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"Icke muss vor Jericht": Mitgehangen, allein gefangen

Ein spielsüchtiger Bankpraktikant braucht dringend Geld und weiß, wo es zu holen ist. Dabei wird er von einem unbekannten Kriminellen unterstützt. Doch am Ende steht der junge Mann allein vor Gericht - mit 30.000 Euro Schulden, naivem Blick auf die Welt und noch mehr Anzeigen gegen ihn.

Von Uta Eisenhardt

Es war ein Mittwoch. "Es sollte schnell gehen", sagt der kleine Sunnyboy mit dem kurzen, blonden Strubbelhaar. Am Freitag sollte das Geld auf dem Konto sein. Am Donnerstag würde er keine Zeit haben. Darum musste Daniel Schweiger* die Sache mit der Überweisung, die er sonst immer zu Hause erledigte, noch in der Bank durchziehen. Er setzte sich an den Computer, an dem er Einblick in sämtliche Konten der Bank nehmen konnte, und suchte nach einem gut gefüllten Konto. "Solche, die viel Spielraum hatten, wo das nicht sofort auffällt, wenn das Geld fehlt", dachte der damals 18-jährige Fachabiturient, dessen einjähriges Praktikum bei der Deutschen Bank in zwei Wochen enden sollte.

Er war gerade dabei, die im Computer gespeicherte Unterschrift auf einen Überweisungsträger zu kopieren, als eine Mitarbeiterin ihm von hinten über die Schulter guckte. Noch am selben Tag legte Daniel Schweiger ein Geständnis ab. Er bekannte sich dazu, in den vergangenen drei Wochen etwa 130.000 Euro auf diverse Konten transferiert zu haben, um an das Geld zu kommen.

Ein spielsüchtiger Praktikant bei der Bank

Zwei Jahre später steht der ehemalige Praktikant wegen gewerbsmäßigen Betruges und Urkundenfälschung vor einem Jugendschöffengericht. Inzwischen hat sich sein Sündenregister noch vergrößert: Im vergangenen Sommer brach er mit einem Freund in ein Autohaus ein, die Polizei erwischte ihn beim versuchten Diebstahl von Aluminium-Felgen.

Doch zunächst soll der 20-Jährige von seinem missglückten Bank-Coup berichten. Er sei damals spielsüchtig gewesen, sagt der Angeklagte. In einer Diskothek habe er sich mit einem "Mahmout" darüber unterhalten, wie man an Geld kommen könne. Er habe dem Kriminellen von seinem Praktikum erzählt: "So hatten wir die Idee mit der Bank", sagt Schweiger der Richterin mit treuherzigem Augenaufschlag. "Mahmout" suchte die Leute, von deren Konten man das verschobene Geld abheben wollte. Das waren alles Kunden der Deutschen Bank, damit der Praktikant den Eingang des Geldes verfolgen und "Mahmout" melden konnte.

Fünf Wochen vor dem Ende seines Praktikums wagte Schweiger die erste Überweisung. 10.244 Euro verschob er von Konto zu Konto. Dann rief er "Mahmout" an, der ihm seinen Anteil gab: 2500 Euro. "Mit 18 Jahren ist das ziemlich viel Geld", sagt der Angeklagte. Er habe es sofort in die Spielbank getragen. Eine Woche später versuchte er, 28.700 Euro zu transferieren. Doch der Betrug wurde von der Bank noch vor der Abhebung durch "Mahmout" und Co. erkannt und wieder zurück gebucht.

Fadenscheinige Erklärung

Zehn Mal mühte sich der Praktikant, an Summen zwischen 7000 und 29.000 Euro zu kommen. Sechs Mal wurde das Geld zurück gebucht. Vier Mal gelang ihm und "Mahmout" die Abhebung, insgesamt rund 30.000 Euro. Doch nur einmal gab der Kriminelle seiner "Quelle" etwas ab. In den übrigen drei Fällen vertröstete er Schweiger etwa mit der fadenscheinigen Erklärung, der Kontoinhaber sei mit dem Geld abgehauen. "Da habe ich mich schon geärgert", sagt der Angeklagte. "Aber ich konnte das Geld nicht abholen und sagen: Hier, meinen Anteil!" Ungläubig fragt die Staatsanwältin: "Sie haben nur einmal Geld bekommen und trotzdem immer weiter gemacht?" Schweigers Antwort klingt kindlich naiv: "Dadurch, dass es das erste Mal geklappt hat, habe ich weiter gemacht. Hätte das erste Mal nicht geklappt, hätte ich nicht weiter gemacht."

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Welche Strafe der Angeklagte erhält.

Nachdem er aufgeflogen war, meldete er "Mahmout" das Ende der kriminellen Allianz. Daraufhin habe er den Kriminellen nicht mehr erreichen können. "Wahrscheinlich hat er seine SIM-Karte weggeschmissen", sagt der Angeklagte. Bis heute ist die Identität von "Mahmout" nicht geklärt. Die Bank hält sich nun mit der 30.000-Euro-Rückforderung allein an ihren ehemaligen Praktikanten. Er würde seinen "Geschäftspartner" wieder erkennen, sagt Schweiger. Doch in seinen Antworten schimmert durch, dass er lieber allein für den Schaden aufkommen will, als sich den Kriminellen zum Feind zu machen.

Hoffnung auf eine positive Entwicklung

"Sie haben die ganze Drecksarbeit gemacht", wundert sich die Staatsanwältin. "Damals dachte ich nicht, dass es nach hinten los geht", sagt der Angesprochene. "Ich hatte halt Vertrauen in 'Mahmout'." Die Richterin schüttelt den Kopf und stellt die typische Was-haben-Sie-sich-nur gedacht-Frage. Die Antwort, die sie darauf erhält, ist ebenso typisch: "War halt bescheuert von mir. Ich wollte halt irgendwie an Geld kommen. Im Nachhinein eine blöde Idee." Und warum brach er im letzten Sommer in ein Autohaus ein, fragt die Richterin. "Tja", sagt Schweiger mit einem Seitenblick auf seinen Verteidiger. Er habe damals nicht vorgehabt, etwas zu klauen, sonst hätte er sein Auto nicht neben dem Autohaus abgestellt. "Aber das mit der Bank hat ja nicht geklappt. Da war immer noch das Problem, dass ich Geld brauchte."

20 Jahre ist der Angeklagte alt, doch sein Denken und Handeln entspricht eher einem Teenager. "Er lebt im Augenblick, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen", sagt die Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe, wo man Schweiger schon seit längerer Zeit kennt. Allerdings schätze sie seine Entwicklung positiv ein: Er befände sich derzeit in der Ausbildung zum Speditionskaufmann, bessere sein Gehalt mit Tellerwaschen auf. Seit einem Jahr habe er eine feste Freundin, sagt der Angeklagte. Die würde ihn verlassen, wenn er wieder in die Spielbank ginge.

"Schädliche Neigungen"

Die Staatsanwältin spricht von hoher krimineller Energie und "schädlichen Neigungen", einem antiquierten Begriff aus dem Jugendstrafrecht. Sie würde solche Neigungen bei Schweiger durchaus erkennen, zumal momentan noch wegen eines weiteren Diebstahls gegen ihn ermittelt wird. Die Staatsanwältin schlägt vor, dass er sich ein Jahr bewähren solle. Je nach Führung müsse man ihn dann zu Haft verurteilen oder könne von einer Strafe absehen - diese Reihenfolge schreibt das Jugendstrafrecht vor.

Dem Sunnyboy ist bewusst, "dass ich da Mist gebaut habe, dass ich dafür ins Gefängnis gehen kann." Die Schulden gegenüber der Bank seien jedoch die größte Strafe für ihn. "Seien Sie froh, dass der Schaden überschaubar ist", tröstet die Richterin. Mit ihrem Urteil folgt sie dem Vorschlag der Staatsanwältin. Außerdem soll Schweiger 50 Sozialstunden ableisten. "Sie haben sich in ein kriminelles Umfeld begeben, diese Leute haben Sie ausgenutzt", sagt die Richterin. Noch heute mache der Auszubildende einen sehr unreifen und unbedachten Eindruck, sagt die Richterin, die nicht wissen möchte, wie Schweiger vor zwei Jahren wirkte. Kopfschüttelnd beendet sie ihre Rede mit den Worten: "Ich kann nicht verstehen, dass man Ihnen bei der Bank so ein Vertrauen entgegen gebracht hat!"

* Name von der Redaktion geändert