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"Icke muss vor Jericht": Klauen für Mutti

Er ist 74. Und klaut. Immer und immer wieder. Vor dem Berliner Amtsgericht hat sich nun ein Kleptomane verantworten müssen, dem die Seidenstrümpfe seiner strengen Mutter offenbar zum krankhaften Schicksal geworden sind.

Von Uta Eisenhardt

Langsam, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, tritt ein älterer, elegant gekleideter Herr in den Verhandlungssaal. Sorgfältig hat er seine grauen Haare zurück gekämmt. Unter einem weißen Schal und dem dunklen Mantel lugt ein Hemd mit Krawatte hervor. Seine Schuhe wirken sauber - trotz des allgegenwärtigen Schneematsches.

Joachim Bredenkamp* ist Stammgast in Moabit, 114 Einträge weist sein Strafregister auf. Diesmal geht es um den Diebstahl von Whisky, Kräuter- und Anislikör, Zeitungen sowie drei paar Strümpfen. "Na, sicher", antwortet der 74-jährige Privatier und ehemalige Aktiendepot-Verwalter auf die Frage des Richters, ob er tatsächlich versucht habe, diese Dinge zu stehlen.

"Es ist doch alles so furchtbar, es ist gewissermaßen ein Zwang da, den ich mit allen Mitteln bekämpfe", sagt der Kleptomane. "Was ich schon alles mache, um dem zu entgehen. Ich bin nur noch nachts auf und schlafe tagsüber, damit ich nicht in den Supermarkt gehe, weil ich weiß, was für Gefahren dort auf mich lauern. Ich stell mir immer vor, du bist ja kurz vor dem Tode. Das dauert nicht mehr lange. Aber ich will nicht als Ladendieb sterben. Nur: ich kann nicht garantieren, dass ich wieder versage. Es ist ja ein Versagen. Das ist so schwer. Das kann sich niemand vorstellen, was das für Nöte sind, in denen man da steckt. Am besten, ich scheide aus dem Leben. Dann haben wir nicht mehr die Probleme."

Dominante, gefühlskalte Mutter als Auslöser

Der Richter wollte gern glauben, dass der Angeklagte seine Diebstähle nicht steuern kann. Doch weil zu viele Ladendiebe so etwas von sich behaupten und das letzte psychiatrische Gutachten, das Bredenkamp krankhafte Kleptomanie bescheinigte fast zehn Jahre alt ist, schickte er ihn zum Nervenarzt. Der hält nun einen schillernden Vortrag über das leidvolle Leben des Kleptomanen.

Bredenkamp wurde geboren als Kind eines 52-jährigen Kriegsinvaliden und einer 40-jährigen Buchhalterin, die beide unter dem letzten deutschen Kaiser aufwuchsen. Insbesondere von seinem Vater übernahm der Sohn Übergenauigkeit und Zwanghaftigkeit, so der psychiatrische Gutachter. Die dominante, gefühlskalte Mutter, die sich ein Mädchen gewünscht hatte, fühlte sich mit der Erziehung ihres Sohnes überfordert. Stets und laut verfluchte sie die beiden Männer in ihrem Leben. "Sie starb unversöhnt mit dem Sohn", sagt der Gutachter.

Statt aufzubegehren begann Bredenkamp, sich mit seiner Aggressorin zu identifizieren. Er entdeckte seine Faszination für Damenunterwäsche. "Die Mutter trug Seidenstrümpfe. Wenn er auch welche trägt, ist dies der Versuch, sein sexuelles Begehren mit seinem Mutterbild in Einklang zu bringen", sagt der Psychiater. Der erste Diebstahl galt dann auch diesem Fetisch, den er sich in den 60er Jahren als Mann in einer Damenunterwäscheabteilung nicht zu kaufen wagte. So kam Bredenkamp über den Fetischismus zur Kleptomanie und erfuhr durch die Maßregelung der Detektive und Richter die ihm vertraute Form der Zuwendung: "Das was die Mutter beim Strafen ausgelöst hat, führt er mit seinen Diebstählen herbei. Er reinszeniert seine Mutterbeziehung", so der Gutachter.

Symbol für ein luxuriöses Leben: Alkohol

Fetischismus und Kleptomanie seien "Angst-Lust-Inseln": Sexualisierte Gefühle, die entstünden, wenn man sich in beherrschbare Notsituationen bringt. Jeder kenne dieses Gefühl von Wagemut, das unser aller Alltag bereichere. Manche suchen sich diesen Kick auf dem Rummelplatz, andere bei Risikosportarten.

Bredenkamp allerdings würde seine Impulse schon lange nicht mehr lustvoll erleben, "seine Diebstahlshandlungen haben sich mit seiner Zwanghaftigkeit verbündet", sagt der Psychiater. Die Dinge, die der Angeklagte stehle, hätten für ihn keinen Gebrauchswert. "Sie werden im Moment der Entdeckung zusammen gerafft", sagt der Gutachter. Magisch zögen Bredenkamp vor allem Alkoholika an, die dem äußerst bescheiden und ohne Krankenversicherung lebenden Mann Symbol für ein luxuriöses Leben sind.

Um seine These zu prüfen und auszuschließen, dass der Angeklagte kein Sozialparasit sei, der sein Diebesgut in klingende Münze verwandele, suchte der Psychiater dessen Wohnung auf - ein mit Zeitungsstapeln verstelltes Heim - "an der Grenze des Messie". Als weiteren Beweis für die Zwanghaftigkeit des alten Mannes wertete der Gutachter dessen Angewohnheit, Gebrauchsgegenstände stets in ihren Verkaufsverpackungen aufzubewahren.

Nicht mehr heilbar, weil zu alt

Am Ende seines Lebens fühle sich Bredenkamp, dessen Normensystem völlig intakt sei, als Versager. Er schäme sich und sei depressiv. Doch im Gegensatz zu jüngeren Kleptomanen könne man ihn nicht mehr mit impulsdämpfenden Medikamenten nebst Verhaltenstherapie heilen. Als der Angeklagte einen solchen Versuch unternahm, konnte man ihm nur mitteilen, dass seine Krankheit inzwischen zu chronisch sei. "Die hemmenden Instanzen sind in den letzten 25 Jahren abgeschliffen worden. Die Krankheit hat Besitz von ihm ergriffen, sie hat sich in seine Biografie wie in ein vorgeformtes Flussbett eingeschlichen", so der Psychiater. "Sie ist von ihm nicht zu steuern."

Diesen überzeugenden Argumenten kann das Gericht nur folgen und spricht den Angeklagten von seiner strafrechtlichen Schuld frei. "Ich gebe mir ja so wahnsinnige Mühe, nicht zu versagen", sagt Bredenkamp auf dem Flur. "In letzter Zeit habe ich es ganz gut geschafft, den Kampf zu gewinnen. Ich hoffe, dass es so bleibt, aber ich kann es nicht versprechen." Seit einem Jahr habe er nicht gestohlen: Nachts, so der Kleptomane, fühle er sich als Kunde stärker beobachtet.

* Name von der Redaktion geändert

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