"Icke muss vor Jericht" Verschmäht und vorgeführt

Ein silbernes Fahrzeug mit dem Schriftzug "Polizei": So ähnlich soll der Wagen der angeblichen Polizisten ausgesehen haben
Ein silbernes Fahrzeug mit dem Schriftzug "Polizei": So ähnlich soll der Wagen der angeblichen Polizisten ausgesehen haben
© Colourbox
Eine hübsche Frau und zwei Männer: Von dem einen hat sie sich gerade getrennt, mit dem anderen bahnt sich eine Beziehung an. Eines Tages begegnen sich die beiden Männer in ihrer Wohnung. Dies ist die Initialzündung für eine Verschwörungstheorie, an die sogar der Staatsanwalt glaubt.
Von Uta Eisenhardt

Sportwagen-Fahrer genießen besondere Beobachtung durch die Verkehrspolizei. Auch Guido Knopf*, Besitzer eines getunten Golf VR6, hatte schon Dutzende Kontrollen erlebt, als er auf der Windschutzscheibe eines ihn verfolgenden silbernen Mercedes den Schriftzug "Polizei" las. In ziemlich groben Ton hätten die beiden Zivilpolizisten dem blassen, schlanken Kinnbartträger angesprochen. Doch dann: "Kein Turbo, kein gar nichts", maulten die Beamten mit Blick auf den Motor. Wahl- und grundlos hätten die beiden irgendwelche Mängel benannt, so der Eindruck des Golf-Besitzers einige Monate später. "Der eine hat mich mit einem fiesen Grinsen von der Seite angeschaut", erinnert sich Guido Knopf nun vor Gericht. Dessen Gesicht sei ihm bekannt vorgekommen, nur woher?

Eine Woche später holte Knopf seine Tochter von seiner Ex-Freundin ab. Da sah er in ihrer Küche einen Mann sitzen. Das war der dicke Beifahrer von der Verkehrskontrolle, war sich der Golf-Besitzer sicher. Nun erkannte er ihn auch als "Monchhichi", wie Sven Gustke* in Berlins Autoschrauber-Szene hieß. Ihm sei plötzlich klar geworden, warum sich seine Ex in letzter Zeit so komisch verhielt. Anna-Maria wollte ihn mit Hilfe ihres neuen Polizisten-Freundes einschüchtern! "Da brach in mir eine Welt zusammen", sagt Guido Knopf. Er erkundigte sich über seinen Nebenbuhler. Und seine Quellen verrieten ihm nicht nur dessen Lieblingsrestaurant und -solarium, sondern auch, dass Gustke gar kein Polizist sondern Elektriker ist.

Darum sitzt "Monchhichi" ein Jahr später vor dem Richter. Amtsanmaßung wird ihm vorgeworfen: Der 33-Jährige soll gemeinsam mit einem Unbekannten und einem silbernen Mercedes die schikanöse Kontrolle durchgeführt haben. Doch der Angeklagte ist sich keiner Schuld bewusst. "Herr Richter, ich bin Autofan. Ich bin nur der Beifahrer, wenn ich Fahrverbot habe oder Alkohol getrunken habe", trägt er vor. Die einzige Verbindung zwischen ihm und dem Mann, der ihn angezeigt hat, ist Anna-Maria: eine hübsche, schlanke Friseuse mit schwarz gefärbtem Bubi-Kopf. Der Mann dem gutmütigen Gesicht, das tatsächlich an ein Kuscheltier erinnert, hatte die junge Frau vor einem Jahr in einer Disco kennen gelernt. Sechs Wochen lang war er jedes Wochenende mit ihr zusammen, bis sich das Paar trennte. "Im Guten", wie der Angeklagte dem Richter versichert.

In jenen sechs Wochen begegnete er Guido Knopf nur einmal. Eigentlich wollte Anna-Maria ein Treffen der beiden Männer vermeiden, denn mit dem Vater ihrer kleinen Tochter gab es ständig Streit. Eines Sonnabends aber verspätete sich der Verflossene. Der junge Vater sei ziemlich bedient gewesen, als sich die kleine Celina nicht von ihm, sondern nur von Sven Gustke, dem angeblichen Polizisten, die Schuhe zubinden lassen wollte. "Er hat mich keines Blickes gewürdigt, nicht Tschüss gesagt, er ist einfach nur abgedampft", erinnert sich der Angeklagte.

Während der Elektriker das unangenehme Intermezzo bald vergessen hatte, kochten die Gefühle im Herzen des von Frau und Tochter verschmähten Mannes. Zusammen mit der Erinnerung an die Ungereimtheiten jener Verkehrskontrolle und dem Ergebnis seiner Erkundigungen wiesen sie ihm den Weg zur Polizei. Dort schilderte Guido Knopf, wie er den beiden Zivilpolizisten damals angeboten hatte, sich Warndreieck und Verbandskasten anzuschauen. Seltsamerweise hätten die abgewinkt und gesagt, darum sollten sich die anderen Verkehrsstreifen kümmern. Sie seien als Sondereinsatzkommando für die "Heizer-Szene" zuständig. Im Gegensatz zu den Kollegen interessierten sich die beiden weder für den Aufkleber am Sportlenkrad noch für die Nummern seiner breiten Alu-Felgen. Mit einem "Wir sehen uns sowieso bald wieder!", hätten die merkwürdigen Polizisten ihn dann weiter fahren lassen.

Gar nicht so leicht, mit dieser Geschichte zu landen

Es war gar nicht so leicht für Guido Knopf, mit seiner Geschichte zu landen: Bei der ersten Polizei-Dienststelle "hat mich der Beamte nicht für voll genommen", sagt er dem Gericht. Erst bei der Autobahnpolizei war er erfolgreich. Damit endet seine Aussage, die der Richter als "erstaunlich detailreich, zu detailreich" empfindet. Nahezu wörtlich würde Knopf den Inhalt seiner Strafanzeige vortragen. "Ich halte das für eine Falschaussage", sagt der Richter. In diesem Moment scheinen sich die Rollen des Angeklagten und die des Zeugen zu vertauschen.

Auf eine Falschaussage stünden mindestens drei Monate Freiheitsstrafe, sagt der Richter. "Wollen Sie etwas ändern?" Der schlanke Mann stützt seinen Kopf in die Hände. Er schweigt. "Ich will Sie nicht verunsichern", sagt der Richter, "es ist nur ein Angebot." Noch einmal atmet der Zeuge tief durch. Dann sagt er: "Die Fahrzeugkontrolle entspricht der Wahrheit." "Sie bleiben bei Ihrer Aussage?" Guido Knopf nickt und darf sich in den Zuschauerraum setzen. Doch beim Anblick seiner Ex-Freundin springt er auf und verlässt den Raum. Zu frisch die Wunden, die ihn vor zwei Monaten dazu bewogen hatten, den Kontakt zu Celina abzubrechen. "Ich möchte nicht, dass meine Tochter diese Kämpfe weiter erlebt", so Knopf über diesen Schritt.

Anna-Maria, geschmackvoll in eine weiße Bluse und graue Marlene-Dietrich-Hose gekleidet, kann sich eine Falschaussage ihres Ex-Freundes durchaus vorstellen. "Wenn er eifersüchtig ist, ist er schlecht einzuschätzen", antwortet die Frau, die vier Jahre mit Guido Knopf liiert war.

"Ein Kennzeichen kann man ändern"

Dennoch hält der Staatsanwalt die Amtsanmaßung nicht für ausgeschlossen: "Jemand, der einem ans Bein pinkeln will, denkt sich das nicht aus." Seltsamerweise verfüge der Angeklagte über einen silbernen Mercedes. Der habe zwar ein anderes Kennzeichen als jenes, das Guido Knopf erinnerte. "Aber auch das kann man ja ändern", sagt der Staatsanwalt. Von ihm hat der zweifelhafte Zeuge kein Verfahren wegen einer Falschaussage zu befürchten.

Der Richter spricht den Angeklagten frei: Der damals glücklich verliebte Sven Gustke hätte gar keinen Grund gehabt, dem Ex-Freund seiner Freundin eins auszuwischen. Anders sah es für den geschassten Knopf aus. "Die Sache ist schon darum abwegig, weil noch ein weiterer Täter daran beteiligt gewesen sein soll", argumentiert der Richter. Für ihn ist die ganze Angelegenheit eine gut präsentierte Geschichte. Über diese urteilt er: "Gar nicht so schlecht gemacht." Doch das hört der Knopf nicht mehr. Er ist längst gegangen, als der soeben freigesprochene Gustke und die hübsche Anna-Maria sich nach der Verhandlung freundlich anlächeln.

* Namen von der Redaktion geändert


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