"Icke muss vor Jericht" Wenn einer seine Bude abfackeln will


In ihrer Gerichtskolumne beschreibt Uta Eisenhardt skurrile Fälle am Berliner Amtsgericht. Diesmal ist ein wohlbeleibter Mann mit Berliner Schnauze dran, der sich so über Behördenmitarbeiter aufgeregt hat, dass er erst in der Psychiatrie und dann im Gerichtssaal landete.

Peter Krämer* ist empört. "Aber Frau Richterin, ich lüge doch nich! Ick jebe doch nüscht zu, wat nich stimmt!" Ein Polizist habe "Du fettes Schwein" zu ihm gesagt. Das hat er als Beleidigung angezeigt. Weil aber niemand außer ihm diese Äußerung bestätigen kann oder will, muss sich der 65jährige pensionierte Werkzeugmachermeister dem Vorwurf der falschen Verdächtigung stellen.

Schon im Warteraum schildert der Mann mit dem vollen weißen Haar lautstark und in Fetzen seine Geschichte. "Brüll nicht so!", bittet ihn seine Frau, eine ältere, attraktive Blondine. Doch Krämer wehrt die Kritik mit einer unwirschen Armbewegung ab: "Die einzige, die hier brüllt, bist du!" Später schildert er der Amtsrichterin seine Sicht der Dinge. Ein Wortschwall ergießt sich über den Richtertisch hinweg in die Ohren der resoluten Frau mit den kurzen, grauen Locken. "Holen Sie mal tief Luft und schreien Sie nicht so", bittet sie den Angeklagten. Es bedarf immer wieder Ermahnungen und Schläge auf den Richtertisch, um diesen im Zaum zu halten.

"Das ist ein Berliner Spruch!"

Im Juni 2007 ärgerte sich Peter Krämer über eine Auskunft, die er im Bezirksamt erhalten hatte: Man könne ihm keinen Mietzuschuss für die zwei Monate bis zur Auszahlung seiner Rente gewähren, teilten ihm die Sachbearbeiter bedauernd mit. Er sei nicht bedürftig. Wenn ich die zwei Monatsmieten nicht kriege, polterte der stark übergewichtige Mann, kann ich ja auch gleich meine Bude abfackeln und mich ins Krankenhaus legen. Die Sachbearbeiter erschraken über diese Äußerung. Umgehend informierten sie den Sozialpsychiatrischen Dienst. Der sollte prüfen, wie ernst die Bedrohung gemeint ist. So machten sich eine Amtsärztin und eine Sozialarbeiterin auf den Weg zu Peter Krämer - in den Süden Berlins, zu einem Mietshaus mit 28 Parteien.

Er sei, nur mit kurzer Hose und Socken bekleidet, ins Wohnzimmer gekommen. Dort habe er mit einer Frau gesprochen, die sich ihm nicht vorgestellt habe. "Das war die Ärztin, die Sie eingewiesen hat, nachdem Sie drei Mal gesagt haben, dass Sie Ihre Bude abfackeln wollen", erklärt ihm die Richterin. "Das ist ein Berliner Spruch!", verteidigt der Angeklagte seine Äußerung. Damals schmiss er die beiden ungebetenen Besucherinnen aus seiner Wohnung. Der Ärztin blieb nichts anderes übrig, als die Polizei anzufordern. Die sollte den Mann in die Psychiatrie schaffen, damit man dort feststellen kann, ob er eine Bedrohung für seine Nachbarn darstellt.

Sau oder blau?

Ein Streifenwagen und ein Rettungstransportwagen trafen ein. Zwei Polizisten baten den nach einem Schlaganfall gehbehinderten Krämer, er solle sich in einen fahrbaren Stuhl setzen. Damit wollten sie ihn in den Rettungstransportwagen schieben. "Wir haben auf den eingeredet, wie auf ein krankes Huhn. Doch der wollte sich nicht in den Stuhl setzen und ins Krankenhaus wollte der auch nicht", fasst die Richterin die Aussagen der beiden Polizisten zusammen. Weil Krämer freiwillig nicht mitkam, musste Zwang angewendet werden. Doch der dicke Mann wehrte sich. Die durchtrainierten Polizisten hatten Mühe, die Handschellen über seinen mächtigen Handgelenken zu schließen. Während sie sich damit plagten, sollen die beleidigenden Äußerungen wie "fettes Schwein" oder "fette Sau" gefallen sein.

Doch das bestreiten die beiden Polizisten. Möglicherweise habe er zu seinem Kollegen gesagt: "Pass auf, die dicken Handgelenke werden blau!", sagt der beschuldigte Beamte im Gerichtssaal. "Verbal ging es ziemlich hoch her. Er hat die ganze Zeit gezetert. Es gab nicht eine Sekunde, wo er ruhig war". Das glaubt die Richterin sofort.

In Shorts und Socken in die Psychiatrie

Als Krämers Frau eine Stunde später in die Wohnung kam, kam sie in ein Schlachtfeld: Die Stühle waren umgeworfen, die Tischdecke verrutscht, die weiße Rauhfaser-Tapete schwarz von den Lederjacken der beiden Polizisten: "Alles lag kreuz und quer, als hätte ein Boxkampf stattgefunden", sagt die Blondine zur Richterin. Glücklicherweise hatte Peter Krämer ihr zu diesem Zeitpunkt bereits telefonisch mitgeteilt, er wäre in Shorts und Socken in die Psychiatrie verfrachtet worden.

Dort habe Sigrid Krämer* ihn dann in einem jämmerlichen Zustand vorgefunden: "Es ist unwürdig, wie man mit meinem Mann umgegangen ist", sagt sie. "Man kann den doch nicht in die Klapsmühle bringen, Frau Richterin!" Ihr Mann sein eben kein so "cooler Typ" wie sie und habe sich damals über die zynischen Sachbearbeiter im Amt aufgeregt. Aber sicherlich hätte er nicht die Wohnung in Brand gesteckt, sagt sie. "Wir haben eine sehr hübsche Wohnung."

Zwei Missverständnisse in Folge

Drei Nächte verbrachte der Angeklagte in der Psychiatrie - er hatte das Pech, an einem Freitag eingewiesen zu werden. Der zuständige Richter war erst am Montag erreichbar und ordnete nach Rücksprache mit den Ärzten die Entlassung an. Drei Wochen später wurde der Rentner beim Landeskriminalamt als Beschuldigter zum Vorwurf des Widerstandes gegen die Polizisten vernommen. Dort zeigte er seinerseits den Beamten wegen Beleidigung und Sachbeschädigung an. Damit machte er sich in den Augen der Richterin strafbar und wird wegen der falschen Verdächtigung zu einer Geldstrafe auf Bewährung verurteilt. Sollte der Angeklagte in den nächsten zwei Jahren eine Straftat begehen, muss er 15 Tagessätze zu je zwanzig Euro zahlen, insgesamt 300 Euro.

"Sie fanden das super ungerecht: Sie werden in die Klapse gebracht, obwohl sie es gar nicht ernst gemeint haben. Nur kann das die Welt nicht wissen", fasst die Richterin das Geschehen zusammen. Sie begrüßt die ärztliche Überprüfung: "Wenn etwas passiert wäre, hätte es zu Recht geheißen: Keiner hat sich darum gekümmert!"

Wieder fällt ihr der Angeklagte ins Wort: "Ick bin doof", sagt er. Das habe sie nicht gesagt, entgegnet die Richterin. Zum Abschluss soll ihr der Angeklagte noch einmal erklären, was er nun für eine Strafe bekommen habe. "Na, ick muss zahlen", sagt er. "Sehen Sie", sagt die Richterin, "auch das haben Sie falsch verstanden!"

* Name geändert


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