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"Icke muss vor Jericht": Schmerzhafte Autoliebe und teure Schläge

Liebe macht bekanntlich blind. Nicht selten auch die Liebe zum Auto. So hatte ein junger Autofan nur Augen für seltene Oldtimer und achtete dabei nicht darauf, dass sie auf privatem Grund standen. Der Besitzer hatte wenig Verständnis für die Begeisterung des Fremden, traktierte ihn mit einem Totschläger. Nun sahen sich die Männer vor Gericht wieder.

Von Uta Eisenhardt

Die Liebe zu einem Lamborghini brachte einem Autonarren schmerzhafte Schläge ein

Die Liebe zu einem Lamborghini brachte einem Autonarren schmerzhafte Schläge ein

Ein blauer Lamborghini, ein Mercedes "Strich-Acht" Cabriolet und eine Harley Davidson; dazu ein kaufmännischer Angestellter, der über sich selbst sagt, er könne dem Anblick von Autos nicht widerstehen können: "Ich bin ein Mann!" Das sind die Zutaten für eine Geschichte über Autoliebe, Hausfriedensbruch und Gewalt. Er habe sein Fahrrad abgestellt und sei direkt zu den automobilen Kostbarkeiten gestrebt, berichtete Daniel Günther* vor Gericht. Einen Zaun will er auf dem Weg in die Tiefgarage mit mehreren edlen fahrbaren Untersätzen nicht bemerkt haben. "Das ist doch ein Haus, wie kann man das nicht für voll nehmen", fragte die Staatsanwältin den Zeugen der Anklage. Der 34-Jährige verteidigte sich: "Ich habe doch nur das Auto gesehen. Das wollte ich mir angucken. Männer sind halt so!"

Pensionierter Diplom-Ingenieur mit Totschläger

Seine Neugier sollten ihm neben einer Verurteilung zu 750 Euro Geldstrafe wegen Hausfriedensbruchs auch schmerzhafte Blessuren eintragen. Denn Haus- und Autobesitzer Georg Prötzel* verscheuchte den Eindringling mit einem Totschläger. Dreimal knallte er die Stahlrute auf den Körper des Einfringlings. Eine völlig überzogene Reaktion, fand die Staatsanwaltschaft und verschickte wegen gefährlicher Körperverletzung einen Strafbefehl über 2250 Euro (90 Tagessätze). Doch im Gerichtssaal wollte der pensionierte Diplom-Ingenieur und Architekt die Richterin von einem ganz anderen Tathergang überzeugen.

Er habe gerade eines seiner Autos gesäubert und sei zum Duschen ins Haus gegangen, berichtete der frühere Ingenieur. Die Garage habe er offen gelassen, weil er gleich wegfahren wollte. Seine Frau habe ihn auf den ungebetenen Besucher aufmerksam gemacht. Georg Prötzel sei in die Garage gelaufen, wo er den jungen Mann überrascht habe: Dieser soll auf der Harley gesessen haben, in der ein Zündschlüssel steckte. Den habe der Motorrad-Dieb zuvor aus dem unverschlossenen Schlüsselkasten neben der Eingangstür entwendet haben müssen, meinte der Angeklagte.

"Mächtig was auf die Jacke"

Und nicht nur das: "Der ist auf mich losgegangen", behauptete der stämmige Mann, dessen faltige Hängebäckchen ein kurzer Bart bedeckt. "Es gab ein Handgemenge. Er drohte mir, ich kriegte mächtig was auf die Jacke! Das ist ein junger, kräftiger Mann, ich dagegen bin 70 und einigermaßen krank!", beteuerte Georg Prötzel. Der Jüngere habe ihn vor die Brust gestoßen, er sei zurückgetaumelt und in die Knie gegangen, direkt neben dem Werkzeugwagen. Dort habe er den Besenstiel gesehen, der sonst die Motorhaube des Mercedes offen halte. Diesen habe er genommen und sich gewehrt. "Ich wusste mir nicht zu helfen", beteuert der Rentner. Er sei zwar nicht verletzt worden, da der Angreifer von ihm abgelassen habe, aber er habe sich übergeben müssen.

Wie erklären Sie sich dann die Verletzungen des jungen Mannes, fragte die Richterin. Nun ja, antwortet der Angeklagte, er habe kräftig geschlagen und sein Gegner habe an diesem Septembertag nur eine dünne Jacke getragen. "Die Verletzungen sehen aber nicht nach einem Stock aus", sagt die Richterin. "Ich habe keinen Totschläger", beharrt Georg Prötzel. "Der Polizei haben Sie gesagt, Daniel Günther habe neben der Harley gestanden", hält ihm die Richterin weiter vor.

"Nein, er saß auf dem Motorrad, dafür gibt es sogar Beweise", sagt der Rentner. Er benutze zum Motorrad-Fahren nämlich immer eine alte Ski-Brille. Diese habe er auf dem Sitz festgeklemmt. Weil man sich aber schlecht auf die Brille drauf setzen könne, muss der junge Mann diese abgenommen und in einen Strauch in der Durchfahrt gehängt haben. Dort habe er sie später gefunden. Das sei allerdings kein Beweis, entgegnet die Richterin und bat den Kläger Daniel Günther in den Verhandlungssaal.

Ein Rentner greift durch

Der kräftige Rotblonde will sich damals in der Garage umgeschaut, aber niemanden entdeckt haben, den er nach den Oldtimern hätte fragen können. Plötzlich sei der Besitzer um die Ecke geschossen und habe ihn gefragt, was er in der Garage zu suchen habe. Dies sei Privateigentum. Er habe sich entschuldigt, beteuerte Daniel Günther. "Ich zeige dir gleich, was ich mit solchen Leuten mache", soll der Angeklagte jedoch entgegnet haben. Der Eindringling will nun ein Ratschen ähnlich dem Öffnen eines Klettverschlusses vernommen haben. Kurz darauf hörte er ein zweifaches metallisches Klacken. Er habe sich umgedreht und einen Totschläger in der Hand des Rentners erkannt. "Ich habe gedacht, er droht mir nur", sagt Daniel Günther aus. "Aber er hat zugeschlagen."

Drei Hiebe hätten ihn auf dem drei Meter langen Weg ereilt, so die Aussage des Klägers. Der erste habe ihn am Oberarm getroffen, der zweite am Rücken und der dritte hätte wohl seinen Kopf getroffen, wenn Daniel Günther nicht aus der Tiefgarage gelaufen wäre. So habe die Rute nur seine Gürteltasche erwischt und das darin befindliche Handy zerlegt. "Sie müssen mich nicht schlagen", will er dem Autobesitzer zugerufen haben. Doch dieser habe nur entgegnet: "Ich treibe dich hier raus wie einen räudigen Köter!"

Der Verprügelte berichtet weiter, er habe den Rentner informiert, dass er die Polizei rufe. Dann wartet er vor dem Grundstück auf das Eintreffen der Beamten. Unterdessen habe Georg Prötzel das Tor verschlossen und in der Garage "herumrumort", erinnerte sich der Zeuge in eigener Sache. Der Alte habe die Garage durch einen Hinterausgang verlassen und sei in sein Haus gegangen. "Er wird den Totschläger gut versteckt haben", sagt Daniel Günther vor Gericht. Die Beamten durchsuchten zwar die Garage, fanden dort aber keine der seit April 2008 verbotenen Waffen.

"Der Angeklagte sagt, Sie hätten ihn geschlagen", fragt die Richterin. "Ich habe ihn nicht angefasst", beteuert Daniel Günther. "Das ist ein alter Mann. Warum sollte ich den angreifen?" Eine Ski-Brille will er nicht gesehen haben, auch keinen Schlüsselkasten. Aber im Motorrad habe ein Schlüssel gesteckt, möglicherweise auch im Mercedes, dessen Motorhaube offen gestanden habe.

"Die Stasi und die Nazis haben damit gearbeitet"

Woher er wisse, wie ein Totschläger aussieht, fragt der Verteidiger schließlich den Zeugen. Daniel Günther reagiert verärgert: "Die Stasi und die Nazis haben damit gearbeitet. In jedem Bildarchiv kann man die Dinger sehen. Die gab es in Läden zu kaufen, bis man sie endlich verboten hat!" Zudem habe ihm seine Ärztin bestätigt, die Schlagspuren seien untypisch für ein Holzstück. Dieses könne sich nicht um einen Oberarm herumwickeln. Glücklicherweise seien seine Verletzungen nicht sehr schwer gewesen und gut verheilt. Ihn ärgere aber, dass der Angeklagte seine Tat abzustreiten suche.

In einem Gespräch hinter verschlossenen Türen bieten Richterin und Staatsanwältin dem Verteidiger des aggressiven Oldtimer-Besitzers an, den Einspruch gegen den Strafbefehl zurückzunehmen. Anderenfalls werde die Geldstrafe noch deutlich höher als die schon geforderten 750 Euro ausfallen. Sie halte den Angeklagten für schuldig und habe zudem den Eindruck, dass er angesichts seines Vermögens mehr als den geforderten Betrag zahlen könne, sagt die Richterin. Widerwillig stimmt Georg Prötzel dem Vorschlag zu. Sein Anwalt erklärt die Niederlage mit der Person der Richterin: Diese habe ihm zur Begrüßung nicht einmal die Hand gegeben.

* Namen von der Redaktion geändert