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"Icke muss vor Jericht": Wie ein Lutscher auf der Erde

"Das war wie im Horrorfilm" - ein Betrunkener bittet vergeblich, in die Wohnung seiner Liebsten eingelassen zu werden. Als er es mit Gewalt versucht, verletzt er sich. Die herbeigerufenen Polizisten nehmen seine Beschwerden nicht ernst. Stattdessen werden seine Verletzungen nur noch größer.

Von Uta Eisenhardt

Der Angeklagte erschien auf Krücken vor Gericht

Der Angeklagte erschien auf Krücken vor Gericht

Das Bein war total zerschmettert. Die Ärzte hätten Tino Daniel* bereits auf das Schlimmste, die Amputation, vorbereitet. Sein Unterschenkelknochen gleiche einer Tüte Kekse, die stundenlang auf einer vollen Tanzfläche gelegen hätte, soll ein Chirurg dem Patienten gesagt haben. Doch der hatte Glück: Mit 20 Nägeln gelang es den Operateuren, sein Bein zu flicken. Nur steif wird es bleiben. Über Nacht wurde aus dem Sportler und begnadeten Tänzer ein Invalide.

Ein Jahr später kommt Tino Daniel im Anzug und auf Krücken in den Gerichtssaal. Der arbeitslose Kaufmann soll in jener Nacht, als er "wie ein Lutscher auf der Erde lag" - so Daniel über Daniel - zwei Polizisten mit "Ihr Wichser, ihr Nazis!" beleidigt haben. Zwei Monate erst sei er aus dem Rollstuhl heraus, zwanzig Kilo habe er zugenommen, sagt der Angeklagte. Die Pfunde über Weihnachten loszuwerden, falle natürlich besonders schwer, äußert die Richterin mitfühlend. Der 45-Jährige stammt aus einer Roma-Familie. Dazu passt sein rundes, ebenmäßiges Gesicht mit den vollen Lippen und die kräftigen, dunklen, lockigen Haare, die er zum Zopf gebunden hat.

"Du bist besoffen!"

Er habe damals in einem Restaurant gefeiert, sagt der Angeklagte. Dort wurde reichlich gegessen und ebenso reichlich getrunken, obwohl seine Freundin ihm zuvor angedroht hatte, sie würde ihn dann nicht in ihre Wohnung lassen. Um Maria milde zu stimmen, wollte er ihr eine Portion Essen mitbringen. Obendrein besorgte er noch Eiscreme und Schokolade.

Mit diesen Gaben versuchte er gegen 22 Uhr trotz Alkoholisierung bei der Frau seines Herzens eingelassen zu werden. Aber die Brasilianerin, der Daniel ein "Temperament wie zehn Chili-Schoten" nachsagt, ließ sich nicht erweichen. "Du bist besoffen!", habe sie durch die Wohnungstür gerufen und verlangt, er solle die Nacht bei seinem Bruder verbringen. Draußen war es kalt, sein Geld hatte Tino Daniel für seine Mitbringsel ausgegeben. Er bettelte: "Lass mich rein, mein Baby! Oder gib mir wenigstens eine Gabel - das schöne Essen!"

Ein glückloser Versuch

Nach einer Viertelstunde entschloss sich der Abgewiesene, die Tür aufzutreten. Dies habe er zwei Wochen zuvor schon einmal getan, als seine Freundin krank und erschöpft vor dem Fernseher eingeschlafen war und ihm nicht geöffnet habe. Doch der Betrunkene traf die Tür so unglücklich mit dem Absatzende, dass er sich dabei den Unterschenkel anbrach.

Der Schmerz ließ ihn auf den Boden plumpsen, dabei lief das Essen inklusive Soße auf seinen Anzug. "Vor meinen Augen hat es geblitzt", erinnert sich der Angeklagte. Sein Schmerzensgebrüll brachte die Nachbarn dazu, die Polizei zu rufen. Deren Einsatz war mit "Randalierende Person im Rahmen einer häuslichen Gewalt" überschrieben. Im Treppenhaus stießen sie auf Daniel: Rücklings lag der in einen Anzug gewandete und mit brauner Soße bekleckerte Mann vor einer ebenfalls mit Essen bespritzten Wohnungstür.

Das Bein brach wie ein Streichholz

"Los Junge, aufstehen! Mach jetzt keine Show!" Mit diesen Worten versuchten die beiden Beamten den 100 Kilo-Mann auf die Beine zu stellen. Sie ließen sich dabei nicht von dessen Freundin abhalten, die ihnen zurief: "Der Mann ist nicht böse. Ich hatte keinen Streit mit dem Mann!" Wenn dem so sei, warum würde sie ihn dann nicht herein lassen? Die Beamten glaubten der Brasilianerin nicht. Stattdessen hätten sie ihre Tür zugehalten und sie angeherrscht "Stören Sie nicht die Polizeiaktion!", erinnert sich Daniel.

Er habe sich dann ganz vorsichtig am Treppengeländer hochgezogen und gebeten: Bitte nicht anfassen! Einer der Polizisten habe ihn weggezogen. Haltsuchend hätte der Verletzte nach ihm gegriffen, doch der Beamte sei weg gesprungen. Durch die plötzliche Belastung brach das Bein - wie ein Streichholz. "Es hat gebaumelt wie Spaghetti.", sagt der Angeklagte. "Das war wie im Horrorfilm!" Die Tränen seien ihm aus den Augen gespritzt: "Wie bei Micky-Maus".

"Wichser" oder "Nazi"?

Auf dem Boden liegend habe er nur noch geweint und geschrien, so laut, dass man ihn auf der Straße hörte. Er habe sich am Treppengeländer festgehalten, denn die Polizisten hätten weiterhin an ihm gezogen und versucht, ihn aufzustellen. Dabei hätten sie ihn angefahren: "Ein Kerl wie ein Baum und jetzt jammern wie ein Baby!"

"Haben Sie Wichser oder Nazi gesagt?", will die Richterin wissen. Der Angeklagte beteuert: "Ich hätte die doch nicht noch beleidigt. Die schlagen mich doch tot!" Er habe einem arabischen Hausbewohner zugerufen: "Habibi hilf mir, der Nazi will mich umbringen!" Dann erklärt er: "Mein Vater hat Auschwitz überlebt, wir Kinder haben immer noch Angst - bis ins fünfte Glied!" Als Roma empfinde er die erlittene Demütigung und Respektlosigkeit gegenüber einem Verletzten besonders schlimm. Seine Freundin Maria habe der Vorfall so erschüttert, dass sie Deutschland in Richtung Schweiz verlassen habe.

Ein unversöhnliches Ende

Beide Polizisten geben als Zeugen vor Gericht an, sie seien als "Wichser" und "Nazis" beleidigt worden. Einer meint, er habe auch die Worte "Du Thai-Fotze" verstanden, so habe Daniel seine Freundin bezeichnet. "Wieso soll ich das zu einer Brasilianerin sagen", wundert sich der Angeklagte. "Das macht doch gar keinen Sinn!" Von einer Verletzung oder gar der Bitte, ihn deswegen nicht anzufassen, wollen die beiden langgedienten Beamten nichts mitbekommen haben. Sie hätten versucht, Daniel hochzuheben. Aber nur ein einziges Mal. "Da wusste ich noch nichts von seinem Knie!", sagt derjenige Polizist, dessen blaue Augen und spuckegeiferndes Gesicht der Roma niemals vergessen wird, wie er dem Gericht versichert. Die Ermittlungen gegen die beiden Staatsdiener, die von Tino Daniel wegen Körperverletzung im Amt angezeigt wurden, wurden bereits eingestellt. Offensichtlich stufte die Staatsanwaltschaft deren Schuld als gering ein. Der Roma will es noch einmal mit einer Klageerzwingung versuchen.

Die Richterin stellt nun auch das Verfahren wegen Beleidigung ein. Sie glaubt Daniel, dass er sich damals in einem Ausnahmezustand befand, der mit "vor Schmerz wie von Sinnen" nur annähernd zu beschreiben ist. Ob er nicht auch mit den beiden Beamten seinen Frieden machen wolle, will die Richterin noch von dem Angeklagten wissen. Nein, das will er nicht. "Die haben mein ganzes Leben kaputt gemacht. Die kann man doch nicht laufen lassen!"

* Name von der Reaktion geändert

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