"Icke muss vor Jericht" My home is my castle


Eine Rentnerin mit großem Herz ist der Liebling von Berlins Nachtschwärmern, die sie seit Jahren mit belegten Brötchen beliefert. Aber wie werden die Brötchen hergestellt? Die Ekel-Küche soll die Polizei möglichst nicht betreten. In ihrer Not greift die ältere Dame zu unkonventionellen Mitteln und landet letztlich vor Gericht.
Von Uta Eisenhardt

Schrippenmutti ist ein Berliner Original: Eine kleine, dicke Frau mit großem Herzen und einem reichen Schatz an Anekdoten, die kontinuierlich aus ihr heraussprudeln. Seit Jahren beliefert die gelernte Fleischmamsell Berlins Nachtschwärmer mit belegten Brötchen, Buletten und Salat. In ihren besten Zeiten verkaufte sie 800 Brötchen pro Nacht. Den Erlös verwendet sie zur Beköstigung von Obdachlosen: "Dit is meen Spleen", sagt Inge Schmitt* und zeigt stolz die Artikel, die über sie geschrieben wurden. "Ick hab tausend Freunde", sagt die 69-Jährige. "Aba ooch Neider." Einer von diesen muss sie vor einem Jahr bei der Lebensmittelaufsicht angezeigt haben. Damals klingelten zwei Außendienstler bei ihr und begehrten Einblick in ihre Küche.

"My home is my castle"

Bereitwillig ließ sie die beiden Kontrolleure in ihre Gewerberäume. Blitzblank und sauber sah es hier aus – zu sauber, wie den ungebetenen Gästen dünkte. Sie ahnten, dass die beanstandeten Schrippen nicht an diesem Ort geschmiert worden waren und wollten ihre Wohnküche inspizieren. Doch an diesem Punkt endete die Mitarbeit von Inge Schmitt. "My home is my castle", sagte sie. Ihre Privaträume dürfe niemand betreten.

Die beiden Kontrolleure holten die Polizei. Aber die Wohnungsinhaberin trotzte selbst dieser Staatsgewalt: Meine Schlüssel bekommt ihr nicht! Ihre Hand umschloss das Bund in ihrer Westentasche. Erfolglos zerrte eine Polizistin an diesem Arm. Ihr Kollege griff nach dem anderen Arm, mit dem die Widerspenstige die Schlüsselbund-Hand in der Westentasche festhielt. Da schnellte Schrippenmuttis Kopf plötzlich vor und biss den Beamten in den linken Oberarm. Die Quittung dafür war ein Strafbefehl über 2100 Euro (70 Tagessätze), der Inge Schmitt wegen Körperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte ins Haus flatterte. Doch die Täterin widersprach dem schriftlichen Urteil. Sie möchte ihre Sicht der Dinge der Richterin lieber persönlich vortragen.

"Ick bin doch keen Vabrecha"

Sie sei damals nach langer Krankheit das erste Mal wieder am Schrippenschmieren gewesen, verteidigt sich die Angeklagte. Diese will sie in ihren Gewerberäumen produziert haben. Obwohl die Kontrolleure ihren Arbeitsplatz als "Vorzeige-Küche" bezeichnet hätten, verlangten sie Zutritt zu der "nich janz so schönen Seite", so Inge Schmitt. Die war wegen ihrer Krankheit und eines fehlenden Helfers, der kurz zuvor erschlagen worden war, nicht aufgeräumt. Ihre Wohnung habe aber gar nichts mit der Schrippenproduktion zu tun, dort hätte sie lediglich die Zutaten abgestellt. Vier Kühlschränke standen im Vorraum ihrer Wohnung: Drei seien wegen ihrer Krankheit ausgeschaltet und darum schimmlig gewesen. "Aba ick hatte noch nie Beanstandungen, Frau Richterin! Meine Kunden leben alle noch! Und ick hab Hunderte Kunden und nich zehn oda zwanzig", sagt die Angeklagte.

"Ick bin doch keen Vabrecha", sagt sie. "Müssen die nich einen Durchsuchungsbeschluss haben, wenn die meine Wohnung kontrollieren wollen?" Außerdem sei die Würde des Menschen unantastbar, das stehe schließlich im Grundgesetz. "Die könn´ ja ooch an eenem andern Tach kommen!" Geduldig beantwortet die Richterin alle Fragen: Es sei damals Gefahr im Verzug gewesen und der Polizist habe auch eine Würde. Sie verstehe ja, dass Inge Schmitt ihre unaufgeräumte Wohnung peinlich gewesen sei. Doch der Verdacht war nun mal in der Welt und die Lebensmittelkontrolleure hätten die Aufgabe, dem nachzugehen.

Schrippenmutti beißt Polizisten

"Aba der hat mir den Arm umjedreht", begehrt Schrippenmutti auf. Das sei kein Grund, einen Polizisten zu beißen, sagt die Richterin. "Ick hab aber nich doll jebissen", sagt die Rentnerin. "Der sollte bloß keene Faxen machen. Wenn ick richtich doll jebissen hätte, dann wäre der 14 Tage lang krank jewesen!" Die Richterin schlägt vor, den Polizisten zu fragen, wie sehr ihm das weh getan hat. Da seufzt die Angeklagte: "Hoffentlich tut er nich zu doll erzählen!"

Sie hat Glück: Der Polizist parierte ihren Angriff damals sehr schnell. Er drückte seinen Arm, den Schrippenmutti attackierte, gegen deren Mund. "Da kann man nicht mehr so beißen", erklärt der Beamte. Mit dieser Methode könne man auch Hundebisse abwehren. Er sei jedenfalls mit einem blauen Fleck davon gekommen. Dennoch kann sich der Polizist gut an diesen Einsatz erinnern. Daran, wie Inge Schmitt die Beamten beschimpfte, dann wegzulaufen versuchte und später noch einen Herzanfall vortäuschte, was die herbeigerufenen Rettungssanitäter bestätigten.

Broteschmieren zwischen Dreck und Katzenklos

Vor allem der Anblick der völlig verdreckten Küche prägte sich dem Polizisten ein. Der Müll stapelte sich, überall standen Katzenklos, es stank nach den Tieren. Die Krönung aber war die Pfanne mit den frisch gebratenen Buletten, welche die Beamten neben der Toilette entdeckten. Inge Schmitt will sich nun bei ihrem Opfer entschuldigen: Sie habe ihn gebissen, weil er zu ihr gesagt habe, sie sei nicht krank, sie sehe gesund aus. Aber der Zeuge nimmt die halbherzige Entschuldigung nicht an: "Ich halte sie für unehrlich, so wie Ihr ganzes Verhalten vor Ort!"

Noch in der gleichen Nacht erteilten die Lebensmittelkontrolleure der Schrippenmutti ein Gewerbeverbot. Die bereits fertigen, aber nun unverkäuflichen Brötchen habe sie an Bedürftige im Kiez verschenkt, sagt die Angeklagte: "Die leben ooch noch, dat hab ick mir vorsichtshalber quittieren lassen."

Angeklagte ist vorbestraft

Am Ende der Verhandlung wird Schrippenmuttis Strafregister verlesen. Es ist gut gefüllt. Der erste Vermerk stammt aus dem Jahr 1991, ebenfalls ein Widerstands-Delikt. Inge Schmitt wundert sich, dass die alten Einträge nicht gelöscht sind: "Es is doch allet bezahlt!" Die Richterin erklärt, dies läge daran, dass immer wieder neue Straftaten hinzu kämen. Sie empfiehlt, "mal fünf Jahre Pause zu machen".

Drei Mal habe sie wegen ihrem verstorbenen Hund Hasso vor Gericht gestanden, erzählt die Angeklagte. "Hasso war ´n Mauerhund" - ein Schäferhund, der an DDR-Grenze eingesetzt wurde. Sie sah ihn in einem Tierheim. Noch bevor sie den Rüden bezahlt hatte, biss er sie schon in den Unterarm, sagt Schrippenmutti und zeigt ihre Narbe: "Der Hund hat niemand von sich aus anjegriffen, der wollt nur nich jestreichelt werden."

16 Jahre im Dienst der Schrippe

Sanft lenkt die Richterin das Gespräch wieder auf den gebissenen Polizisten. Die Angeklagte könne ihre Tat später gern zu ihrem Anekdoten-Schatz fügen, aber erst einmal müsse sie dafür bezahlen. 1250 Euro (50 Tagessätze) sollen es sein, fordert die Staatsanwältin. 1800 Euro (40 Tagessätze) urteilt die Richterin und bescheinigt Inge Schmitt: "Ihr Unterfangen war von Anfang an aussichtslos." Sie hätte Glück, dass der Beamte so schnell reagierte und keine offene Bisswunde davon trug.

Das tut weh, wenn man nach 16 Jahren Schrippenservice so behandelt werde, jammert die Angeklagte. "Aber es tut auch weh, wie Ihre Küche ausgesehen hat", mahnt die Richterin und fordert die Plaudertasche nun zum Gehen auf. Heute produziert Inge Schmitt ihre Brötchen in einem Café, dessen Küche sie stundenweise mietet. Pro Nacht sind es nur noch zwanzig Stück, die sie auf dem Rücksitz ihres quietschgelben Rollers transportiert - zu ihren treuesten Kunden.

* Name von der Redaktion geändert


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