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"Icke muss vor Jericht": Nur das Kaninchen war Zeuge

Mitten in der Nacht vernimmt eine Frau wüste Beschimpfungen aus der Nachbarwohnung, sie zeigt dessen Mieter an. Der Beschuldigte zieht für das Gericht ein Kaninchen aus dem Hut, dem hätten die Beleidigungen gegolten.

Von Uta Eisenhardt

Galten dem Kaninchen des Angeklagten dessen wüste Beschimpfungen oder muss das Haustier nur als Alibi herhalten?

Galten dem Kaninchen des Angeklagten dessen wüste Beschimpfungen oder muss das Haustier nur als Alibi herhalten?

Fast jede Nacht schreckte Andrea Bittner* aus dem Schlaf. Unschöne Worte drangen an ihr Ohr: "Drecksau!", "Mistsau!", "Fettes Schwein!" Die Stimme, die da rief, kam der todmüden Frau bekannt vor: Das musste ihr Nachbar Frank Seiler* sein, der obendrein noch rief: "Fette Bittner!" Sie zeigte ihn an.

Die Justiz wollte das Verfahren auf dem Postweg erledigen, schätzte das Einkommen des Beleidigers grob ab und schlug ihm vor, 3000 Euro Geldstrafe (100 Tagessätze) zu zahlen. Doch der 54-jährige arbeitslose Maler legte Einspruch ein, den er sogar begründete: Es müsse sich um ein Missverständnis handeln, in seiner Wohnung habe ein übergewichtiges Kaninchen namens "Fetti Fettna" gelebt. Dem habe er nächtens solche Ausdrücke an die Löffel geworfen, damit es sich bewege. Genützt hat es wenig, "Fetti Fettna" wurde nur vier Jahre alt. Zum Beweis schickte der Tierfreund ein Foto des braunbeige-gefleckten Zwergkaninchens.

Ein gut gedämmter Altbau

Zur Verhandlung wird der grauhaarige Altrocker, dessen Füße in Cowboy-Stiefeln stecken, von einem Anwalt begleitet. Der riet ihm, "Fetti" in Frieden ruhen zu lassen und sich mit Schweigen zu verteidigen. Statt dessen solle er ein paar Nachbarn zur Gerichtsverhandlung mitbringen, die dem Gericht versichern, dass man durch die Wände des 30er-Jahre-Altbaus zwar Stimmen hören, "aba nüscht vastehn" könne, wie es ein Zeuge formuliert.

Doch zunächst ist Andrea Bittner dran, eine große, dicke Brillenträgerin, die sich mit trägem Gang in den Saal schleppt. Wenn sie sich erhebt, ruht ihre Hand auf dem schmerzenden Rücken. Die 42-Jährige spricht heiser und kurzatmig, schon mehrmals musste die Gerichtsverhandlung wegen ihrer schlechten Gesundheit verschoben werden.

Widersprüchliche Aussage

"Der hatte mich schon lange auf dem Kieker", sagt die arbeitslose Bäckereifachverkäuferin. Es sei ihm gegen den Strich gegangen, dass sie sich bei der Hausverwaltung über Frank Seiler beschwert hatte, der des nächtens Dart spielte. Das müsse der Auslöser für die Beleidigungen gewesen sein. Eine Bekannte habe ihr geraten, Protokoll darüber zu führen und bei der Polizei einzureichen. Innerhalb von sechs Wochen registrierte sie 29 angebliche, überwiegend mit "Dreck- und Mistsau" gespickte Taten, die das Fundament der Anklage bilden.

Noch vier weitere Monate lang notierte die alleinlebende Frau alles, was nachts durch ihre Wände gedrungen sein soll, etwa "S. hämmert an die Wohnzimmerwand und ruft zu seiner Freundin im Schlafzimmer: ‚Hey, die alte Sau da drüben ist heute noch gar nicht aufgestanden!'" Sie will sogar Beschimpfungen zu Zeiten gehört haben, als ihr Nachbar in einer Klinik weilte, um sich ein neues Hüftgelenk einsetzen zu lassen. Vor Gericht gibt die Beleidigte an, sie sei mit "Votze" und Pottsau" tituliert worden, Wörter, die in der Anklage gar nicht auftauchen. Wie glaubwürdig ist diese Zeugin?

Ist die Version mit dem "ominösen Hasen", wie es der Richter formuliert, vielleicht doch nicht so abwegig? Vorsichtshalber fragt der Vorsitzende jeden Zeugen, ob er etwas über Seilers Haustier wüsste. Doch die wissen kaum etwas über das Kaninchen. Die Freundin des Angeklagten und einzige intime Kennerin von Fettis Gewohnheiten erscheint erst, als sich das Gericht bereits auf die Einstellung des Verfahrens geeinigt hat, Seiler muss nur seinen Anwalt zahlen.

Richter zweifelt am Kaninchen

Für einen Freispruch hätte der Richter weitere Nachbarn hören müssen, vor allem solche, die ebenfalls Wand an Wand mit dem Angeklagten wohnen. Der Staatsanwalt ist jedenfalls nicht von der völligen Unschuld des Angeklagten überzeugt: "Mit 'fette Bittner' wird kaum das Kaninchen gemeint sein!"

Die Einstellung kann das Gericht guten Herzens vertreten, denn nach neun Jahren, die sie mit dem Angeklagten Schlafzimmer an Schlafzimmer und Wohnzimmer an Wohnzimmer lebte, ist Andrea Bittner ausgezogen. "Sonst wäre die Liste noch länger geworden", sagt Frank Seiler. "Wat die allet uffjeschrieben hat..."

Auf dem Flur erzählt er dann von seinem verstorbenen Hausgenossen, der ohne Käfig bei ihm lebte. Mit Schwachstrom habe er ihn gelehrt, keine Kabel anzuknabbern. "Man muss viel Zeit mit so einem Tier verbringen", sagt Seiler während seine blauen Augen schalkhaft blitzen. "Man muss viel mit ihm reden!"

* Namen von der Redaktion geändert

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