HOME

"Icke muss vor Jericht": Verliebt in den Therapeuten

Eine Frau verliebt sich in ihren Psychologen. Der beendet daraufhin die Therapie. Doch die Klientin bleibt bei ihrer Überzeugung, die Gefühle würden auf Gegenseitigkeit beruhen. 17 Jahre währt der Terror schon und niemand weiß, ob und wie man die Stalkerin stoppen kann.

Von Uta Eisenhardt

Bei den Therapiesitzungen begann die Patientin bald, mit dem Therapeuten zu flirten - und stellte ihm 17 Jahre nach

Bei den Therapiesitzungen begann die Patientin bald, mit dem Therapeuten zu flirten - und stellte ihm 17 Jahre nach

Ihre dicke Lammfell-Jacke möchte sie selbst im beheizten Gerichtssaal nicht ausziehen. Elke Kupfer* verkriecht sich in ihr wie die Schildkröte in ihrem Panzer. "Ich fühle mich vollkommen unschuldig", sagt die füllige Frau mit dem breiten Gesicht. Schmucklos fällt das graublonde, glatte Haar auf ihre Schultern. Die Liebe brachte die 48-jährige, arbeitslose Erzieherin auf die Anklagebank, denn die Gefühle basierten nicht auf Gegenseitigkeit. Seit 17 Jahren stellt Elke Kupfer dem Mann ihrer Träume nach. Sie schreibt ihm Briefe, ruft an und steht vor seiner Tür. Auf 96 Kontaktversuche innerhalb von zwei Monaten bezieht sich die Anklage. Aber ein Ende der Liebesbezeugungen ist nicht absehbar.

Vor fast zwei Jahrzehnten beschloss Elke Kupfer, eine Verhaltenstherapie zu machen. Sie hatte Probleme mit ihrer Familie und mit ihren Beziehungen. "Ich habe gedacht, man muss bei sich selbst anfangen", erklärt sie mit ruhiger, weicher Stimme. Darum begab sie sich zu Alfred Wegner*. Schon nach wenigen Sitzungen habe es keinen normalen Arbeitskontakt mehr gegeben, sagt der 52-jährige Psychologe: "Sie flirtete, war unsachlich und lenkte ab."

"Verbindliche Liebesbeziehung"

Er habe ihr eine "verbindliche Liebesbeziehung" angeboten, erklärt Elke Kupfer. Auch eine Eheschließung sei im Gespräch gewesen. "Ich hatte Anhaltspunkte dafür, dass er meine Gefühle erwidert." Welche Anhaltspunkte, will die Staatsanwältin wissen. "Er hat meinen Termin vergessen", sagt die Angeklagte. Sie merkt schnell, wie grotesk das klingt. "Ich hatte Anhaltspunkte. Lassen wir das so stehen."

Alfred Wegner erinnert sich an eine ähnlich absurde Begründung: "An der Art, wie ich ihr die Türklinke geben würde, hätte sie erkannt, dass ich sie liebe", sagt der Therapeut dem Gericht. Seine ehemalige Klientin leide unter Liebeswahn. "Es ist eine Sonderform der erotischen Paranoia, die wiederum zu den partiellen Wahnbildern gehört", doziert der Psychologe. Er habe damals die Therapie abgebrochen und Kupfer zu einem Arzt für Psychiatrie schicken wollen. Aber die lehnte ab. Sie sei nicht gestört.

Selbstachtung der Klientin angegriffen

Es gehöre eigentlich zum guten Ton, dass sich Klientinnen in Therapeuten verlieben, argumentiert die Angeklagte. Nach zehn Semestern Psychologie wisse sie vom Verbot solcher Beziehungen. Sie hält dies auch für sinnvoll, aber "es ist die Aufgabe des Therapeuten, das so aufzulösen, dass die Würde und Selbstachtung der Klientin nicht angegriffen wird." Elke Kupfer jedoch fühlt sich unehrenhaft aus der Therapie entlassen. Alfred Wegner und seine Kolleginnen aus der Gemeinschaftspraxis hätten sie damals mit ihren Problemen und Ängsten allein gelassen.

Ihre Wut und Verzweiflung darüber mündete in die Verfolgung des Psychologen, dem sie im Laufe der Jahre Hunderte Briefe schrieb. Permanent rief sie während seiner Sprechzeiten an, andere Klienten konnten ihn nicht erreichen. Sie stand vor der Tür seiner Praxis. Dort beschimpfte sie auch die Frau des Therapeuten: Die solle sich aus der Beziehung heraus halten. Im Beisein seiner Klienten zerriss sie Wegners Pullover. Einmal schlug sie ihm im Café ein Eis über den Kopf. "Ich muss immer mit Angriffen rechnen", sagt der Psychologe.

Stalkerin drohte mit erweiterter Selbsttötung

Mehrfach habe er in Anwesenheit seiner Kolleginnen mit Frau Kupfer gesprochen. "Die Zeuginnen sollten eine sachliche Vermittlung vornehmen", sagt Wegner. Doch die Stalkerin drohte mit erweiterter Selbsttötung. Der Therapeut alarmierte den Sozialpsychologischen Dienst. Er lud Kupfers Freundinnen, ihre Mutter und ihre Tochter in die Praxis und gab ihnen Notrufnummern. Er wandte sich an einen Anwalt. Der erwirkte eine einstweilige Verfügung. Weil Kupfer dagegen verstieß, verbrachte sie drei Monate in Ordnungshaft. Wegner bat die Gefängnis-Psychiater, sich der Gefangenen anzunehmen. Aber die Kollegen mussten ihm ausrichten, Frau Kupfer sei nicht gesprächsbereit. "Die Idee war deeskalieren und warten, dass das Ganze sich beruhigt", sagt der Psychologe. Resigniert fügt er hinzu: "Es hat nicht geklappt."

Unter dem Terror leide auch seine vierköpfige Familie. "Es ist eine dauerhafte Belastung", sagt die Frau des Therapeuten vor Gericht. "Wir haben keine Ruhe und sind ständig mit dem Thema beschäftigt, auch wenn wir uns abgewöhnt haben, darüber zu reden. Wir wären froh, wenn das aufhört", sagt Hiltrud Wegner.* Die Bestrafung der Angeklagten sei ihr egal.

"Mein Leben ist auch sehr beeinträchtigt"

Die Befindlichkeit ihrer Opfer schert Elke Kupfer wenig. "Mein Leben ist auch sehr beeinträchtigt. Den Preis habe ich tragen müssen und auch er muss ihn tragen im Zuge der gleichberechtigten Beziehungsebene", trägt sie selbstbewusst vor. Von der Verhandlung erhofft sich die Angeklagte, der von ihr geliebte Mann möge die vollständige Wahrheit sagen: "Er hat von zwei Ebenen gesprochen und gesagt, ein 'Nein' muss nicht unbedingt eine Ablehnung sein."

Für sie habe Wegner noch "etwas in Ordnung" zu bringen. Heute noch habe er dazu die Gelegenheit. "Und wenn nicht?", fragt ihr Verteidiger. "Dann ist die Sache beendet. Dann kann ich ihm seine Integrität und Professionalität nicht mehr glauben", antwortet seine Mandantin. "Platt gesagt, wäre er dann für Sie gestorben", fragt der Verteidiger nochmals. "Platt gesagt, wäre es genau das."

Eindeutige Abweisung

Gern würde der Therapeut daran glauben, obwohl er weiß: "In Ordnung bringen bedeutet für Frau Kupfer, dass ich als ihr zukünftiger Ehemann bestimmte Rechnungen für sie übernehme." Ob er es ihr noch einmal ganz deutlich sagen solle, fragt Wegner in die Runde. Dann zählt er in einem Atemzug auf: "Ich hege keine positiven Gefühle, wünsche keinen Kontakt, war zu keinem Zeitpunkt in Frau Kupfer verliebt und sehe auch keine Möglichkeiten in der Zukunft." Das sei eindeutig, sagt der Richter.

Seit März 2007 können die Gerichte bei Nachstellung bis zu drei Jahren Haft verhängen. Dennoch wirken die Juristen uneins bei der Frage nach der Bestrafung der Elke Kupfer: Die Staatsanwältin hält die Angeklagte für vermindert schuldfähig und fordert 80 Tagessätze Geldstrafe. Der Anwalt des Psychologen möchte lieber acht Monate Haft zur Bewährung verhängt wissen, "um die Wiederholungsgefahr auszuschließen." Alfred Wegner wünscht sich eine Therapie als Bewährungsauflage. Kupfers Verteidiger fragt in seinem Plädoyer, ob vielleicht schon die Auswahl eines männlichen Therapeuten der Fehler gewesen sei: "Hat er einmal zu viel gelächelt?" Er glaubt an das Ende des Stalkings und bittet für seine Mandantin um eine moderate Geldstrafe von 40 Tagessätzen.

Auch der Richter findet die Bestrafung problematisch, schließlich wolle "man ja auch etwas für die Zukunft regeln." Am Ende belässt er es bei einer Geldstrafe von 1200 Euro (80 Tagessätze), die er nicht mit Therapie-Auflagen koppeln kann. Er mahnt: "Frau Kupfer, Sie müssen das ausdrückliche Votum von Herrn Wegner akzeptieren! Es muss Schluss sein! Sonst werden Sie dafür irgendwann ins Gefängnis gehen."

* Namen von der Redaktion geändert