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"Icke muss vor Jericht": Leben auf Kosten einer Leiche

Eine alte Dame liegt jahrelang tot in ihrer Wohnung, ihr Nachbar will davon nichts mitbekommen haben. Als er aber Zugang zu den Bankdaten der Frau erhält, scheut er sich nicht, ihr Konto zu plündern. Die Idee dazu sei jedoch nicht von ihm gekommen, rechtfertigt sich der Arbeitslose vor Gericht.

Von Uta Eisenhardt

Rund 6400 Euro plünderte der Angeklagte vom Konto seiner toten Nachbarin

Rund 6400 Euro plünderte der Angeklagte vom Konto seiner toten Nachbarin

Es stimmt, was der Staatsanwalt da eben vorgelesen habe, sagt Willi Lehmann*. Er sei aber nicht selbst auf diese dumme Idee gekommen. Ein Bekannter namens Hans Friedrich* habe ihn da hinein gezogen. Der sei inzwischen gestorben. "Ich bin schön blöd, dass ich mich darauf eingelassen habe", sagt der Angeklagte, der zwei Jahre lang das Konto einer Leiche plünderte.

Zusammengesunken sitzt der große 59-Jährige auf seinem Stuhl. Sein weißes Haar und der schmale, eingefallene Mund verleihen ihm etwas Greisenhaftes. Seine Kleidung - Pullover, Jogginghose, Turnschuhe - zeugt von Vernachlässigung. Seit über zehn Jahren ist der Dozent für kaufmännische Berufsausbildung arbeitslos. Ab und zu vermittele ihn das Jobcenter in Ein-Euro-Jobs.

Die besonders stille Nachbarin

"Wenn man bei Hartz IV gelandet ist, lernt man bei den Beschäftigungsmaßnahmen Leute kennen, die so ziemlich jede Sorte Problem haben", sagt Willi Lehmann. Einer dieser Menschen war Hans Friedrich: Ein Alkoholiker aus Brandenburg, der vor zwei Jahren von einem Laster überfahren wurde, als er betrunken Fahrrad fuhr. "Ich habe gedacht, ich kann ihm helfen", sagt der Angeklagte. "Aber ich habe ihm nicht helfen können."

Im Frühjahr 2005 wohnte Hans Friedrich bei ihm im 3. Stock, in Berlins Problembezirk Neukölln. Sein Gast habe eingekauft und auch mal die Post aus dem Briefkasten geholt. In dieser Zeit passierte auch die Sache mit dem Brief von der Postbank. Der war an seine Nachbarin Lieselotte Fuchs* adressiert und landete versehentlich in Willi Lehmanns Briefkasten.

Achtlos hatte er ihn geöffnet, als er den Irrtum bemerkte. Er habe den Brief dann der alten Dame persönlich überbringen wollen, um ihr sein Missgeschick zu erklären. "Ich habe geklingelt, geklopft, angerufen. Ich habe sie wochenlang nicht erreicht", sagt der Angeklagte. Zu diesem Zeitpunkt saß die 68-Jährige schon fast ein Jahr tot in ihrem Sessel.

"Sie mussten doch Kenntnis haben vom Tod der Frau Fuchs", sagt die Richterin. Schließlich wohnte seine Nachbarin nur ein Stockwerk über ihm. Nein, antwortet Willi Lehmann. Auf diese Idee sei er nicht gekommen. Man habe im Hausflur auch nichts gerochen. Selbst zu ihren Lebzeiten habe er die Rentnerin kaum gehört. Sie habe schlecht laufen können, "die hat sich wenig bewegt." Außerdem sei sie immer spät aufgestanden und früh zu Bett gegangen.

Erst im Juni 2007 hätten ihm die Nachbarn davon erzählt. Da muss die alte Dame schon fast drei Jahre tot gewesen sein - das fand die Polizei heraus. Die Nachbarn berichteten Willi Lehmann auch von Tauben, die sich in der Wohnung der Verstorbenen einquartiert hatten. Sie sei eine nette Frau gewesen, sagt der Angeklagte. Er habe sich manchmal mit ihr unterhalten und Selters für sie besorgt. Sie habe ihm gesagt, sie sei allein. Ihren Sohn habe sie nicht erwähnt.

Geldregen per Dauerauftrag

Es sei Hans Friedrich gewesen, der auf die Idee gekommen sei, das Konto der Rentnerin abzuräumen. Sein Logiergast habe den irrtümlich geöffneten Postbank-Brief bei ihm gesehen und gesagt: "Damit kann man etwas machen", erinnert sich der Angeklagte. "Er hat mir das vorgeschlagen."

Mitte Juni 2005 veranlasste Willi Lehmann dann die erste Überweisung in Höhe von 224, 41 Euro vom Konto der Nachbarin auf sein eigenes. Keine Woche später meldete er Lieselotte Fuchs zum Online-Banking an. Anschließend flossen rund 2100 Euro und später noch einmal 500 Euro auf sein Konto, bis er im August 2006 auf die Idee verfiel, sich einen Dauerauftrag von 300 Euro monatlich einzurichten. Als Grund für die Zahlung trug er "Besorgungen" ein. Seine lukrative Zusatz-"Rente" versiegte erst, als die Polizei die skelettierte Leiche entdeckte. Rund 6400 Euro hatte der Angeklagte zu diesem Zeitpunkt kassiert: Sein Logiergast habe sich von dem Geld etwas im Katalog bestellt. "Ich selbst habe das für meinen Lebensunterhalt mitgenommen", sagt Willi Lehmann.

Der Angeklagte verschweigt Details

Seine Ahnungslosigkeit nimmt ihm die Richterin nicht ab: "Wenn man so häufig auf ein Konto zugreift, muss man doch wissen, dass die Frau verstorben ist!" Der Angesprochene bleibt dabei, nichts gewusst zu haben. "Haben Sie das Schloss vom Postkasten der Frau Fuchs ausgetauscht", fragt der junge Referendar, den die Staatsanwaltschaft zu dieser Verhandlung entsandt hat. Nein, sagt der Angeklagte, aber sein Schlüssel habe zu mindestens drei anderen Schlössern gepasst. Möglicherweise habe Hans Friedrich den Postkasten seiner Nachbarin geleert. Er selbst will nur manchmal die überquellende Werbung seiner Nachbarin entfernt haben.

"Ich bedauere, was ich für Scheiße gebaut habe", sagt der Angeklagte und fügt hinzu: "Ich wusste gar nicht, wie einfach das ist." Nie habe die Bank nachgeprüft, ob die alte Dame noch lebe. Seine Eltern dagegen hätten noch regelmäßig bei ihrer Bank erscheinen müssen. Er habe aber nun alles gesagt, meint Willi Lehmann. Genau das glaubt man ihm nicht: Der Mann, der bislang noch nie mit einem Strafgericht zu tun hatte, gibt seine Tat zwar zu, doch scheut er sich zu schildern, wie er sie durchführte, wie er gezielt die Daten seiner Nachbarin ausspähte, wie er ihre Unterschrift fälschte.

"Wie bei einer Beichte."

Für seine Verurteilung ist dies nebensächlich. Es ist auch egal, ob ihn sein Bekannter auf diese Idee brachte und ob dieser gar von dem Coup profitierte. Der junge Referendar kreidet dem Angeklagten sein "rücksichtsloses Vorgehen" an und fordert eine Geldstrafe von 2100 Euro (140 Tagessätze). Anders denkt die strenge Richterin über diesen Fall. Sie vergleicht den Dauerauftrag von 300 Euro im Monat mit einem Lottogewinn und bescheinigt Willi Lehmann erhebliche kriminelle Energie. Insbesondere bei seiner letzten Tat habe er nicht nur eine Gelegenheit ausgenutzt, sondern besondere Dreistigkeit gezeigt: "Sie mussten sich noch nicht einmal jeden Monat die Hände schmutzig machen!" Auch wenn der vor ihr Sitzende ein Ersttäter sei, käme nur eine Freiheitsstrafe in Betracht, belehrt die Richterin ihre Zuhörer.

Acht Monate Haft zur Bewährung soll Willi Lehmann bekommen. Der ist zufrieden mit diesem Urteil. "Danke für die Chance", sagt er. "Ich werde die Strafe annehmen. Ich bin wirklich froh, dass das abgeschlossen ist!" Erhobenen Hauptes verlässt er den Gerichtssaal. "So ein Urteil kann manchmal etwas sehr Reinigendes haben", sinniert die Richterin, als sich bereits die Tür hinter dem Verurteilten geschlossen hat. "Wie bei einer Beichte."

* Namen von der Redaktion geändert