"Icke muss vor Jericht" Mit Ohropax gegen Nacht-Trommler

Manchmal ist es auch ein Segen, nicht so gut hören zu können. Zum Beispiel wenn der Mitbewohner lärmende Angewohnheiten hat
Manchmal ist es auch ein Segen, nicht so gut hören zu können. Zum Beispiel wenn der Mitbewohner lärmende Angewohnheiten hat
© Colourbox
Die Gemeinschaft zweier Zimmergenossen in einem Pflegeheim endet mit einer geschwollenen Hand und zwei Blutergüssen im Gesicht. Nun steht einer der Gebrechlichen wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht und liefert eine unerwartete Begründung, schreibt stern.de-Gerichtskolumnistin Uta Eisenhardt.

Langsam und vorsichtig schiebt sich der dünne Mann mit seinem Rollator in das Gerichtsgebäude. Sein Rücken ist nach vorn gebeugt, die Hose schlottert an den dürren Beinen. Ein dichter Bart kaschiert das eingefallene Gesicht von Freddy Dirks*, der vor drei Jahren einen Schlaganfall erlitt. Seitdem lebt der 49-Jährige in einem Pflegeheim.

Den Termin vor dem Richter bekam er, weil er eine gefährliche Körperverletzung beging. Gefährlich wird eine Körperverletzung unter anderem, wenn man für die Tat mehr als nur den bloßen Körper benutzt. Auf diese Weise können Alte und Gebrechliche schon mal zu Straftätern werden.

Freddy Dirks steigerte die Qualität seiner Straftat mit einem Telefonkabel: Mitten in der Nacht band er dieses um die Hand seines bettlägerigen Zimmernachbarn Herbert Hund* und fixierte sie am Bettgitter. Als die Pfleger am nächsten Morgen die Tat bemerkten, war Hunds Hand bereits stark geschwollen.

"Dit war nich richtig"

Warum tat der Angeklagte das? "Tja", sagt Freddy Dirks und trommelt mit seiner Hand auf den Tisch zu seiner Rechten. So habe Hund auf Bettdecke und Nachttisch geschlagen. "Dat ging auch nachts." Ende der Erklärung.

Warum haben Sie denn nicht den Pflegekräften Bescheid gesagt, will der Richter wissen. "Das hab ick doch jetan. Aber die konnten ooch nüscht machen", entgegnet der Angeklagte. "Und dann haben Sie gemeint, Sie binden den fest?" Ja, sagt Dirks. "Ick weeß, dit war nich richtig." Die Pfleger hätten mit ihm darüber auch gesprochen, "Aber nich groß."

Aktiv wurde das Personal erst, als man eines Tages in Hunds Gesicht zwei Blutergüsse entdeckte. Der Verdacht fiel sofort auf Dirks, schließlich hatte der seinen Zimmergenossen schon einmal traktiert. Nun reichte es der Heimleitung: Man trennte die beiden Männer und erstattete eine Strafanzeige. Ein Skandal, sagt der Richter, dabei sei doch der erste Fall der wesentlich schlimmere Vorfall gewesen. Aus juristischer Sicht, muss man hinzufügen.

94 Euro Taschengeld

Doch vor Gericht gibt Dirks nur die erste Tat zu. "Ick habe den ansonsten überhaupt nich anjefasst." Das Gegenteil lässt sich nur durch die Aussage von Herbert Hund beweisen, doch den kann das Gericht nicht fragen. Der Richter überlegt, ob man das Verfahren mit Zahlung einer Geldbuße abkürzen könnte. Wie sieht es denn bei Ihnen finanziell aus, fragt er den Angeklagten. Der gibt 94 Euro Taschengeld an. "Im Monat", fügt Dirks hinzu. Davon bestreitet er die Kosten für Friseur und Fußpflege sowie Zuzahlungen für Medikamente. Hinzu kommen noch zehn Euro, die er monatlich an die Berliner Justizkasse überweisen muss: Im Frühjahr diesen Jahres wurde Dirks nämlich wegen eines Ladendiebstahls zu 600 Euro verurteilt. "Da hab ick noch ne Weile zu zahlen", sagt er.

Das Gericht beschließt, den Vorfall mit dem Telefonkabel ohne weitere Geldauflagen zu den Akten zu legen. Einzustellen auf Juristisch. "So was darf sich aber unter keinen Umständen wiederholen", gibt der Richter dem Angeklagten auf den Heimweg. Geräusche seien keine Entschuldigung dafür, sich an einem hilflosen Mitbewohner zu vergreifen. Das nächste Mal solle er den Pflegern Bescheid sagen. Das habe er doch, beteuert Dirks. "Die haben mir schon Ohropax gegeben. Aber Ohropax vertrag ick nich. Da krieg ich so ne Ohren!", sagt er und demonstriert elefantengroße Hörorgane.

* Namen von der Redaktion geändert


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