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"Icke muss vor Jericht": Thronsturz im Rotlichtmilieu

Von Prügeleien im Milieu erfährt die Justiz eher selten. Diesmal brachte ein Missverständnis vier Männer auf die Anklagebank - und bescherte dem lädierten König der Oranienburger Straße einen letzten glanzvollen Auftritt. Neues von Uta Eisenhardt aus dem Berliner Amtsgericht.

In Moabit herrscht Sicherheitsstufe, doch nicht nur im Kriminalgericht rüstet man sich für den Prozess gegen vier Männer mit Kontakten ins Rotlichtmilieu. Auch das kleine Cafe gegenüber hat sich auf den extremen Hunger der braungebrannten, muskulösen Männer aus dem Publikum eingestellt - in der Mittagszeit werden Unmengen hart gekochter Eier und Quarkspeisen mit Früchten verkauft.

Kampf um den Straßenstrich

Im Gerichtssaal sitzen die muskulösen Angeklagten hinter Panzerglas, vor ihnen haben ihre Anwälte Platz genommen: Die Mandate scheinen nach der Haarfülle verteilt, denn die glatzköpfigen Anwälte verteidigen die kahlen Angeklagten und umgekehrt. Im Prozess geht es um gefährliche Körperverletzung im Rotlichtmilieu. Diese wurde verübt im Kampf um die wirtschaftliche Vorherrschaft in der Gastronomie und Hotellerie auf der Oranienburger Straße, die unter Insidern als lukrativster Straßenstrich Deutschlands gilt.

Dessen unangefochtener Chef war über ein Jahrzehnt der Boxpromoter und Sportstudio-Betreiber Wolfgang Sparing* (56), der eine Verbindung zum Rotlichtmilieu jedoch stets bestreitet. Auch im Gerichtssaal gibt er als Berufsbezeichnung lediglich "Gastronom" an, was vom Publikum mit lautem Gelächter quittiert wird. Heute ist der frühere König nur noch ein Großherzog, der sich sein Revier mit einem anderen teilen muss, so die Experten vom Landeskriminalamt (LKA). Seine Demontage begann mit einer Schlägerei, die ihn ins Krankenhaus und die vier Angeklagten in Untersuchungshaft brachte. Jetzt hat Wolfgang Sparing seinen Auftritt als Zeuge und Nebenkläger, eine Rolle, die Männer aus dem Milieu äußerst selten spielen.

Mit einer Hantel attackiert

Am späten Abend des 8. Januar trainierte Sparing in seinem Sportstudio namens "Eisenhaus". Er habe gerade am Sandsack geboxt, als die vier Angeklagten in den Raum stürzten. "Ich hatte zwei Sekunden. Da konnte ich gerade einen der Boxhandschuhe ausziehen", sagt der kräftige, blonde Mann mit dem charismatischen Magier-Bart vor Gericht. Dann hätten drei Leute auf ihn eingeschlagen. Zuerst habe er Thomas Gaffke* (47) erkannt, dann Andreas Großmann* (51). "Andy, du wolltest doch mal mein Freund werden!", will Sparing zu ihm gesagt haben. "'Du bist fertig, du bist weg!', haben die zu mir gesagt", erinnert sich das Opfer im Gerichtssaal.

Großmann habe ihn mit einer zehn Kilogramm schweren Hantel attackiert. "Dabei hat er es vorwiegend auf die Knie- und Armgelenke abgesehen", sagt der Geschlagene. Noch während des Überfalls betrat ein Bekannter von Sparing den Raum. Die Meute sah den zufälligen Besucher und sei sofort gemeinschaftlich über diesen hergefallen, so der "Eisenhaus"-Betreiber. Als sie beide bewegungsunfähig am Boden lagen, müssen die vier weiter gezogen sein, um noch zwei weitere Männer aus Sparings Umfeld zu traktieren: Einer von denen erlitt ein Brillen-Hämatom begleitet von der Aufforderung, die Waffe herauszugeben, die Sparing schützen sollte. "Vier Herren mussten damals ins Krankenhaus", fasst der Staatsanwalt das Geschehen zusammen.

Der Grund? Keine Ahnung!

Zwei Wochen lag Sparing dort: Sein linkes Wadenbein war gebrochen, ein Kreuzband im Kniegelenk hatte sich vom Knochen gelöst, der linke Arm war ausgekugelt. Der Notarzt informierte damals die Justiz über die gefährliche Körperverletzung. Die ist ein Offizialdelikt und wird unabhängig von der Anzeige eines Opfers verfolgt. So musste in einem Milieu ermittelt werden, indem es naturgemäß nur wenig Gesprächsbereitschaft gibt. Selbst das Opfer Wolfgang Sparing hält sich bedeckt: "Den Grund kann ich mir nicht erklären."

Ein Experte des LKA schildert dem Gericht folgende Version: Im vergangenen Jahr entbrannte um die Oranienburger Straße ein Verteilungskampf zwischen einem Motorradclub namens MC "Gremium" und diversen Lagern der als "Berliner Jungs" bezeichneten Zuhälter. Im Dezember wurde das in Berlin-Mitte befindliche "Zille-Eck", Hauptquartier der "Berliner Jungs", von 20 Leuten überfallen. Die Einrichtung wurde zerschlagen, die Anwesenden verprügelt - nur Sparing bekam nichts ab. Da stimme etwas nicht, stellte Andreas Großmann fest.

Klartext in der "Gefährdeten-Ansprache"

Kurze Zeit später forderte Großmann vom damaligen Rotlicht-König Geld zurück, doch Sparing ließ ihn von seinen Leuten festhalten und verprügeln. Großmann soll sich in dieser Situation an das LKA gewandt haben. Es war nicht sein erster Kontakt zu den Beamten der Abteilung "Organisierte Kriminalität". Er galt als Ansprechpartner für die Oranienburger Straße, Sparing soll ihn darum auch auf Zetteln an den Bäumen als Polizeispitzel bezeichnet haben. Die Beamten sprachen mit Großmann, als auf dem Strich Drogen aufgetaucht waren und später noch einmal, weil das LKA dort eine Waffe vermutete. Um die Polizei vorzuwarnen, kündigte Großmann auch die bevorstehende Auseinandersetzung mit Sparing an, sagt der Staatsanwalt. Daraufhin gab es eine sogenannte "Gefährdeten-Ansprache" durch das LKA, so nennt die Polizei die Ermahnung ihrer Pappenheimer.

Eine solche fand zwölf Tage vor der Tat in einem Cafe statt. Der Beamte des LKA forderte Andreas Großmann eindringlich auf, keine Straftaten zu begehen. Er soll aufgezählt haben: Nicht morden, nicht brandschatzen, nicht Sparings Kinder entführen. Über den weiteren Gesprächsinhalt gehen die Meinungen nun auseinander. Der LKA-Mann und der Staatsanwalt sagen: Die Möglichkeit eines Kampfes Mann gegen Mann sei unerwähnt geblieben und darum will Großmann kombiniert haben, der sei quasi von behördlicher Seite genehmigt.

Alles nur ein Mißverständnis

Großmann dagegen sagt, der LKA-Mann habe ihm bedeutet, sie würden sich doch sowieso jeden Tag die Köpfe einhauen, also könnten sie ihre Streitigkeiten auch in einem fairen Zweikampf regeln. Dabei seien alle Beteiligten davon ausgegangen, dass eine solche Auseinandersetzung niemals der Justiz zu Ohren kommt. "Der LKA-Mann gab mir das Okay", beteuert Großmann, dessen Gesicht für einen ehemaligen Boxer ungewöhnlich fein geschnitten ist. "Hätte der Beamte gesagt, ich darf überhaupt nichts machen, hätte ich mit Sicherheit nicht die Sache selbst in die Hand genommen und es gäbe nicht diesen Prozess."

Er sei in jener Nacht losgezogen, weil "ich es nicht besser gewusst habe." Ein paar Stunden vor der Tat informierte er seine drei Freunde: Matthias Münz* (40) und den Kaufmann und Boxpromoter Thomas Gaffke - ein ehemaliger Geschäftspartner von Sparing. Außerdem holte er noch den Türsteher Ingmar Ragwitz* (39) dazu, der in seinem Haus wohnt und Sparing gar nicht kannte. Ragwitz sagt, er habe Andreas helfen wollen, weil der damalige Rotlicht-König einen Killer auf seinen langjährigen Freund angesetzt hatte. Außerdem hatte Großmann gehört, der geschwächte König habe sich bewaffnet. Darum hätten die Angeklagten Schusswesten, Schienbein-Schoner und schlagverstärkende Quarzsand-Handschuhe angelegt, damit "meine Knochen heile bleiben, wenn es los geht", sagt Ingmar Ragwitz. Dazu hätte es auch keiner großen Vorbereitung bedurft, argumentiert sein Verteidiger: "Die Leute arbeiten in der Sicherheit, die haben solche Dinge im Kofferraum zu liegen."

Und wieder: die Hantel

Trotz ihrer Vorkehrungen hätten sie im "Eisenhaus" den fairen Zweikampf "Mann gegen Mann" gesucht. Sie seien aber sofort vom Hausherrn mit der Hantel angegriffen worden, sagen die Angeklagten. Es klingt tatsächlich plausibel, wenn sie beteuern, Sparing nutzte einen Gegenstand aus seinem Haus zum Prügeln. Plausibler, als wenn Sparing vorgibt, die Angreifer hätten sich darauf verlassen müssen, ihr Prügelwerkzeug bei ihrem Opfer zu finden.

Mit der Abreibung von Sparing und dessen drei Bekannten hätten sich Großmann und Co. nicht begnügt, sagt ihr Opfer. Wenige Tage später besuchten sie den Schwerverletzten im Krankenhaus. "Herr Sparing, Sie haben Besuch!", habe die Schwester ihm gesagt, dann standen Großmann und vier seiner Freunde vor seinem Bett und hätten ihn fotografiert. Die Fotos hätten sie dazu benutzt, um ihn in seinem Zustand bloßzustellen, so der Fotografierte. Die Angeklagten argumentieren, wenn sie das hätten tun wollen, hätten sie die Fotos auch gleich im "Eisenhaus" machen können. Ihnen sei es vielmehr darum gegangen, die Gerüchte über Messer- und Hantelverletzungen auszuräumen, die ihr Opfer herum posaunt hatte. Kurz darauf schickten sie Sparing einen anonymen Brief: "Du solltest diesmal deine Gegner ernst nehmen", stand darin. Ein weiteres Schreiben, das mit "Gruppe der betrogenen, geblendeten, getäuschten, ehemaligen Partner des Wolfgang Sparing" unterzeichnet war, ging an den Boxverband.

"Die Wahrheit liegt in der Mitte"

Vehement bestreiten die vier, den Boxpromoter zu mehreren überfallen zu haben. Würde das Gericht ihnen glauben, könnte ihnen nur einfache und keine gefährliche Körperverletzung vorgeworfen werden. Die Strafen dafür sind erheblich milder. Allerdings sprechen Sparings Verletzungen für einen Kampf mit mehreren Gegnern, denn der Box-Promoter wies an allen vier Gelenken starke Überdehnungen auf. Dazu musste Sparing zuvor fixiert werden, das ist in einem fairen Zweikampf unmöglich. Allerdings ist auch die Version von der Hantel, mit der geprügelt worden sei, unglaubhaft - denn nach einer minutenlangen Attacke mit einer solchen hätten Sparings Knochen nur noch aus Splittern bestanden. "Beide Seiten haben Grund, die Unwahrheit zu sagen", meint der Staatsanwalt. "Sparing muss seinen Ruf als starker Mann wahren und Großmann den als fairer Zwei-Kämpfer".

Die Amtsrichterin glaubt: "Die Wahrheit liegt in der Mitte", in der Mitte der Angaben des Nebenklägers und jener der Angeklagten, die sich auch im Gerichtssaal stellvertretend über ihre Anwälte attackieren. Zuweilen verkommt der neuntägige Prozess "zu einer pöbelnden Muppet-Show", wie es ein Verteidiger formuliert. Die Richterin folgt mit ihrem Urteil der Forderung des Staatsanwaltes, sie mildert lediglich ein wenig die Höhe der Strafen. Wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt sie Großmann zu 34 Monaten, Ragwitz zu 27 Monaten und Gaffke zu 30 Monaten Haft. Münz bekommt wegen Beihilfe 16 Monate Haft zur Bewährung.

Es gibt keine Gewinner

Doch obwohl König Wolfgang "zu 80 Prozent wieder fit ist", hilft ihm die Verurteilung seiner Gegenspieler nicht: Mit seinen für das Milieu bemerkenswerten Aussagen und Identifizierungen vor Gericht hat er in der Szene an Sympathie verloren. Sein Reich ist zerschlagen, zukünftig muss er sich mit Großherzog Andreas das Revier teilen. Der hat wie alle Beteiligten gegen das Urteil Berufung eingelegt und wartet nun in Freiheit auf einen neuen Gerichtstermin.

* Namen von der Redaktion geändert