"Icke muss vor Jericht" Vom Heckenstreit zum Heckenschützen

Wer Streit vermeiden will, sollte regelmäßig die Hecke zum Nachbargrundstück schneiden
Wer Streit vermeiden will, sollte regelmäßig die Hecke zum Nachbargrundstück schneiden
© Colourbox
Wenn sich Nachbarn streiten, dann gerne mit Ausdauer und Verve - Stefan Raab konnte ein Lied davon singen. Nun trafen sich zwei gesetzte Herren vor Gericht, weil dem einen die überwuchernde Hecke des anderen missfiel. Der Zwist gipfelte in einer Morddrohung und endete im Sandkasten.
Von Uta Eisenhardt

Die Hauptrollen sind mit zwei Herren, Mitte 70, besetzt. Der Kleinere der beiden - Willibald Ebert* - ähnelt mit Stirnglatze, Brille und Kinnbart dem ersten DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht. In der DDR, das sagen die Nachbarn über Ebert, sei er der "Eingabe-König der Republik" gewesen, einer der sich ständig und über alles beschwerte. Heute würde er - auch das aus Nachbarmündern gehört - sich aus Angst vor Überfällen nur mit Messer und Säge bewaffnet aus dem Haus trauen. Obendrein soll er seine Auto fahrenden Mitmenschen ärgern, indem er besonders langsam die Straße überquere.

Angriffslustiger Angeklagter

Gegen all diese Eigenheiten wirkt sein Widersacher Manfred Schulze* blass: Ein großer Mann mit vollem grauen Haar, brav gewandet in eine dunkle Kordhose, Strickpullover und Hemd. Ein Pantoffelheld: Das Verfassen der Strafanzeige gegen Ebert überließ er seiner Frau, Schulze leistete nur die Unterschrift. Auch bei der Zeugenaussage hätte Brigitte Schulze* gern ihrem Mann assistiert. Als der allein in den Sitzungssaal gebeten wird, kräht die blondierte Dicke auf dem Flur: "Soll ich mit reinkommen?"

Seit vierzig Jahren kennen sich Manfred und Willibald, weil ihre Gartengrundstücke aneinander grenzen. Im März erregten sich die Gemüter beider Herren angesichts Willibalds wuchernder Hecke. Der große Schulze bat den spitzbärtigen Ebert um den Rückschnitt seiner Sträucher innerhalb von 14 Tagen. Andernfalls wollte er diese Arbeit selbst vornehmen. Daraufhin hätte ihm der Heckenbesitzer gedroht: "Wenn Sie sich an meiner Hecke vergreifen, hole ich ein Gewehr und erschieße Sie!"

Nun sitzt Willibald Ebert angriffslustig vor Gericht. "Ich halte Ihre Feststellungen für nicht glaubhaft, Herr Staatsanwalt", sagt er näselnd. Dann entrollt er einer selbst gebastelten Rolle aus zerschnittenen Pappbechern seine Geschütze. Es sind handgemalte, plakatgroße Skizzen vom Tatort, die seinen Vortrag veranschaulichen.

Schon im letzten Sommer sei es zu einer Auseinandersetzung mit seinem Nachbarn gekommen, sagt der Angeklagte. Damals habe er sich in seinen Garten gestellt und Schulze bei der Zaunreparatur beobachtet. Der fragte, ob Ebert nichts anderes zu tun hätte. Er solle seine Klappe halten, entgegnete der spitzbärtige Glotzer. Der beleidigte Schulze lief damals zu einem Schiedsmann, der zugunsten von Ebert entschieden habe: "Klappe" sei keine Beleidigung, sondern lediglich ein umgangssprachlicher Ausdruck.

Die Hecke hat einen Vogel

Im Frühjahr gab es dann den Heckenstreit. Im Fünf-Minuten-Takt sei Schulze zu ihm gekommen. Der Angeklagte sagt, er habe sich provoziert gefühlt und gedroht, er würde ein Gewehr holen. "Aber das mit dem Erschießen ist böswillig oben drauf gesetzt worden!" Seiner Meinung nach ist Brigitte die Drahtzieherin. "Diese Leute wissen, dass ich leicht erregbar bin und nutzen das auch aus", sagt Ebert. Frau Schulze muss es gewesen sein, die ihren Mann zu ihm geschickt habe, "um mich zu einer Äußerung zu bringen, die ein solches Verfahren nach sich zieht." Immer werde nur auf ihm herumgehackt, beschwert sich der Angeklagte. Dabei würde sein Nachbar den eigenen Überhang zu anderen Gärten auch nicht beseitigen: Zum Beweis zieht er aus der Pappbecher-Rolle einige Fotos, die Schulzes Ligusterhecke mit einem daran gelehnten Zollstock zeigen: "Damit sie sehen, wie hoch das wächst."

Drei Tage nach der Morddrohung schrieb der Angeklagte einen Brief an Brigitte Schulze: Das Schneiden der Hecke sei gar nicht möglich. In den Sträuchern befände sich nämlich ein Vogelnest, das seit zwei Wochen gebaut werde. Laut Naturschutzgesetz dürfe man Fortpflanzungsstätten nicht negativ beeinflussen, es sei denn, man besitze eine Ausnahmegenehmigung. Rechtlich durften weder er noch "Ihr werter Gatte" die Hecke schneiden, schlussfolgert Ebert in seinem Brief.

Das Amselnest existiere noch immer, sagt der Angeklagte. Das Gericht könne sich gern in Begleitung eines Ornithologen davon überzeugen. Doch Manfred Schulze kennt die Tricks seines Nachbarn: Der habe nach der Auseinandersetzung ein Vogelnest aus einem Nistkasten genommen und in der Hecke drapiert. "Kein Vogel nistet auf einem kahlen Ast", sagt der Zeuge.

"Wie Kleinkinder im Sandkasten"

Doch Eberts Pulver ist noch nicht verschossen. Woher wolle der Herr Staatsanwalt eigentlich wissen, dass Schulze sich bedroht fühlte, fragt der Angeklagte. "Wenn Sie einmal die Akten gelesen hätten", trägt er selbstbewusst vor, "es gibt keine Äußerung, dass die Hecke nicht geschnitten wurde." Dies sei nämlich sechs Tage nach der Auseinandersetzung geschehen. "Das belegt, dass die Morddrohung nicht ernst genommen wurde, weil es sie gar nicht gegeben hat." Wumm, dieses letzte und schwerste Geschütz ist abgefeuert. Das triumphierende Grinsen vergeht Willibald auch nicht, als Manfred dem Richter versichert, er habe die Hecke nicht mehr angerührt: "Ich lass mich doch nicht erschießen!"

Der Richter hat genug von dieser infantilen Posse. Laut, fast brüllend verkündet der schmächtige Jurist seine Entscheidung: Das Verfahren wird wegen Geringfügigkeit eingestellt. "Sie benehmen sich wie Kleinkinder im Sandkasten: Hier meine Sandburg, da deine Sandburg!" Das Verhalten der drei betagten Nachbarn sei in seinen Augen ein Unding.

Brigitte Schulze, die sich um ihren Auftritt als Zeugin betrogen fühlt, mault enttäuscht: "Herr Richter, warum haben Sie mich nicht gefragt. Ich hätte dazu allerhand zu sagen!" So hätte sie erzählen können, wie sie gemeinsam mit Willibald Ebert im Sandkasten buddelte. Siebzig Jahre ist das her. Man würde gern wissen, wie friedlich das Spiel damals verlief.

* Namen von der Redaktion geändert


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