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"Icke muss vor Jericht": Liebe macht blind und pleite

Ein Schulsekretär lässt sich von seiner Geliebten ausnehmen und macht auch vor dem Konto seines Arbeitgebers nicht halt. Vor Gericht trifft er auf einen erfahrenen, humorvollen Richter, der dem Jammernden zur Selbsterkenntnis verhilft.

Von Uta Eisenhardt

Schenkert ließ sich seine Privateinkäufe einfach in die Schule liefern

Schenkert ließ sich seine Privateinkäufe einfach in die Schule liefern

Ein dicker, bebrillter Blondschopf mit Locken, die sich am Oberkopf lichten, schiebt eine kleine, ebenso dicke Frau in den Sitzungssaal: "Dis is meine Mutter. Kann die mit rein", fragt Sven Schenkert* den Richter. Mutti darf und setzt sich in die letzte Reihe, wo sie permanent ihre Brille putzt und über das Schicksal ihres Jüngsten seufzt. Der 31-Jährige plünderte nämlich das Konto einer Grundschule - aus Liebe.

Im Sommer 2005 lernte der Fachangestellte für Bürokommunikation übers Internet eine Lehramtsstudentin mit zwei kleinen Kindern kennen. Sie erzählte ihm, dass sie in Trennung lebe. Jedes Wochenende besuchte Schenkert sie an ihrem Wohnort nahe Mannheim.

"Im Nachhinein war das heimtückisch"

Zeitgleich hatte er eine Teilzeit-Stelle als Schulsekretär gefunden. Ein Traumjob mit 990 Euro netto. Bald eilte ihm der Ruf voraus, pünktlich, fleißig und zuverlässig zu sein. Obendrein kannte er sich noch mit Computern aus. So hegte der neue Schulleiter keine Bedenken, ihm die EC-Karte zum Schulkonto anzuvertrauen. Der Richter - doppelt so alt wie der Angeklagte - staunt. Wieso das? "Der neue Schulleiter konnte die Finanzen der Schule nicht regeln", erklärt der Angeklagte. Der Richter staunt noch mehr: "Konnte er wenigstens die Schüler regeln? Das kann ja nur ein Halbblinder gewesen sein! Den müssten wir eigentlich mal hören. Würde mich interessieren, was für Schulleiter herumlaufen!"

Schritt für Schritt arbeitet er mit Schenkert die Anklage durch. Was war mit den 8000 Euro, die vom Schulkonto abgehoben wurden? Was war mit der Rechnung für Dieselkraftstoff, die der Sekretär der Schule unterschob? Was mit den Klamotten von H&M, was mit dem Navigationsgerät, mit der Digital-Kamera und den Haushaltswaren? "Das war wegen meiner Ex-Freundin", antwortet der Angeklagte. "Das ganze Geld ist dort hingeflossen. Die hat gefordert und gefordert, hat mich richtig ausgenommen. Im Nachhinein war das heimtückisch."

Eine Schule ist keine Schlafstätte

Über zwei Jahre lang sprach er mit seiner Sandra von einer gemeinsamen Zukunft. Sie ließ sich von ihm die Drei-Zimmer-Wohnung einrichten: Zwei Zimmer für die Kinder und eins für Schenkert und seine Angebetete. "Hatte die keine Möbel?", fragt der Richter. "Dem Mann wurde alles zugesprochen", erklärt der Angeklagte. "Aber die Kinder durfte sie behalten", spottet sein Gegenüber. "Wie konnten Sie denn der Schule das Schlafsofa anhängen? Es mag ja in der Schule geschlafen werden, aber die Schule ist doch keine Schlafstätte!" "Tja", seufzt Schenkert, "die Zahlen stimmten." Offenbar wurden die Ausgaben des vertrauenswürdigen Schulsekretärs nie richtig kontrolliert.

Die in der Anklage aufgeführte Musikanlage will er nicht gestohlen haben: Die sei doppelt geliefert und doppelt in Rechnung gestellt worden. "Ich kann die gar nicht tragen", erklärt Schenkert. "Die wiegt 25 Kilo!" "Sie werden doch als Mann 25 Kilo tragen können", entgegnet der Richter, schlägt aber dennoch vor, den Anklagepunkt fallen zu lassen.

Ex-Freundin wird von Staatsanwaltschaft gesucht

Und was war mit den CD-Roms, die der Sekretär aus der Schule mit nach Hause genommen hatte und die bei der Hausdurchsuchung gefunden wurden? "Da wollte ich schauen, was drauf ist. Ich hatte nicht vor, die zu stehlen", sagt der Angeklagte. Der Richter will ihm glauben. Der größte Coup gelang Schenkert mit einem erschwindelten 15 000 Euro-Kredit: Er reichte seine Gehaltsbescheinigung ein und fälschte einen Honorarvertrag, in dem er vorgab, nicht nur einmalig etwa 1000 Euro als IT-Beauftragter der Schule zu erhalten, sondern monatlich. Von dem geliehenen Geld kaufte er seiner Traumfrau einen Fiat Punto für 5000 Euro. Der Rest ging für die Wohnungseinrichtung drauf.

Schenkert flog auf, als eine nicht genehmigte Sendung mit Akku-Bohrschrauber, Kaffeemaschine und DVD-Player bei seinem Schuldirektor ankam. Er habe dann versucht, seine Sachen von Sandra zurück zu bekommen. Die ließ sich verleugnen und trug bald darauf einen Doppelnamen, wie ihr Ex-Freund von der Polizei erfuhr. Die Beamten teilten ihm auch mit, dass Sandra derzeit von der Staatsanwaltschaft Darmstadt gesucht werde.

"Meine Mutter hat mir ordentlich den Kopf gewaschen"

"Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe. Ich kann mir das nicht erklären", seufzt der Angeklagte. "Doch, Sie können das erklären", sagt der Richter. "Strengen Sie sich an!" Schenkert probiert es: "Vielleicht, weil ich Sandra etwas bieten wollte, weil ich mich besser darstellen wollte?" Jetzt habe er keinen Job mehr, dafür 25.000 Euro Schulden. Der Richter rät zur Privatinsolvenz. "Das werde ich wohl machen müssen", sagt der Angeklagte. 2700 Euro Geldstrafe (180 Tagessätze) soll er für Urkundenfälschung, Untreue und Betrug zahlen, urteilt der Richter. Eigentlich hätte er den jungen Mann zu einer Haftstrafe verurteilen müssen, wenn er dessen Taten als gewerbsmäßiges Handeln gewertet hätte. "Aber der Angeklagte tat es nicht aus Gewinnstreben, er tat es, um die Beziehung fortzusetzen", sagt der Richter.

Schenkert ist zufrieden mit dem Urteil. Mit einem Handschlag verabschiedet er sich von Richter und Staatsanwalt. "Blöd und blauäugig war er", sagt Mutter Schenkert auf dem Gerichtsflur. "Sie hat mir ordentlich den Kopf gewaschen", sagt der arbeitlose Mann, der auf eine neuen Job hofft und darauf, dass er eines Tages doch noch seine Sachen von Sandra zurück bekommt.

* Name von der Redaktion geändert

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