"Icke muss vor Jericht" Wie viele Kondome sind zu viel?

Ein Kondomvorrat ist sinnvoll, doch man sollte sie auch innerhalb der Haltbarkeitszeit verbrauchen können
Ein Kondomvorrat ist sinnvoll, doch man sollte sie auch innerhalb der Haltbarkeitszeit verbrauchen können
© Colourbox
Ein junger Mann sitzt vor Gericht, weil er ein Kondomrezept gefälscht haben soll: Statt 60 standen 600 Stück auf dem Schrieb. Doch der Angeklagte hatte Glück - denn der Richter glaubte nicht an die enorme Potenz. stern.de-Gerichtskolumnistin Uta Eisenhardt zweifelt an dem Urteil.

Er ist groß, schlank und wirkt sportlich. Volles, dunkles Haar sitzt über seiner hohen Stirn, auf der sich erste, zarte Falten abzeichnen. Über sich selbst sagt Andreas Gendler*, er sei ein wenig unstrukturiert. Das glaubt man dem 34-Jährigen, der gerade in seiner ersten Ausbildung zum Fitness-Fachwirt steckt. Im nächsten Jahr, so hofft der Angeklagte, werde er damit fertig.

Und während seine Altersgenossen längst Kinder haben, bekundet Gendler auf die diesbezügliche Frage des Richters: "Ich habe noch keine Unterhaltsklage bekommen." Damit wäre zu seinem Wunsch nach Fortpflanzung alles gesagt. Dem unerwünschten Nebeneffekt erwünschter Sexualkontakte beugt er mit Kondomen vor. Da er während seiner Ausbildung von Hartz IV lebt, darf er sich diese kostenlos beim "Zentrum für Familienplanung" besorgen.

20 Kondome pro Monat

Berlin ist nämlich eines der wenigen Bundesländer, das bei nachgewiesener Armut die Kosten für die Empfängnisverhütung übernimmt. Zu den Mitteln der Wahl gehören auch Kondome, die man sich in den Zentren abholen kann. Männer, die spezielle Größen oder latexfreie Produkte benötigen, erhalten ein Rezept. Bevor man jedoch irgendetwas ausgehändigt bekommt, spricht man mit einer Sozialarbeiterin über die korrekte Anwendung und trägt seinen individuellen Bedarf vor. 20 Kondome pro Monat seien die maximale und vom Oberlandesgericht Hamburg festgelegte Anzahl, bestätigt der zuständige Arzt des Familienplanungszentrums, der als Zeuge ins Amtsgericht Tiergarten bestellt wurde.

Das ist auch der Grund, warum Andreas Gendler hier sitzt. Er soll nämlich sein Kondom-Rezept verfälscht haben: Die für ein Quartal bewilligten 60 Kondome reichten ihm nicht, der Angeklagte fügte eine Null hinzu, sagt die junge Staatsanwältin. Mit dem 600-Kondome-Rezept sei Gendler zur "Kreisel"-Apotheke gegangen, wo er jedoch an der wachsamen Apothekerin scheiterte. Die rief sofort beim Zentrum für Familienplanung an, ob mit diesem Rezept möglicherweise eine ganze Einrichtung versorgt werden solle?

Der unbekannte Dritte

Schnell wurde derjenige, auf den das Rezept ausgestellt worden war, als Betrüger ausgemacht. Man bot Andreas Gendler eine Geldstrafe von 500 Euro an, doch der junge Mann beteuert seine Unschuld. Er habe noch nie die "Kreisel"-Apotheke betreten, versichert er dem Richter. In der von ihm gewählten Apotheke hätte ihn stets eine Frau bedient, "die hat mich verstanden, die wusste, was ich wollte." Jenes Rezept, das später gefälscht wurde, will er zusammen mit seinem Portemonnaie verloren haben. Dessen Finder muss der Übeltäter gewesen sein.

Solche Beteuerungen hören Richter alle Tage. Der unbekannte Dritte ist Stammgast in Moabit und anderen Gerichten, obwohl Richter ihn kaum leiden können - vor allem dann, wenn die Angeklagten ihn nicht sofort ankündigen, sondern erst zur Verhandlung mitbringen. Der Richter ringt sich durch, diese Version wenigstens einmal durchzudeklinieren. Der Diebstahl eines Kondom-Rezepts sei keine gängige Idee, überlegt er laut. Mit einer ec-Karte hätte der Dieb sicher mehr anfangen können. "Aber vielleicht wollte jemand einen Kondom-Laden eröffnen?"

Von der Torheit, Kondome zu horten

Die junge Staatsanwältin kann sich gar nicht für die Version mit dem unbekannten Kondomrezept-Dieb erwärmen. Statt 600 Kondomen soll der Angeklagte nach ihrem Willen nun 600 Euro Geldstrafe (60 Tagessätze) bekommen. Für den Verteidiger ist das alles an den Haaren herbei gezogen. "Er hätte doch jederzeit Kondome bekommen können. Warum sollte er das Rezept fälschen?"

Das sieht auch der Richter so und spricht Andreas Gendler frei. Er habe noch nie gehört, dass der Kondomautomat einer Kneipe aufgebrochen wurde und auch noch nie einen Fall von Kondomdiebstahl gehabt. Man müsste sehr viele Frauen für sich begeistern, um diese Menge innerhalb der vierjährigen Haltbarkeitszeit zu verbrauchen. Obendrein bringe mindestens die Hälfte der Eroberten eigene Kondome zum Stelldichein mit. "Man müsste genügend töricht sein, um 600 Kondome horten zu wollen", begründet der Richter seine Zweifel.

Nach der Gerichtsverhandlung erkundigt sich Andreas Gendler selbstbewusst bei der Kolumnistin, ob sie sich seine Maße notieren wolle. Dann legt er vertraulich seine Hand auf ihre Schulter und bietet ein Date "bei einem Glas fettarmer Milch" an. Sollte er doch mehr als 20 Kondome im Monat benötigen?


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