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"Icke muss vor Jericht": Katzenschreck in der Ex-Freundinnen-Falle

Ein junger Mann quält eine kleine Katze. Aus Spaß und um Videos ins Internet zu stellen. Im Netz treffen sich auch seine Ex-Geliebten und setzen dem Treiben ein Ende.

Von Uta Eisenhardt

Kleine Katzen lösen beim Tierquäler Hempel keine Beschützerinstinkte aus

Kleine Katzen lösen beim Tierquäler Hempel keine Beschützerinstinkte aus

Groß und dick ist der Schwarzhaarige mit dem blassen Teint. Sein Doppelkinn ist ebenso mächtig wie die silbernen Ketten um Hals und Handgelenk. Trotz des warmen Frühlingswetters behält er seine gefütterte Bundjacke im Gerichtssaal an - als könne die ihn schützen vor dem eisigen Wind der Verachtung, der ihn von vorn, von rechts und von hinten anweht. Niemand außer dem Verteidiger hegt Verständnis für seine Taten.

Steffen Hempel*, 24 Jahre und Angestellter in einem Briefunternehmen ließ sich lange bitten vor Gericht zu erscheinen. Erst ein Haftbefehl motivierte ihn zum Kommen. Der Anklage behauptet, er habe die Katze seiner Mitbewohnerin in deren Abwesenheit übel misshandelt. Zudem habe er davon Videos gedreht und sie bei Youtube reingestellt. Auf einem Film sei zu sehen, wie Hempel das wenige Monate alte Tier ins Gefrierfach steckt und es mit Eisblöcken bedeckt, Eiskristalle an den Barthaaren der graugetigerten Naomi sind zu erkennen.

Gegen Wand geworfen, beschossen, ins Eisfach gesteckt

Er dokumentierte auch die unwürdige Szene, in der er das Kätzchen in eine Toilettenschüssel setzt, den Deckel schließt und spült. Neben dem nassen Tier zeigt das Foto auch einen Blutspritzer auf der Toilettenbrille.

Laut Anklage soll er das Tier auch mit Plastikkugeln beschossen haben. Gegen die Wand geworfen und getreten haben. Er soll sie sogar mit einer am Halsband befestigten Leine vom Balkon gehängt haben. An dieser Stelle protestiert der Angeklagte: Mit diesem Foto habe er nichts zu schaffen, das habe ihm ein Freund geschickt, er habe es nur ins Netz gestellt. "Er fand das witzig", sagt Hempel über die Motivation seines Freundes.

Der 24-Jährige gibt zu, die Katze ins Eisfach gesteckt zu haben. Ja, er habe Scheiße gebaut. Aber es sollte nur zum Spaß sein und dauerte bloß Sekunden. Außerdem hat die doch ein Fell! Auch das mit dem Toilettenbecken würde stimmen. Durch das Portal "Lustig.de" sei er auf diese Idee gekommen. Der Richter ist fassungslos: "So eine kleine Katze weckt doch Beschützerinstinkte!"

"Ich wollte der Katze nicht weh tun"

Der Angeklagte entgegnet, er habe damals an Naomi kein Blut feststellen können: "Ich wollte der Katze nicht weh tun." "Was ist das denn anderes als eine Misshandlung", fragt der Richter zurück. "Das war bescheuert", antwortet Hempel. "Das war früher." Früher, das ist zwei Jahre her. "Ich würde keiner Katze mehr was tun. Ich hab zwei Miezen, die sind mir heilig, denen geht es wunderprächtig!"

Er will die Katze auch nicht mit dem Kopf gegen die Wand geworfen haben, wie seine Ex-Freundin behauptet. Naomi sei allein dagegen gerannt. Er habe das Haustier höchstens mal am Nackenfell hoch gehoben, aber nie geworfen. Beschossen habe er es auch nicht. Die Luftpistole habe er sich erst nach dem Auszug der Katze angeschafft.

Ex-Freundinnen fanden sich über's Netz

Dem widerspricht eine andere Ex-Freundin: Die Katze habe damals in die Ecke mit Hempels Computerkabeln gepinkelt. Dieser griff zur Pistole und drückte ab. "Die hat gejault, ich stand daneben und war geschockt", sagt die Zeugin. Sie habe einmal versehentlich eine solche Kugel an den Kopf bekommen, die hinterließ eine Riesenbeule. Nach dem Schuss habe sich das zitternde Tier erneut entleert, es sei abermals beschossen worden. Dann hob sein Peiniger es auf und verwendete es als lebenden Lappen zum Aufwischen der Exkremente.

Die Zeugin kann noch mehr berichten als das, was in der Anklage steht: Ihr Ex-Freund trat die Katze wie einen Fußball. Er hing sie am Türrahmen auf und amüsierte sich über das Halt suchende Tier. Er steckte es auch in einen warmen Backofen - sie habe auf dem Foto die Temperatur erkennen können. Jede der beiden Ex-Freundinnen bat Hempel aufzuhören: "Er fand es einfach nur witzig", sagt die erste Zeugin.

Übers Internet fanden sich die beiden Frauen und tauschten sich über ihren Ex und dessen so gar nicht witzige Katzen-Quälereien aus. Sie beschlossen, zum Veterinäramt zu gehen. Der Angeklagte hält dieses Verhalten für Rache: Die eine sei sauer wegen eines Handys, das er ihr gestohlen habe, die andere wegen einer Geschlechtskrankheit.

Überwundene Entwicklungsdefizite

Das ist dem Staatsanwalt herzlich egal: "Es fällt mir ein bisschen schwer zu plädieren", leitet er seine flammende Rede ein. "Nicht weil ich nicht weiß, was ich will, sondern vor Entsetzen." Er glaubt dem Angeklagten keine seiner Erklärungen. Das Tier habe nur für Sekunden im Gefrierfach gesteckt? "So ein Tier möchte ich sehen, dass sich das gefallen lässt! Die Katze hat gefroren!" Der Blutspritzer, der auf dem Foto zu sehen ist, nachdem Naomi todesängstlich im Toilettenbecken Halt suchte? "War ja nur ein Blutspritzer von der Katze", höhnt der Staatsanwalt. Aus Spaß habe der Angeklagte gehandelt? "Damals war man jung. Heute ist man zwei Jahre älter." Der Ankläger fordert für den vorbestraften Schläger vier Monate Haft auf Bewährung und 2000 Euro Geldbuße zugunsten eines Tierschutzvereins.

Der Verteidiger spricht von indes von überwundenen Entwicklungsdefiziten und bedauert, dass im Internet vieles zu sehen ist, was andere nachäffen und zu überbieten suchen. Für die Verletzung und Angst der Katze sollte eine Geldstrafe ausgesprochen werden, argumentiert der Anwalt. Falls der Richter aber auf eine Freiheitsstrafe entscheide, solle auf die Geldbuße verzichtet werden: Diese würde zu Lasten von Hempels Kind gehen, "eines Menschen!"

"Wie kann man so verroht sein?"

"So etwas passiert nie wieder", beteuert Hempel bevor der Richter sich das Urteil überlegt. In dieser Pause tuscheln die Ex-Freundinnen im Saal: "Das was er mit der Katze gemacht hat, tut er bald seinem Kind an!"

Vier Monate Haft zur Bewährung urteilt der Richter - ohne Geldstrafe. Allerdings soll Hempel 1200 Euro an den WWF zahlen. "Mich hat dieses kranke, sadistische Verhalten ratlos gemacht", sagt der Richter. "Wie kann man so verroht sein? Die kleine Katze ist genau so ein kleines Lebewesen wie ihr sechs Monate altes Kind!"

* Name von der Redaktion geändert

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