"Icke muss vor Jericht" Tödliches Stelldichein


Eine Frau wird tot in ihrem Auto gefunden. Ihr Liebhaber beteuert, seine Partnerin sei beim Sex gestorben. Ein renommierter Rechtsmediziner stützt diese Aussage und deckt Fehler eines Kollegen auf - jedoch ohne Erfolg vor Gericht.
Von Uta Eisenhardt

Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Wochenlang warb der stämmige, schnauzbärtige Kurde um die füllige Brillenträgerin. Mit Beharrlichkeit und Rosen erreichte Veysel Kilic* sein Ziel: Seine Angebetete gewährte ihm ein Stelldichein. Nach Jahren hatte Marlies Kraatz* wieder Sex - in einem Lieferwagen. Einen Orgasmus erlebte sie dabei nicht. Trotzdem besuchte sie ihren Liebhaber erneut. Es war ein Treffen, das die 53-Jährige nicht überlebte.

Der 58-jährige Kurde schildert die Tragödie so: "Wir saßen auf der Couch und haben uns gestreichelt und geküsst. Dann hatten wir Geschlechtsverkehr. Sie war jemand, der schwer zu befriedigen war. Sie wollte immer mehr Sex. Nach einer halben Stunde hatten wir ein zweites Mal Geschlechtsverkehr. Sie wollte auf allen Vieren sein. Sie sagte ‚immer schneller, immer schneller' und ich musste machen, um sie zu befriedigen. Nach etwa fünf Minuten, als es wie verrückt zur Sache ging, schrie sie ‚Aua!' Ich habe das als lustvollen Aufschrei empfunden und weiter gemacht." Dann habe er Blut an seinem Penis gesehen, den er im Bad wusch.

Angeklagter stellt sich selbst

Er kam zurück ins Wohnzimmer, wo sie reglos auf dem Bauch lag. "Als ich sie umgedreht habe, sah ich, dass sie ganz große Augen hat. Ihr Gesicht war schwarz-lila." Vergeblich habe er sie gerufen und ihren Puls gesucht. Er sei geschockt und verzweifelt gewesen und glaubte, wegen des immensen Blutverlustes seiner Partnerin keine Hilfe holen zu können: "Es sah aus, als hätte ich Frau Kraatz abgestochen."

Er habe an seine in der Türkei lebende Frau und die Schande des Fremdgehens gedacht sowie an die Familie der Toten, die mit einem pflegebedürftigen Mann verheiratet war. Stundenlang habe er rauchend und weinend neben ihr am Boden gesessen. Dann habe er die Leiche rituell gewaschen, angezogen und in Decken gehüllt. Er schleppte sie drei Stockwerke herunter und platzierte sie auf den Rücksitz ihres Autos. Damit fuhr er zu einem Parkplatz zwischen seinem und ihrem Wohnort. Er habe der Toten die Füße geküsst. Dann legte er die Autoschlüssel auf den Beifahrersitz und lief nach Hause.

Am nächsten Tag entdeckten Angehörige die Leiche. Die Kriminalpolizei befragte den Kurden, an den man sich auf Kraatz´ Arbeitsstelle erinnerte. Zunächst bestritt Kilic einen engeren Kontakt zu der Verkäuferin. Seine Energie galt dem Vertuschen: Er entsorgte Handy und Handtasche der Toten, außerdem erneuerte er seine Auslegware.

Einen weiteren Tag später ging er zu der einzigen ihm bekannten Anwältin. Die ging mit ihm zur Polizei. Die ganze Nacht lang verhörte ihn eine Beamtin. Am nächsten Tag sollte er das Geschehene in Gegenwart etlicher Polizistinnen anhand einer Puppe demonstrieren. Vor lauter Scham gab er nur das Nötigste preis.

Tote litt an Bluthochdruck und Asthma

Fünf Monate später verliest der Staatsanwalt eine Anklage wegen Mordes, die sich vor allem auf das rechtsmedizinische Gutachten stützt: Kilic habe seine Geliebte wegen einer beleidigenden Bemerkung über sein sexuelles Leistungsvermögen verletzt. Er habe ihr mit einem unbekannten, kantigen Gegenstand in die Scheide gestoßen. Dadurch rissen die Haut des Scheideneingangs und die Scheidenwand. "Um die massiven Schmerzäußerungen seines Opfers zu unterbinden", habe er dessen Gesicht heimtückisch auf eine Decke oder ein Kissen gedrückt. Der Tod sei wegen des Blutverlustes in Kombination mit Ersticken eingetreten.

Am ersten Prozesstag äußern sich die Schwester und Töchter der Toten. Alle wussten von dem kurdischen Verehrer, dessen Aufmerksamkeiten der unglücklich verheirateten Marlies Kraatz gut getan hatten: "Sie hat abgenommen, ihre Frisur verändert und sich gut gekleidet. Erst habe ich das ihrer Arbeit zugeschrieben", sagt ihre Schwester vor dem Landgericht Cottbus. Nach langer Arbeitslosigkeit hatte die Verstorbene einen Job in einem Presseshop gefunden - gegenüber dem Wohnhaus von Kilic.

Der beteuert seine Unschuld. Er habe Marlies Kraatz keinen Gegenstand beim Sex eingeführt. Starb die an Bluthochdruck und Asthma leidende Frau an einer Medikamentenüberdosis, fragen sich seine Verteidiger, als sie erfahren, dass im Blut der Verstorbenen eine toxische Konzentration eines Beta-Blockers gefunden wurde. Während der Prozess bereits läuft, suchen die Anwälte über die Deutsche Gesellschaft für Kriminalistik verzweifelt nach Sachverständigen, die dieses Rätsel lösen können.

Gutachter deckt Fehler seines Kollegen auf

Sie konsultieren auch Bernd Brinkmann, einen rechtsmedizinischen Experten für Erstickungstode. Nach dem Studium der 1200-Seiten-Akte kann der Professor aus Münster über die Arbeit seines Kollegen nur den Kopf schütteln. Der Brandenburger Rechtsmediziner habe versäumt, ein feingewebliches Gutachten zu erstellen, eine bei Obduzenten unbeliebte Fummelarbeit, auf die man aber bei der Diagnose "Ersticken" nicht verzichten kann. Allerdings gäbe es dafür gar keine Anhaltspunkte: Keine Spuren am Hals der Toten, keine eingeatmeten Fasern, keine Abwehr- oder Kampfspuren.

Brinkmann glaubt vielmehr, dass durch den heftigen Geschlechtsverkehr das Scheidengewebe zerriss, während der Penis Luft in die beschädigten Blutgefäße pumpte. Die Frau sei an einer Luftembolie gestorben. Das hätte man mit einer Routine-Untersuchung feststellen können, auf die der Brandenburger Kollege jedoch verzichtete.

Trotz mehrfacher Anträge auf Anhörung des Münsteraner Professors weigert sich das Gericht, diesen zu hören, "weil das Gegenteil bereits bewiesen sei", so die Begründung. Der Verteidiger hält dies für eine Verletzung der gerichtlichen Aufklärungspflicht.

Neun Jahre sechs Monate fordert der Staatsanwalt für den vermeintlichen Totschlag. Der Angeklagte habe mit seiner Tat den missglückten Geschlechtsverkehr "irgendwie aus der Welt schaffen" wollen. Das sei völlig aus der Luft gegriffen, sagen die Verteidiger und verlangen Freispruch.

Angeklagter: "Ich kann nichts dafür"

Resigniert erklärt der während der Haft ergraute und abgemagerte Kilic vor der Urteilsverkündung: "Wir konnten nicht wissen, dass der Todesengel Azrael neben uns stand. Es hätte doch auch mich treffen können. Ich kann nichts dafür."

Unbeeindruckt verkündet der Richter das Urteil: Neun Jahre Haft wegen Totschlags. Die Verletzung sei nicht durch den Penis entstanden, meint der Richter, obwohl dies ein gynäkologischer Gutachter vor Gericht für möglich hielt. Der Richter hält es für möglich, dass der wenig potente Angeklagte sich mit Marlies Kraatz geeinigt hatte, einen Gegenstand zu benutzen. Als die Frau dadurch verletzt wurde, habe Kilic deren Schreie unterdrücken wollen und die durch den Blutverlust Geschwächte auf den Boden gedrückt, bis diese erstickte.

An der Sachkunde des Münsteraner Professors habe das Gericht keinen Zweifel: "Aber Brinkmann verfügt über keine überlegenen Forschungsmittel. Ein internationaler Ruf gilt nach dem Gesetz nicht als solches."

"Ich habe selten einen Fall erlebt, wo die Chance für eine Revision so gut steht", sagt ein Kriminalist, der die Verteidigung beriet. Seiner Meinung nach musste der Brandenburger Rechtsmediziner beim Auffinden der Leiche von einem Gewaltverbrechen ausgehen. Diese Hypothese wollte dieser dann aus Angst vor einem Rufverlust nicht mehr korrigieren - selbst wenn dies nun einen Menschen die Freiheit kostet.

* Namen von der Redaktion geändert


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