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"Icke muss vor Jericht": Kassensturz eines Ex-Polizisten

Der Polizist liebte seinen Beruf. Aber dann bekam er Schwierigkeiten mit seinem Chef und seiner Frau, bis beide ihn abservieren. Die folgende Langeweile füllte er mit Koks, sein leeres Konto mit einem Raub.

Von Uta Eisenhardt

Der Griff in eine Supermarktkasse beendete das alte Leben eines Ex-Polizisten endgültig

Der Griff in eine Supermarktkasse beendete das alte Leben eines Ex-Polizisten endgültig

Polizist war sein Traumberuf, er brachte es bis zum Polizeirat, dem untersten der höheren Dienstgrade. "Als Kind habe ich nicht mal einen Apfel geklaut", sagt Thomas Gärtner* unter Tränen dem Gericht. Sie fließen aus den blauen Augen eines bis in die Kaumuskeln durchtrainierten Blonden. Sein Gesicht wirkt gebräunt, trotz dreimonatiger U-Haft. Er sagt: "Ich habe etwas Kriminelles gemacht, aber ich bin kein Krimineller."

Es war vor einem halben Jahr, als sein altes Leben endgültig endete: Damals setzte sich der damals 43-Jährige eine Brille auf und schlüpfte in eine Uniform, die nicht seine war. In beigefarbener Hose und grüner Jacke begab er sich kurz vor Ladenschluss in einen Supermarkt unweit der Gegend, in der er aufwachsen war. Er gaukelte dem Kassierer und dessen Kollegin vor, gegen eine Bande von Jugendlichen ermitteln zu wollen. Dafür sollten sich die beiden Angestellten doch bitte Fotos anschauen - angebliche Fahndungsbilder, die Gärtner zuvor am Computer gefälscht hatte.

Sie löste Alarm aus und brach weinend zusammen

Gärtner verschwand kurz auf Toilette und kehrte behandschuht zurück. Dann holte er eine Waffe aus seiner Tasche, lud sie durch und befahl dem Kassierer, sich auf den Boden zu legen. Der Täter sei sehr ruhig gewesen, erinnert sich die junge Kassiererin vor Gericht an die Tat. Ob es einen Tresor gebe, soll der der uniformierte Mann gefragt haben, was die Frau bejahte. Sie packte ihm 1375 Euro in die Tasche. "Ist das alles?", habe Gärtner gefragt. Ihr fiel eine Kassenlade ein, der sie weitere 450 Euro entnahm. Dann schloss sie dem Räuber die Ladentür auf, sah ihn in der Dunkelheit entkommen und löste Alarm aus. Und brach weinend und zitternd zusammen.

Drei Monate später meldete sich Gärtner bei der Polizei mit einer suizidal klingenden SMS. Er schrieb, er könne etwas zu einem Überfall mit einem falschen Polizisten sagen. Es folgten Nachrichten wie: "Ich will mit dem Staatsanwalt reden, ich bin zu allem bereit" und "Mein Leben ist im Arsch, ich kann nicht mehr schlafen, ich habe nur noch Angst." Er schrieb, er sitze im Zug nach Düsseldorf. Auf dem dortigen Bahnhof endete seine Flucht vor sich selbst: Er stellte sich.

Nach 26 Dienstjahren ausgemustert

Als der Polizeirat in einem Supermarkt zum Räuber wurde, war er seit einem Jahr pensioniert - nach 26 Dienstjahren ausgemustert wegen psychischer Probleme. Sein kumpelhafter Führungsstil sei von den Vorgesetzten nicht geschätzt worden. Man habe ihn gemobbt, ihn mit Disziplinarverfahren überzogen und seinem Versetzungswunsch ins Münsterland zu Frau und Sohn nicht entsprochen, sagt der ehemalige Leiter eines Mobilen Einsatzkommandos. Als seine Ehe scheiterte, weil seine Frau ihn betrog, sei er zusammengebrochen.

Man schickte ihn mit einer monatlichen Pension von 2000 Euro in Rente. "Ich bin mit meiner freien Zeit nicht klar gekommen", sagt der Angeklagte weinend. Zwar habe er sich als Hausmann um seine Freundin und deren zwei Kinder gekümmert, habe seinen Freunden jederzeit helfen können, doch all dies füllte ihn nicht aus. Erfolglos versuchte sich Gärtner als Konzert-Veranstalter und Duftkerzen-Verkäufer, auch einen Plattenvertrieb wollte er gründen. Am Ende blieben die Langeweile und die Verbitterung über das Ende seiner Karriere, für die er sich einst auf der Polizeiführungsakademie in Münster geschunden hatte.

Aus Neugier habe er angefangen, Kokain zu konsumieren. Die Droge füllte die Leere in seinem Leben, leerte aber auch sein Konto. Seiner Freundin fiel nur auf, dass das Geld schon am Monatsanfang fehlte. Dieser Umstand könnte aus dem ehemaligen Gesetzeshüter einen Gesetzesbrecher gemacht haben. Was Gärtner allerdings bestreitet: Finanzielle Probleme seien nicht sein Motiv gewesen, sagt er vor Gericht, er will nicht als gewöhnlicher Beschaffungskrimineller gelten. Auch streitet er ab, eine scharfe Pistole benutzt zu haben, auch wenn deren Durchladen beide Zeugen überzeugend schildern. Nein, es sei ein Spielzeugrevolver seines Sohnes gewesen, den er nach dem Überfall weggeworfen habe. Das Gegenteil kann das Gericht nicht feststellen.

"Große Schwierigkeiten, die Tat für sich zu akzeptieren"

An den Überfall selbst kann oder will sich der Ex-Polizist nur bruchstückhaft erinnern. "Er hat große Schwierigkeiten, die Tat für sich zu akzeptieren", sagt der psychiatrische Gutachter und bescheinigt dem ehemals Kokainabhängigen eine verminderte Schuldfähigkeit. Der entschuldigt sich weinend bei der Kassiererin. "Ich weiß, dass Sie mich immer hassen werden", sagt er der Zeugin, die den Prozess als Zuschauerin verfolgt. "Ich hoffe, dass Sie es irgendwann verdrängen können." Dann bittet er die Richter, ihm eine Chance zu geben. Er hofft auf eine Haftstrafe von nicht mehr als zwei Jahren, die noch zur Bewährung ausgesetzt werden könnte.

Als der Richter sein Urteil verkündet, schließt er betend die Augen. Doch die Richter erhören das Flehen nicht und urteilen: Dreieinhalb Jahre Haft wegen schwerer räuberischer Erpressung, Amtsanmaßung und Missbrauch von Uniformen. Zugute halten sie dem Angeklagten sein Geständnis, seine Reue und vor allem seine Selbstbezichtigung: "Er wäre nie gestellt worden, wenn er sich nicht so verhalten hätte", sagt der Vorsitzende. Seine Pensionsansprüche aber habe Gärtner verwirkt: "Wer solche Taten begeht, hat nicht das Recht, vom Staat versorgt zu werden."

* Namen von der Redaktion geändert

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