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"Icke muss vor Jericht": Verurteilung eines Ahnungslosen

Ein Professor für Kunstgeschichte und seine Frau nehmen einen Kredit auf. Sie geraten an einen Betrüger, kommen mit der Rückzahlung in Schwierigkeiten und werden des Kreditbetrugs bezichtigt. Vor Gericht erscheint die Frau allein. Warum, das erklärt Uta Eisenhardt in ihrer Gerichtskolumne.

Bereits zum dritten Mal wird die Sache Koch* im Amtsgericht Tiergarten aufgerufen. Zweimal platzte die Verabredung zwischen den Angeklagten und dem Gericht: Zwar war Regina Koch* pünktlich zur Stelle, nicht jedoch ihr Mann, der Professor Heiner Koch*. Beide Male entschuldigte ihn seine Frau mit einer schweren Erkrankung. Nach dem zweiten erfolglosen Anlauf schickte die Richterin Strafbefehle an die Kochs: Sie beantragte, sowohl Frau als auch Herrn Koch wegen Kreditbetruges zu elf Monaten Haft auf Bewährung zu verurteilen. Regina Koch widersprach diesem Urteil, ihr Mann dagegen schwieg weiterhin. Das wertete das Gericht als Zustimmung. Jetzt sitzt die 62jährige, ehemalige medizinisch-technische Assistentin allein auf der Anklagebank

Wie aber gerieten der gutverdienende Professor für Kunstgeschichte und seine Frau ins Visier der Justiz? Vor Gericht berichtet die kleine, grauhaarige Brillenträgerin von einem Hausumbau, der 220.000 Euro verschlang - ein Drittel mehr als geplant. Die Kochs überzogen ihr Konto, die Hausbank drohte mit der Zwangsversteigerung ihres Hauses.

Aus Angst wandte sie sich an einen Kreditvermittler

"Ich habe mich um die Sache gekümmert", sagt die biedere Frau im Leinenanzug. Mit der "Sache" ist die Suche nach einem Darlehen gemeint. In dieser Situation tauchte ein Kreditvermittler bei ihr auf. Angeblich meldete er sich von ganz allein. Vielleicht, so vermutet der Verteidiger von Regina Koch, reagierte sie ja auch auf eine Kleinanzeige - etwas, was die Angeklagte heute nicht mehr zugeben würde. Oder die Hausbank der Kochs gab dem Kreditvermittler Rainer Hecht* einen Hinweis auf deren Geldnot. Das kriegen wir hin, soll Herr Hecht der klammen Hausfrau gesagt haben.

Aus Angst vor dem Verlust des Hauses, in dem sie seit einem Vierteljahrhundert wohnt, griff Frau Koch nach diesem Strohhalm. Im August 2004 unterzeichnete sie den von Hecht vermittelten Darlehensvertrag mit einem Finanzdienstleister über 110.000 Euro. Auch ihr Mann unterschrieb den Vertrag: Regina faxte ihm das Dokument in eine Jugendherberge nach Frankreich, wo der Professor auf einer Exkursion weilte.

"Aber der Hecht, der drohte mir"

Ein halbes Jahr später begann die Rückzahlung. An wen muss ich denn nun zahlen?, fragte die Kunsthistoriker-Gattin sowohl den Finanzdienstleister als auch Rainer Hecht. An uns, antwortete der Finanzdienstleister. An mich, sagte der Kreditvermittler. Beide beteuerten, mit dem jeweils anderen nichts zu tun zu haben. "Aber der Hecht, der drohte mir immer wieder", sagt die Angeklagte. Völlig hilflos ging sie den Weg des geringsten Widerstandes und zahlte an den Kreditvermittler - etwa 9000 Euro per Bareinzahlung und ohne Quittungen. Sogar die Einzahlungsbelege schmiss sie weg. Vor Gericht sagt sie: "Ich kann nichts dafür, bei uns war das so!"

Mit uns meint sie ihren Mann, "der bei Geldangelegenheiten immer Panik kriegt." Geschickt muss sie ihm damals die Unterschrift unter den Darlehensvertrag abgerungen haben, denn die genauen Kreditbedingungen wollte sie vor ihm verbergen und zwar gründlich: Sie legte keinen Ordner an und vernichtete sämtliche Dokumente. So schlitterte Regina Koch ungebremst in die Hecht-Falle. Der erfahrene Betrüger, der bereits sieben Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht hatte, steckte das Geld in seine Tasche.

Die Falle: das Kleingedruckte

Der Finanzdienstleister wiederum, der vergeblich auf den Eingang der Kreditraten wartete, stufte die Kochs als nicht rückzahlungswillig ein und übergab die Angelegenheit seinem Anwalt. Der stellte eine Strafanzeige. Nun trat für die Kochs das Kleingedruckte ihres Vertrages in Kraft: Die Bedingungen für die Rückzahlung verschärften sich und innerhalb von drei Jahren verdoppelte sich ihr Schuldenberg. Glücklicherweise gelang Regina Koch der Verkauf zweier Immobilien aus Familienbesitz. Vom Erlös hofft sie, die Schulden abzutragen.

"Ich war völlig überfordert", sagt die Angeklagte. "Im Nachhinein weiß ich auch, dass das falsch war." Sie schämt sich sehr für ihre Naivität. "Ich werde so etwas nie mehr machen", sagt sie weinend, "aber wenn man nichts davon versteht..."

Die skeptische Richterin lässt sich vom Bericht einer Angestellten des Finanzdienstleisters von der Unschuld der Angeklagten überzeugen. Diese Zeugin berichtet von ähnlichen Fällen, die ebenfalls auf das Konto des Vermittlers Rainer Hecht gehen. Der säße mit seinen Komplizen seit einem Jahr in der Justizvollzugsanstalt Stralsund und würde dort auf seinen Prozess warten. Dennoch will die Richterin, die den Fall als "seltsam" bezeichnet, der Angeklagten keinen Freispruch zugestehen, denn dann müsste ihr Verteidiger aus der Berliner Landeskasse bezahlt werden. Darum wird das Strafverfahren gegen Regina Koch eingestellt - nicht ohne eine richterliche Bemerkung an den Anwalt des Finanzdienstleisters: "Das ist ganz schön deftig, was da in den wenigen Jahren aufgelaufen ist!"

Von seiner Strafe hat der Professor keine Ahnung

Nach dem Ende der Verhandlung eilt die kleine Angeklagte aus dem Gerichtssaal, sie flieht förmlich vom Ort ihrer Blamage. Rainer Hecht hat von ihr keine Rache zu fürchten. Sie wird ihn nicht anzeigen, denn dann müsste sie wieder zur Polizei gehen und vielleicht noch im Landgericht Stralsund als Zeugin aussagen. "Bloß nicht", sagt sie in einer Verhandlungspause auf dem Flur, "ich will einfach nur Ruhe haben." Hoffentlich merkt ihr Mann nichts von alledem, denn Regina Kochs Verteidiger ist überzeugt: Von seiner Bewährungsstrafe wegen Kreditbetruges hat der Herr Professor bis heute keine Ahnung.

* Namen von der Redaktion geändert