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"Icke muss vor Jericht": Wenn die Polizei übereifrig ist

Zwei Polizisten bringen eine betrunkene Frau in die Ausnüchterungszelle. Doch die wehrt sich so heftig, dass die Beamten unerlaubt hart zur Sache gehen. Nun sitzen beide selbst auf der Anklagebank - wo sie ihr Verhalten erstaunlich begründen.

Von Uta Eisenhardt

Ludmilla Hübner* wehrte sich mit Händen, Füßen und Zähnen. Genutzt hat es ihr nichts: Die Beamten drehten der Wütenden die Arme auf den Rücken und fesselten ihre Hände. Weil sich die Frau immer noch nicht bändigen ließ, brachten Kati Lehnstädt* und Rene Treudorf* sie zu Boden. Dort lag sie bäuchlings vor der Polizistin, die ihre Knie in die Hüfte der Gefesselten drückte. Mit letzter Kraft biss die Betrunkene der Beamtin in den Oberarm. Ludmilla Hübner wurde mit einem Gefangenentransport zur Polizeiwache gebracht: Erst am nächsten Morgen durfte sie nach Hause gehen. Elf Monate später aber sitzt nicht die widerspenstige Frau vor der Richterin, sondern die beiden Polizisten - wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung im Amt.

Wortreich und um ihren Freispruch kämpfend schildert die 27-jährige Kommissarin den Ablauf des Einsatzes im Oktober 2008. Am frühen Abend hatte Jürgen Schumann* die Polizei gerufen, weil ihm seine Freundin Ludmilla Hübner nicht die Autoschlüssel zurückgeben wollte. Die beiden Beamten gingen mit dem Anrufer zur Wohnung der Schlüssel-Diebin. Diese leugnete die Tat und weigerte sich, ihren Ausweis zu zeigen. Energisch schob sie die Gesetzeshüter aus der Wohnung.

"Du stinkst"

Vor dieser unterhielten sich dann die Beamten mit Jürgen Schumann. Der berichtete ihnen, warum es zum Diebstahl seiner Autoschlüssel kam: Vor über zehn Jahren stand Ludmilla Hübner im strömenden Regen mit einem Kinderwagen an der Bushaltestelle. Aus Mitleid lud Jürgen Schumann Mutter und Kind in sein Auto und chauffierte die beiden nach Hause. Es entwickelte sich eine Freundschaft und "na klar, war auch mal was mit Sex", sagt der verheiratete Mittfünfziger.

An diesem Oktobertag, an dem die Ära "Ludmilla" enden sollte, bugsierte ihn die Geliebte mit den Worten "Du stinkst" ins Bad. Artig begab sich der untersetzte Brillenträger in die Badewanne. Die attraktive Endvierzigerin setzte sich dazu, trank Wein und stritt mit ihm über die undankbare Rolle der Geliebten. Irgendwann erhob sie sich, löschte das Licht im Bad und verschloss dessen Tür mit den Worten: "Bis morgen!"

"Baby" bleibt stur

Da saß Jürgen Schumann im dunklen, engen Raum. Panik beschlich ihn. Mit Wucht warf er sich gegen die Tür, die bald nachgab. Aber auch die Wohnungstür war abgeschlossen. In einer Kommode fand der Eingesperrte den passenden Schlüssel und verließ - die Autoschlüssel bereits vermissend - eilig sein Gefängnis. Auf der Straße sah er Ludmilla mit seinen Schlüsseln, die der rechtmäßige Besitzer am Anhänger erkannte. Doch obwohl er "Baby" darum bat, ihm sein Eigentum zurückzugeben, blieb die Angesprochene stur und der bestohlene Liebhaber musste die Polizei rufen.

All dies hatte er nun den beiden Beamten erzählt. Denen erschien die wenig kooperative Bürgerin nun in einem gänzlich anderen Licht. Sie war jetzt eine Diebin, die sich gegenüber Polizisten widerständig verhielt und außerdem eine Freiheitsberaubung begangen hatte. Diese Mehrfach-Täterin musste gestoppt werden! Die Polizeikommissarin und der Polizeimeister begaben sich ein zweites Mal zur Hübnerschen Wohnung. Schon beim Öffnen erkannte die Wohnungsinhaberin die Gefahr. Doch da hatte Kati Lehnstädt bereits ihren Fuß in die Tür gestellt. Ludmilla Hübner drückte von innen, die Beamten von außen: Es war ein ungleicher Kampf.

Vor Gericht geht es nun um die Frage, warum sich die beiden jungen Polizisten so unverblümt über geltendes Recht hinweg setzten, dass sie meinten, sie müssten eine zwar betrunkene, aber ansonsten ungefährliche Frau zur Wache mitnehmen. "Aufgrund der neuen Erkenntnisse und zur Verhinderung weiterer Straftaten nahmen wir sie in Gewahrsam", brachten Kati Lehnstädt und ihr vier Jahre jüngerer Kollege damals zu Papier. "Wir hatten die begründete Vermutung, dass Frau Hübner weitere Straftaten begehen würde." "Welche Straftaten" möchte die Richterin wissen. "Zum Beispiel andere Straftaten", eiert die hübsche, brünette Polizistin und fügt hinzu: "Dass sie sich mit der Frau von Jürgen Schumann in Verbindung setzt." "Das ist keine Straftat", erklärt die Richterin geduldig.

Kati Lehnstädt beharrt: "Ich war mir nicht sicher, ob sie in der Wohnung nicht andere Straftaten begeht." "Welche Straftaten", fragt die Richterin noch einmal. "Ich hatte keine Garantie, dass sie nicht die Tochter beißt oder Schumann etwas antut!", antwortet die Angeklagte. "Es gibt eine Menge Leute, die betrunken in ihrer Wohnung sitzen. Da gehen wir doch nicht einfach hin und verhaften die", erklärt die Richterin, ohne ihre Stimme zu heben.

Mit Feuerzeug und Handy geworfen

Für die Kommissarin bleibt es dabei: Ludmilla Hübner war in ihrer Wohnung nicht sicher. "Sie war nicht Herr ihrer Sinne. Ich hatte nicht den Eindruck, dass sie sich ins Bett legt und schläft. Es bestand die Gefahr, dass sie herum geht und weitere Straftaten begeht." Nun reicht es dem grauhaarigen Staatsanwalt: "Sie sind rechtswidrig in eine Wohnung eingedrungen!" Kati Lehnstädt verschlägt dieser Vorwurf noch längst nicht die Sprache: "Wir sind gar nicht eingedrungen. Sie griff uns an, sie biss und spuckte nach uns! Sie hat meinem Kollegen auf den Rücken geschlagen, sie warf mit Feuerzeug und Handy nach uns!"

Warum sie das erst im Prozess und nicht bei früheren Befragungen vortrug, erkundigt sich der Staatsanwalt. Er nimmt der Angeklagten viele Erklärungen nicht ab, auch nicht, dass die beiden Polizisten ein zweites Mal zu Ludmilla Hübner gingen, weil sie einen Atemalkoholtest machen wollten, "um dem Staatsanwalt einen Richtwert für weitere Maßnahmen zu geben", erklärt die Beamtin während ihr zurückhaltender Kollegen zustimmend nickt. Der Ankläger versteht nicht, warum die Ukrainerin verhaftet werden musste.

Der Staatsanwalt triumphiert

"Wir haben ja gar keine Maßnahmen ergriffen, ich habe ja nur meinen Fuß aus der Tür herausnehmen wollen", sagt Kati Lehnstädt. "Also doch eingedrungen", triumphiert der Staatsanwalt und sagt "Auweia!", als ihm die Angeklagte erklärt, sie halte ihr Tun noch immer für richtig. Ein Freispruch ist nach den Erklärungen der Polizeikommissarin nicht möglich. Aber der Staatsanwalt bietet an, das Verfahren wegen geringer Schuld einzustellen, wenn beide Polizisten jeweils 400 Euro Geldbuße zahlen. Nach langer Beratung mit ihren Anwälten willigen die beiden ein.

Seine Autoschlüssel hat Jürgen Schumann trotz der übereifrigen Beamten bis heute nicht zurückbekommen. An jenem Oktobertag brachte ihm seine Frau die Reserve-Schlüssel, im Gegenzug musste Schumann beichten. Er hatte Glück - Frau Schumann ahnte bereits das amouröse Verhältnis, dass nun erkennbar endgültig beendet war - die Vorwürfe hielten sich in Grenzen. Nur die 500 Euro für das Auswechseln der kompletten Schließanlage seines Skoda, die taten weh.

* Namen von der Redaktion geändert