schutz und Tipps für den Knastalltag.

Helle ist total scharf auf das Geschäft

Helle bekommt mit, dass "Gerdchen" einen Käufer für sein Männerwohnheim sucht, und er ist "total scharf auf dieses Geschäft", sagt er dem Gericht. 450.000 Euro soll das Heim kosten. Er habe damit seinen Lebensabend legal finanzieren wollen. Rund 300.000 Euro will er bereits an Walters Vertrauensleute gezahlt haben, die restlichen 150.000 Euro sollen mit dem Auftragsmord verrechnet werden, den Helle organisieren würde. Diesmal soll Renate Walter bei einem Autounfall sterben. Als der harmlos und seriös wirkende Gerd dem Schwerverbrecher sein Ansinnen erläutert, "war ick im ersten Moment jeschockt", so Helle Meier und fügt hinzu: "Das hört sich vielleicht doof an."

Walters Offerte habe ihn in eine Misere gebracht. "Im Gefängnis ist es ehernes Gesetz zu schweigen." Er habe sich mit einem Freund beraten, bevor er sich überwindet, "auf die andere Seite zu wechseln." Der Freund habe ihm die Konsequenzen der geplanten Tat ausgemalt: Die Polizei würde im Knast ermitteln und von der Meier-Walter-Verbindung erfahren. Sollte herauskommen, Helle habe den Mord organisiert oder davon gewusst, werde er sein Leben im Gefängnis beenden.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Meier verstößt gegen ein ehernes Knastgesetz und wird zum Spitzel. Und am Ende hat Walter Glück im Unglück

Doch Meier packt aus. Er sagt, damit habe er sich auch den Weg in sein altes Leben abgeschnitten, "denn mit so wat kann ick nie ins Milieu zurück." Er ließ sich von der Polizei verwanzen und versucht, Walter belastende Sätze zu entlocken. Doch der stellt sich diesmal schlauer an. Nach der ersten Offenbarung kommuniziert er nur noch schriftlich über den Mord. "Ich schreib's dir auf. Sind doch nur drei Sätze", beschwichtigt er den verkabelten Spitzel. Walter habe ihm dann sekundenlang Zettel mit Anweisungen gezeigt und diese zerrissen. Selbst die Schnipsel vernichtet er spurlos. "Er hat sich verhalten wie ein Geheimagent", sagt Helmut Meier.

Das Abgehörte erweist sich als wenig beweiskräftig und der schwerkriminelle Meier sei ein "dubioser Zeuge", befindet die Richterin in ihrem Urteil. Darum erhält Walter Besuch von einem breitschultrigen, langhaarigen, tätowierten Polizeibeamten. Er sei der gesuchte Killer, sagt er und stellt sich als "Micha" vor. Der Besuchte reagiert ungehalten. Es sei doch schon alles mit Helle besprochen. "Micha" zeigt ihm Fotos von Renate Walter und einer anderen Frau. Welche solle sterben, die oder die oder alle beide? Die eine Frau habe Kindersitze in ihrem Auto, gibt der Tätowierte zu bedenken. Nein, wenn Unschuldige hereingezogen werden, wolle er das Ganze abbrechen, versichert Walter dem Beamten. Sollen wir deine Frau wegmachen, will der Besucher noch einmal wissen. "Kennst du diese Kopfbewegung", fragt Walter zurück und nickt.

Wieder vor Gericht, wieder der schwarze Pullover

Nun, zwei Jahre später, verhandelt das Berliner Landgericht erneut gegen Gerd Walter. Der schwarze Pullover, den der Angeklagte im Gerichtssaal trägt, ist derselbe, den er vor drei Jahren schon einmal an hatte. Doch die Haft hat Walter rapide altern lassen. Er hat abgenommen, seine Augen treten stärker hervor, sein Rücken ist gebeugter. Mit letzter Kraft windet sich der Mann mit dem grauen Flaumhaar, er bestreitet und deutet um. "Nichts dergleichen" habe es gegeben, es sei "alles frei erfunden", erklärt er den Richtern. Helmut Meier habe sein Heim und obendrein Haftlockerungen haben wollen, der verdeckte Ermittler habe sich beruflichen Erfolg versprochen. Darum unterstelle man ihm diese Tat.

Am Ende glauben die Richter weder Gerd Walter noch Helmut Meier. Sie vermuten vielmehr, der brutale Knast-Platzhirsch habe "sich als der große Zampano aufspielen wollen" und "sein eigenes Süppchen gekocht", argumentiert die Richterin. Möglicherweise habe er dem Angeklagten eine nicht ernst gemeinte Mord-Unterstützung suggeriert a là: "Hättest du das mal lieber mit meinen Leuten gemacht!" Walter habe sich "aber ernsthaft darauf eingelassen."

Warum geht er wieder und wieder immer größere Risiken ein?

Offenbar ist Gerd Walter nicht lernfähig. Wieso? Warum geht er wieder und wieder immer größere Risiken ein? Die Ursache liegt - wie so häufig - in seiner Psyche. Der zuständige Gutachter beschreibt ihn als selbstunsicheren, konfliktscheuen, leicht zu kränkenden Menschen, der seine Gefühle hinter einer Maske verstecke. Mit seiner Gattin verbanden ihn seit 1988 nur noch die gemeinsamen Aufgaben und Kredite, aber keine gemeinsamen Freizeitinteressen, so der Psychiater. Darum wuchsen die Missverständnisse und die Antipathie, die Walter einzig über seine Mordpläne artikulieren konnte. Trotz Scheidung und neuer Freundin verharrt Walter in dem "kalten Hass" auf seine Ex-Frau, den er wohl ohne Therapie nicht überwinden wird. Der Gutachter ist sicher, er war "diesem hoch suggestiven Herrn Meier nicht gewachsen" und attestiert dem Angeklagten verminderte Schuldfähigkeit.

Die Strafe kann darum nicht 15 Jahre sondern höchstens 11 Jahre und drei Monate Haft betragen. Das Gericht entscheidet auf sieben Jahre - wegen Annahme des Erbietens zur Begehung eines Mordes. Walter wird 68 Jahre alt sein, wenn er das Gefängnis verlassen darf - falls er nicht wieder jemanden als Killer beauftragt.

* Namen von der Redaktion geändert