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"Icke muss vor Jericht" Mord mit Gewissen

Am Berliner Bahnhof Zoo fand Mario Zöckler* sein späteres Opfer
Am Berliner Bahnhof Zoo fand Mario Zöckler* sein späteres Opfer
© Colourbox
Ein Student erschlägt einen Obdachlosen. Er zerteilt die Leiche, verbuddelt und versteckt sie. Dann aber stellt er sich der Polizei. Offenbar hat der Mann den perfekten Mord geplant - und ist an seinem Gewissen gescheitert.
Von Uta Eisenhardt

Dieser Prozess ist nichts für schwache Nerven. Während die Richterin das Urteil mit vielen bluttriefenden Worten wie "Hirnmasse", "abgehackte Gliedmaßen" und "gehäuteter Rücken" begründet, verliert ein Zuhörer das Bewusstsein. Doch Grausamkeit ist nur ein Grund, warum der Prozess für Gesprächsstoff sorgt: Der Täter studierte Germanistik, sein Opfer war ein Obdachloser. "Kein typischer Gesprächspartner für einen Studenten", meint der Staatsanwalt. Er glaubt, Mario Zöckler* plante einen perfekten Mord.

Ein blutrünstiges Verbrechen

Das Verbrechen geschah in einer lauen Augustnacht. Am Bahnhof Zoo stieß der Student, der seine dunkelblonden Haare schwarz färbt und auch im Sommer seinen knielangen, schwarzen Mantel trägt, auf den stämmigen, blondgelockten Obdachlosen mit dem treuherzigen Blick. Wenige Stunden später starb er in Zöcklers Küche: Mit einem Hieb seines altertümlichen Henkerbeils spaltete der Mörder den Schädel des Arglosen, der sich gerade auf dem Gästebett schlafen gelegt hatte. Dann stach er ihn in Herz, Leber und Lunge.

Anschließend zerteilte er die Leiche: Er schlug ihr den Kopf und die Füße ab, trennte Arme und Beine vom Torso und entfernte die Rückenhaut seines Opfers, auf dem sich eine große Narbe von einem Rolltreppensturz befand. Kopf und Torso steckte er in Müllsäcke, die er mit dem Fahrrad auf ein verlassenes Bahngelände transportierte, wo er sie vergrub. Die Extremitäten hüllte er in Laken und legte sie in den Tiefkühlschrank. Die Beine teilten sich das oberste Fach mit einer Bratwurst. Das blutdurchtränkte Bettzeug brachte er in den Keller, sorgfältig entfernte er die Blutspritzer. Zum Schluss strich er den Ort des Grauens mit weißer Farbe.

Erleichternde Verhaftung

Doch das schlechte Gewissen ließ ihn nicht mehr schlafen. Zwei Tage nach der Tat hatte er einen Termin bei seinem Bewährungshelfer. Zöckler war nämlich wegen räuberischer Erpressung vorbestraft: Bewaffnet mit einer Schreckschusspistole hatte er einem Familienvater 15 Euro und Zigarillos abgenommen. Nach zweijähriger Haft entließ man ihn ein Jahr vorzeitig im April 2008, bis 2011 stand er unter Bewährung.

Der Bewährungshelfer bemerkte die gedrückte Stimmung seines Klienten. Litt dieser etwa unter dem Tod seines Vaters, der vor wenigen Tagen in Thailand einem Herzinfarkt erlegen war? Der Bewährungshelfer brach das Gespräch ab. Spätabends meldete sich der Student erneut, "er brauche unbedingt eine Lösung". Gemeinsam mit Zöcklers Freundin liefen sie die Straßen entlang, als der Student erklärte, er habe im Rausch jemanden erschlagen und sei neben dem Toten erwacht. Er wolle sich der Polizei stellen. "Als man ihm Handschellen anlegte, wirkte er erleichtert, als ob er das als erste Bestrafung anerkennt", erinnert sich der Bewährungshelfer vor dem Berliner Landgericht.

Perfider Plan oder Mord im Rausch?

Dort interessiert man sich für das Wie und Warum. War es ein Streit im Alkoholrausch, der sich an Wechselgeld entzündete, das ihm der Obdachlose vorenthalten habe? Das behauptet der 28-Jährige im Brief an seine Mutter, den er vier Wochen vor dem Prozess schrieb. Persönlich äußern möchte er sich nicht. Das sagt er mit angenehm-sonorer Stimme, dann erstarren seine weichen, ebenmäßigen Gesichtszüge wieder.

Der Staatsanwalt glaubt, dass der Angeklagte den perfekten Mord plante. So berichtete es ein ehemaliger Schulkamerad den Ermittlern: Zöckler habe ihm vor Jahren erzählt, er würde gern wissen, wie es ist, einen Menschen umzubringen. Anfang 2009 soll der Angeklagte ihn gefragt haben, wie er sich den perfekten Mord vorstelle. Es müsste ein Obdachloser sein, dessen Finger und Kopf man entfernen müsse, habe der Kronzeuge phantasiert. Für den Fall der Enttarnung solle man Alkohol bei der Tat trinken, dann bekäme man Strafrabatt.

Ein auffälliges Alibi

Kaufte Zöckler deshalb das Bier für sich und sein Opfer an einer videoüberwachten Tankstelle? Schlug er darum die Fingerkuppen seines Opfers ab? Aber warum nur vier? "Die Finger waren im Weg", erklärt der Rechtsmediziner lapidar. Schützend habe das Opfer seine Hände vors Gesicht gehalten. Also doch eine Tat, die der selbstunsichere, leicht reizbare Mann im Rausch beging? Es ist die Version seines Verteidigers, weshalb der um jedes alkoholische Getränk feilscht.

Das Gericht recherchiert, was der Student tat, kurz bevor er mordete. Es hört den Arzt, dessen Rasen er mähte und sich danach eilig verabschiedete. Geladen ist auch der Betreiber des Internetcafes, in dem Zöckler den Abend verbrachte. In einer Mail schrieb er einem Bekannten vom Tod seines Vaters. Diese endete mit dem Satz: "Das Leben scheint nur eine Folge von beknackten Prüfungen zu sein." Gegen Mitternacht fuhr er in Richtung seiner Wohnung, stieg aber schon am Bahnhof Zoo aus. Warum? Bier bekommt man doch überall.

Lesen sie auf der nächsten Seite, was die Ex-Freundin von Mario Zöckler über dessen bizarre Sexpraktiken und andere Fantasien berichtet.

Ein merkwürdiger Typ

Das Gericht hört Freunde des Angeklagten, die ihn als hilfsbereit, unauffällig und zuverlässig beschreiben, aber auch als verschlossen, arrogant und zynisch. Selten habe er jemanden in seine Ein-Zimmer-Wohnung gelassen, sagt eine befreundete Nachbarin. Unter Tränen berichtet sie, wie sicher sie sich in seiner Gegenwart wähnte, sie, die so ein Angsthase sei.

Er war nicht erreichbar, sagt seine langjährige Ex-Freundin, die Zöckler 2004 in der Gothic-Szene kennen lernte. Es habe lange gedauert, bis er sie als Mensch wahr nahm, über Gefühle sprach er selten: "Er war kein Vertrauter, keine Person, mit der man irgendetwas teilt." Zwei Seiten hätte er: So habe er ihr Schlafzimmer rosa gestrichen, ihr Geld und Essen gebracht, sie aber auch bespuckt, wenn ihm eine ihrer Äußerungen nicht gefiel, sie mit einem Messer durch die Wohnung gejagt und beim Sex mit einem Gürtel gewürgt. Merkwürdig fand sie auch seine morbiden Zeichnungen: "Frauen, denen alles mögliche im Anus steckt, Oberkörper ohne Gliedmaßen, erhängte Menschen." Nur die Katze behandelte er stets liebevoll. "Es gab Phasen, in denen ich dachte, die Katze ist beneidenswert", sagt die Ex-Freundin dem Gericht.

Der psychiatrische Gutachter gesteht, selten einen so kontrollierten Probanden erlebt zu haben, zu dessen Wesen sei er nicht vorgedrungen. Seine Kindheit verbrachte Zöckler bei den Zeugen Jehovas, dies beleuchtet der Psychiater nicht. Experten meinen, dass die dort aufwachsenden Kinder auf die Ziele der Sekte dressiert werden. Sie lernen, ihre Gefühle und Bedürfnisse zu unterdrücken. Nicht nur das Verbot, Geburtstage, Ostern oder Weihnachten zu feiern, mache sie zu Außenseitern, denen es an Selbstbewusstsein und psychischer Stabilität mangelt. Erst mit 14 Jahren gelang Zöckler der Absprung. Er zog zu seinem Vater, schloss Hauptschule und eine Maler-Lehre ab, dann holte er das Abitur nach.

Richterin bezweifelt Vollrausch

Der Gutachter wertet die Tat als Demonstration von Macht und Stärke. Auch bei seiner ersten Tat sei es dem Angeklagten nicht um Geld gegangen. Er habe sein Opfer gelehrt, sein Leben mehr zu genießen, soll der Student geäußert haben. Der Psychiater attestiert Zöckler eine verminderte Schuldfähigkeit wegen einer "mittelgradigen Berauschung".

Nach Ansicht der Richterin glaubte sich der Obdachlose, bereits bis auf die Unterhose ausgezogen, als Freund eingeladen, als sein Mörder an das Nachtlager trat und seinen Gast förmlich hinrichtete. Ein Streit um Kleingeld sei sicher nicht das Motiv gewesen, meint die Richterin. Auch an einen Vollrausch glaubt sie nicht. Das gezeigte Leistungsvermögen beim Zerteilen der Leiche spräche dagegen. Ob ein perfekter Mord geplant war, konnte nicht zweifelsfrei festgestellt werden - die Aussage des ehemaligen Schulkameraden geriet zu widersprüchlich.

Falls dem so war, sei Zöckler an seinen Schuldgefühlen gescheitert: "Ganz so gefühlskalt, wie er sich bei der Tat zeigte, ist der Angeklagte nicht", sagt die Vorsitzende. Wegen heimtückischen Mordes schickt sie ihn 13 Jahre und zehn Monate ins Gefängnis. Gern hätten sie und ihre Kollegen mehr von ihm erfahren. Sie glaubt, dass der Angeklagte noch jede Einzelheit in Erinnerung hat: "Vielleicht gelingt es ihm einmal, darüber zu sprechen."

* Name von der Redaktion geändert


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