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"Icke muss vor Jericht": Todesangst eines Widerspenstigen

Ein Anwalt und Philosoph zieht mit seiner Mutter in ein Reihenhaus. Doch die Nachbarn des ruhesuchenden Sensibelchens sind bodenständige Handwerker, deren Lebenslust den Doktor und seine Mutter beinahe umgebracht haben soll. Leider prangert der Mann in seiner Anzeige den Falschen an.

Von Uta Eisenhardt

Angeblich zu laute Musik in einem Berliner Reihenhaus hat auch das vermeintliche Opfer der Lärmbelästigung vor Gericht gebracht

Angeblich zu laute Musik in einem Berliner Reihenhaus hat auch das vermeintliche Opfer der Lärmbelästigung vor Gericht gebracht

In der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 2005 wäre Dr. Jens-Jörg Steinmeier* fast gestorben. Oder seine 82-jährige Mutter. Todesursache: "Die letale Wand eines Infernos". Das diagnostiziert jedenfalls der Jurist und promovierte Philosoph. "Es war Schwerlastkrach. Ich dachte, ein Flugzeug fliegt aufs Haus oder ein Meteor."

Der 44-jährige zeigte seine Nachbarin Marlies wegen vorsätzlicher Körperverletzung an. Eine Woche später änderte er seine Anzeige und behauptete, deren Mutter Anita sei die Ruhestörerin gewesen. Nun sitzt der Anzeigende selbst wegen falscher Verdächtigung vor dem Richter: ein großer, schlanker Mann mit wässrigen Augen, spitzer Nase und hoher Stimme. Sein helles Haar, das langsam schütter wird, fällt noch immer in weichen Wellen. Man kann sich gut vorstellen, wie Mutti ihr Lockenköpfchen stets vor allem Bösen in der Welt beschützt hat.

Schwer verschuldet für die Lebensabend

Vor zehn Jahren kaufte Steinmeier für sich und seine Mutter ein Reihenhaus in einer Westberliner Villengegend. Dafür habe er sich schwer verschuldet. "Ich dachte, ich finde Lebens-, Arbeits- und Studienruhe", sagt der Angeklagte. Darum habe er sich gleich nach den Nachbarn erkundigt. Mit denen gäbe es keine Probleme, versicherte ihm die Verkäuferin.

Die Nachbarn, das war die Familie Tespe*: Der 90-jährige Vater Paul, dessen Kinder Günter und Anita sowie Enkelin Marlies. Die erste Begegnung mit dem Handwerker Günter Tespe fand im Garten statt: "Mit offenem Bademantel, so dass man sein Altmänner-Gemächt sehen konnte, begrüßte er mich als "Arschloch!", sagt der Angeklagte. Dann habe der Bademantelträger seine Anlage aufgedreht. Die Tiroler Musik habe man bis in Steinmeiers Dachgeschoss gehört. Der fast taube Vater Paul Tespe habe jeden Tag seinen Fernseher auf Dröhnlautstärke gestellt. Und aus Anitas Wohnung drang: "Hier kommt der Eiermann." Zudem hätten Tespes Hunde stundenlang in ihrem Zwinger geheult.

"Die Hölle meines Lebens"

Wohin bin ich geraten, habe Steinmeier sich gefragt. "Ich habe die Hölle meines Lebens, ein Waterloo erlebt." Seine Psyche habe einen Knacks bekommen. "Da kann man doch nicht wohnen. Da kann man sich einen Strick nehmen!", sagt der Angeklagte. Mit dieser Erkenntnis sei das Haus unverkäuflich gewesen. Er habe die Polizei geholt, das Bezirksamt verständigt, doch alle hätten nur "Du, du, du!" bei den Tespes gemacht. Der Krach sei geblieben.

"Ich hatte schwer gearbeitet, auch wissenschaftlich. Die Justiz hat mich alle Zeit allein gelassen, aber meine Steuern nimmt man. Ich habe noch nie einen tieferen Fall des Rechts erlebt", klagt das Muttersöhnchen. Mit niemandem hätte er sich solidarisieren können, er sei Tespes einziger Nachbar gewesen. "Wer Lärm abbekam, war ich."

Mit Vorwürfen überzogen

Seine Nachbarin Anita Tespe erinnert sich noch gut an ihn: "Jeder wurde mal von Herrn Steinmeier mit Vorwürfen überzogen", sagt die zierliche, turbogebräunte Rentnerin vor Gericht. "Mal war es der Grill, mal die bellenden Hunde, mal hatte der Postbote die Briefe nicht richtig rein gesteckt."

Im Frühjahr 2005 zog Enkelin Marlies Tespe vorübergehend in die Wohnung ihrer Mutter Anita: "Ins schwarz ausgebaute Dachgeschoss", bemerkt Steinmeier gegenüber dem Richter. Mit "drei Kötern - zwei bissigen Kampfkötern und einem kleinen Kläffer" hätte sich die junge Frau einquartiert. Statt Eiermann habe es nun Disco-Musik gegeben, just als ein Mandant bei Steinmeier weilte. "Mir trat vor Peinlichkeit und Scham der kalte Schweiß auf die Stirn", bekundet der Jurist.

Herzinfarkt und Schlaganfall greifbar nahe

Ihren Höhepunkt hätte die Lärmbelästigung in jener Oktobernacht erreicht, die Steinmeier dazu bewog, seine Nachbarin anzuzeigen. Er und seine Mutter hätten am ganzen Leibe gezittert, ihre Köpfe schmerzten, die Herzen rasten. "Ich war noch nie in echter Todesgefahr", sagt der Angeklagte, aber diesmal seien Herzinfarkt und Schlaganfall greifbar nahe gewesen. Steinmeier rief die Polizei, so wie er sie bereits x-mal gerufen hatte. Doch wie zum Hohn sei der Lärm kurz vor dem Eintreffen der Beamten verklungen. Als diese abgerückt waren, erblickte Steinmeier "diejenige, die mich und meine Mutter fast getötet hätte": Marlies Tespe. "Jetzt heißt sie anders", sagt der Angeklagte. "Offensichtlich hat die doch tatsächlich jemand geheiratet!"

Mit grinsendem Gesicht betritt die blondgesträhnte Zahnarzthelferin den Verhandlungssaal. Marlies Panitsch*, vormals Tespe, will jene Oktobernacht nicht in der Wohnung ihrer Mutter verbracht haben, bekundet sie vor Gericht. Sie sei bereits im September in eine eigene Wohnung gezogen.

"Lärm-Terror-Täterin"

Noch Tage nach jener Lärmnacht sei er wie benommen gewesen, sagt Steinmeier. Er habe unter einem Kreislaufschock, Schwindelanfällen und Schweißausbrüchen gelitten. "Es hat mich fast aus dem Leben geschmissen." Er zeigte die "Lärm-Terror-Täterin" an. Doch bei der Polizei habe man ihm gesagt, die Tochter Marlies sei dort polizeilich nicht gemeldet, man müsste das Ermittlungsverfahren einstellen. Ob er statt dessen lieber Anita Tespe anzeigen wolle, die würde dort wohnen.

"Werden Sie inzident auch gegen die wirkliche Täterin vorgehen, wenn ich auf Anita umstelle?", will Steinmeier gefragt und ein "laues Ja" zur Antwort bekommen haben. Aus Angst vor einer Einstellung der Ermittlungen habe er die Anzeige geändert. "Ich kann doch nicht schreiben, die Polizei weiß nicht, was sie tut! Ich hätte am liebsten geschrieben, die Polizei ist ein bisschen doof!", sagt der Angeklagte.

Richter glaubt dem Angeklagten nicht

Der Richter glaubt diese Erklärung nicht, denn nach Aktenlage wurde die Polizei erst im November durch die Staatsanwaltschaft informiert, an die Steinmeier seine Anzeige geschickt hatte. Der Wechsel von Marlies auf Anita erfolgte aber schon im Oktober. "Die Polizei kann dem Erstatter einer Anzeige keine Anweisung geben", sagt der Richter. "Als langjähriger Anwalt weiß ich, die Polizei sagt viel, wenn der Tag lang ist", kontert der Angeklagte. "Was soll ich machen? Ich muss doch meine Mutter und mich schützen. Ich muss doch endlich mal bewirken, dass ermittelt wird!"

Nach der Anzeige hätte sich die Lage ein wenig beruhigt. "Nur deshalb konnte ich den Verkauf des Hauses in Angriff nehmen." Dieses sei ihm unter großem Verlust gelungen, der Erlös inzwischen verbraucht. Aus Angst vor Entzug der Anwaltszulassung nehme er momentan keine Mandate an. 200 Euro verdiene er monatlich mit Hilfsarbeiten und Sprechstundenvertretungen. "Nicht nur die Beschäftigung mit der Wissenschaft hat mich unter den Hartz IV-Satz gebracht!", klagt Steinmeier.

Lange Diskussion hinter verschlossenen Türen

Nach langer Diskussion hinter verschlossenen Türen ringt ihm das Gericht dann seine Zustimmung zu einem Kompromiss ab. Das Strafverfahren wegen falscher Verdächtigung wird eingestellt, aber Steinmeier soll 900 Euro Geldbuße an die Caritas zahlen. "Lieber Kinder oder Umwelt", wünscht sich der Angeklagte.

Der Richter ist erleichtert: Er hat diesen widerspenstigen Angeklagten bestraft, ohne ihn zuvor auf Kosten des Steuerzahlers psychiatrisch begutachten zu lassen und ohne dessen 85-jährige Mutter befragen zu müssen, die Steinmeier womöglich in eine Falschaussage getrieben hätte.

In dessen Haus wohnt inzwischen eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern. "Sehr nette Leute", sagt Anita Tespe. Man habe guten Kontakt über den Gartenzaun.

* Namen von der Redaktion geändert