"Icke muss vor Jericht" Vom Opfer zum Täter in letzter Sekunde


Er spürte einen "Reizstoff, der eingebracht wurde", sagte der Geldbote vor Gericht und dann seien die 15.000 Euro weg gewesen. Geraubt. So schildert das mutmaßliche Opfer den angeblichen Überfall und legt dabei eine bühnenreife Show hin. Leider aber glaubt ihm niemand, weshalb der 28-Jährige lieber schnell die Seiten wechselt.
Von Uta Eisenhardt

Der Gerichtssaal wird zur Bühne, wenn Robert Fabel* dem Richter schildert, wie er im vergangenen Jahr ausgeraubt worden sein soll. An jenem Abend arbeitete er als Geldbote für eine Detektei und holte die Einnahmen von fünf Wettbüro-Filialen ab. Am Schluss seiner Tour hatte er 15.000 Euro eingesammelt und fuhr damit zur Zentrale der Detektei. Dort habe er keinen Parkplatz gefunden und darum in der Busspur gehalten, sagt der 28-jährige Mann, der im eleganten, schwarzen Hemd und mit gleichfarbigen, blank geputzten Schuhen vor den Richter tritt.

Er sei noch angeschnallt gewesen, als plötzlich die Tür aufging. "Da sah ich eine schwarze Jacke mit einem Reißverschluss." Bei diesen Worten springt der große, kräftige Mann von seinem Stuhl. Mit raumgreifenden Gesten zeigt er, wie eine rechte Hand, die einen Gegenstand hielt, sich in Richtung seines Gesichts bewegt haben soll. "Das habe ich an dem Handrücken erkannt." Wie jeder, der vor dem Richter sitzt, ist auch Robert Fabel nervös und aufgeregt. Doch es gibt nur wenige Angeklagte, die sich mit darstellendem Spiel zu beruhigen suchen.

Theatralische Gesten

Standhaft bleibt Robert Fabel bei seiner Version, er habe gerade die einzelnen Geldtüten und die dazugehörigen Quittungen auf seinem Schoß sortiert, als plötzlich die Fahrertür geöffnet wurde. "Mein Blick war nach rechts unten auf die Quittungen gerichtet, dann habe ich meinen Kopf nach links gedreht", behauptet er. Der Räuber habe seinen Kopf weggeschoben und Fabel mit Reizgas besprüht. Wenn der Angeklagte dies ausdrücken will, spricht er von einem "Reizstoff, der eingebracht wurde". Er habe sich die Hände vor das Gesicht gehalten, dann habe er die "Einwirkung eines Körpers" und "Körperkontakt im seitlichen Torsobereich" gespürt. Robert Fabel suhlt sich nicht nur in theatralischen Gesten, sondern auch in gestelzten Worten.

Nach dem Angriff habe er sich abgeschnallt und sei ausgestiegen. Mit "sehr zusammengekniffenen Augen" sei er zur Filiale gegangen. "Holt die Bullen, ich bin überfallen worden", habe er dort den Kollegen zugerufen. Er sei hin und her gelaufen, sagt Fabel und spielt dem Richter sein Laufen auch gern noch einmal vor. Dann habe er sich das Reizgas aus den Augen gewaschen. Als die Polizisten ihn später fragten, ob er einen Arzt aufsuchen wolle, habe er dies abgelehnt: "Hätte ich gewusst, dass ich heute hier sitze, hätte ich sofort gesagt: Na logisch will ich zum Arzt, gerne!" Der Arzt hätte damals seinen aktuellen "Gesundheitsstandpunkt" aufnehmen können, sagt Fabel. "Ich bereue, dass ich die ärztliche Hilfe nicht in Anspruch genommen habe."

"Kein typischer Immer-Anschnaller"

Der Angeklagte ist mit seinem Vortrag fertig, der Richter hat jetzt noch ein paar Fragen. Wieso er heute angegeben habe, angeschnallt gewesen zu sein? Vor über einem Jahr behauptete er noch, sich niemals anzuschnallen! "Sie möchten von mir wissen, worin der konträre Zusammenhang besteht?", fragt der Angeklagte zurück. "Ja", antwortet der Richter. "Ich bekomme den Widerspruch nicht auf die Reihe." "Den kriege ich auch nicht auf die Reihe", entgegnet Fabel. "Ich bin kein typischer Immer-Anschnaller oder Nie-Anschnaller." Der Richter hat nun genug von der Show, die ihm der Angeklagte liefert. Er schickt Fabel aus dem Saal, um sich mit der Verteidigerin zu unterhalten.

Die hatte nach dem Studium der Akten ihrem Mandanten bereits geraten, die Flucht nach vorn anzutreten. Zu erdrückend waren die Beweise gegen ihn: Am Tattag hatte die Polizei die Krawatte des vermeintlich mit Reizgas Besprühten beschlagnahmt und diese auf chemische und biologische Stoffe untersuchen lassen. Doch auf der Krawatte wurde nichts gefunden. Auch in Fabels Fahrzeug nahmen die Beamten keine auffälligen Gerüche wahr. So wurde aus dem Opfer ein Täter. Im Gespräch mit der Anwältin kündigt nun der Richter an, er würde gegen Fabel nur dann eine Bewährungsstrafe verhängen, wenn dieser auf der Stelle ein Geständnis ablegt. Andernfalls müsse er den zweifach Vorbestrafen ins Gefängnis stecken.

Gönnerhafter Popstar

Die Drohung wirkt, der Angeklagte nimmt den angebotenen Strohhalm an. "Ich räume die Tatvorwürfe in vollem Umfang ein", sagt er. Mehr muss er nicht sagen, das hat seine Verteidigerin für ihn ausgehandelt. Fabel soll erhobenen Hauptes den Saal verlassen können. Der Richter kann nun die zahlreich erschienenen Zeugen, darunter auch etliche ehemalige Arbeitskollegen des Angeklagten entlassen. "Ich danke Euch!", ruft der mit dem Rücken zu den Zeugen sitzende Fabel und hebt gönnerhaft die ineinandergelegten Hände über seine Schulter. Er wirkt nicht wie ein geständiger Sünder, sondern wie ein Popstar, der sich von seinen Fans verabschiedet.

"In letzter Sekunde hat der Angeklagte die Kurve gekriegt", loben Staatsanwalt und Richter den vor ihnen Sitzenden, der zu jedem ihrer Sätze reuig nickt. Einhellig fordern Staatsanwalt und Verteidigerin eine einjährige Haftstrafe, die jedoch zur Bewährung ausgesetzt werden soll. Der Richter verwandelt diese Forderungen in ein gleichlautendes Urteil. Zu Fabel sagt er, "Ihre Aussage war hanebüchen und die Beweislage so, dass Sie kräftig eingefahren wären." Der Angesprochene nickt noch immer brav. Er könne das Urteil nun annehmen oder es sich noch eine Woche lang überlegen, belehrt ihn der Richter. "Nee, ich überleg mir das nicht. Ich nehme das Urteil an", sagt der Verurteilte. Es klingt erleichtert.

* Name von der Redaktion geändert


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