"Icke muss vor Jericht" Tanz mit dem Feuer


Es sollte eine lustige Betriebsfeier für Krankenpfleger werden. Gegen Mitternacht gab es flambiertes Eis, dazu trat eine Bauchtänzerin auf. Doch die feucht-fröhliche Party nahm ein schreckliches Ende, schreibt Uta Eisenhardt in ihrer Gerichtskolumne.

Gefasst betritt Corinna Margarete Wiese* den Gerichtssaal. Die schlanke, schwarzhaarige Frau mit dem strengen, geflochtenen Zopf, der spitzen Nase und dem schmalen Mund sitzt das erste Mal als Angeklagte vor einem Richter. Sechs Menschen bescherte die 49-Jährige durch unsachgemäßen Umgang mit der leicht brennbaren Flüssigkeit Iso-Propanol erhebliche Brandverletzungen. Die Staatsanwältin wirft ihr fahrlässige Körperverletzung vor.

Bauchtanz als Partyanheizer

Sie arbeite als "Dozentin für orientalischen Tanz", antwortet die gelernte Schuhverkäuferin auf die Frage des Gerichts. Zehn Monate ist es her, da wurde Corinna Wiese als Bauchtänzerin von einem Ambulanten Krankenpflegedienst für eine Betriebsfeier gebucht. "Es sollte eine Mitternachtsüberraschung werden, eine besondere Attraktion", sagt die Sekretärin des Pflegedienstes, die sich um die Organisation kümmerte. Von einer Feuershow sei bei der Buchung aber nicht die Rede gewesen, sagt die Sekretärin dem Gericht.

Offensichtlich will sie nicht mitschuldig sein an dem schrecklichen Unglück ihrer Kollegen, denn die Bauchtänzerin und eine ihrer Schülerinnen, die zufällig das Telefonat mitbekam, erinnern sich deutlich an die Bestellung einer Feuerkünstlerin. Die Angeklagte will der Sekretärin erklärt haben, sie würde kein Feuer mehr spucken. Ein Kollege von ihr habe damit einen Unfall gehabt, weil sich das Feuer plötzlich in gänzlich anderer Richtung ausgebreitet hatte als geplant. Wiese bot der Sekretärin an, mit phosphoreszierenden Lichtern, so genannten Knick-Lichtern, zu tanzen. Dieser Vorschlag gefiel jedoch ihrer Auftraggeberin nicht. Zu Mitternacht gäbe es flambiertes Eis, dazu würde Feuer besser passen. Für 150 Euro wurde Wiese engagiert.

Feuerspiel wird Partygästen zum Verhängnis

250 Menschen feierten an jenem Freitag im September im Festsaal eines Hotels. Kurz nach Mitternacht erschien die Bauchtänzerin am Rande der Tanzfläche. Zuvor hatte sie ihre Feuerschalen mit Steinwolle bestückt und mit Iso-Propanol getränkt. Sie stellte die Schalen auf einer Metallkiste ab und zündete die Steinwolle an. Fünf Meter von ihr entfernt tanzten etwa zwanzig Menschen, darunter auch fünf Frauen und ein Mann, die einen Kreis gebildet hatten.

Zehn Minuten später drohten die Flammen in den Feuerschalen zu erlöschen. Die Tänzerin beschloss, noch etwas von dem leicht entzündlichen Iso-Propanol auf die Steinwolle zu gießen. Als sie dies in die Tat umsetzte, schoss eine grelle Stichflamme in Richtung der Tanzfläche. Sie erfasste Haut und Kleidung der dort befindlichen Menschen. Sie schrieen vor Schmerzen. Sechs Tänzer erlitten Verbrennungen ersten und zweiten Grades. Bei einer Frau wurden 40 Prozent der Hautoberfläche geschädigt, obwohl ein Kollege sofort versuchte, mit bloßen Händen ihre brennende Kleidung zu löschen. Corinna Wiese erlitt einen Schock.

Doch wie konnte das geschehen? Aus Sicht der Staatsanwältin sei das Iso-Propanol an der aufgeheizten Steinwolle und der Feuerschale verdampft. Dadurch sei ein brennbares Gas-Luft-Gemisch entstanden, das sich an der Flamme entzündet habe. Doch diese Reaktion widersprach den Erfahrungen der langjährigen Feuertänzerin. "Ich habe das schon öfter gemacht, ich arbeite immer mit Iso-Propanol", sagt sie. Es sei ein Mittel, das man für den Tanz in Innenräumen benutzt. Sie kann sich das Ganze nur mit dem Aceton erklären, das man nach dem Unfall auf der Steinwolle fand, als man diese einer Analyse unterzog. "Ich kann nicht verstehen, wie Aceton auf die Steinwolle gelangt ist. Das habe ich nicht verwandt", sagt die Angeklagte. Die Steinwolle sei neu gewesen. Sie habe sie frisch abgeschnitten, die Stückchen dann verpackt und im Hotel wieder ausgepackt. "Ich habe sie aber nicht analysiert."

Gericht verurteilt die Tänzerin

Der Unfall sei für sie nicht vorhersehbar gewesen, erklärt Wiese dem Gericht, es täte ihr dennoch schrecklich leid. "Ich bin zwar nicht an der Haut verletzt worden", sagt sie kurz vor der Urteilsverkündung, "aber an der Seele." Sie würde mit den Geschädigten leiden, könne nicht mehr schlafen und habe sich deshalb in Therapie begeben, sagt die Angeklagte und beteuert: "Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt." Ein Brandmeister der Feuerwehr, mit dem sie über das Unglück sprach, bestärkte sie in der Ansicht, Iso-Propanol würde keine riesige Brandwolke erzeugen. Gern hätte der Experte den Hergang des Unfalls rekonstruiert, doch die Tänzerin konnte ihm nichts von der verwendeten Steinwolle anbieten - die war bereits beschlagnahmt.

25 000 Euro habe eine Rechtsanwaltskanzlei bereits von Wiese gefordert, sagt ihr Verteidiger. Die Angeklagte, die von ihren Honoraren als Tanzlehrerin und von Hartz IV lebt, meldete bereits Insolvenz an. Doch trotz ihrer Reue und ihrer persönlichen Betroffenheit kann ihr der Richter nicht den Schuldspruch ersparen. "Ich glaube Ihnen, dass Sie unter dem Vorfall selbst leiden. Es war ein Unfall, das ist auch dem Gericht bewusst", sagt der Richter. Dennoch handele es sich um eine fahrlässige Körperverletzung, die erhebliche Verletzungen nach sich gezogen hat. Er verurteilt Corinna Wiese zu acht Monaten Haft auf Bewährung.

*Name von der Redaktion geändert


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