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"Icke muss vor Jericht": Zoff ums Ampelmännchen

Vor Jahren stießen ein Österreicher und eine Baden-Württembergerin auf ausrangierte DDR-Ampelmännchen. Sie arrangierten sie zu einem Kunstwerk und gaben damit dem Kult um den grünen Mann mit Hut einen kräftigen Schub. Reich ist keiner von beiden mit dieser Idee geworden. Der Frust darüber sorgt noch immer für Streit vor Gericht.

Von Uta Eisenhardt

Die Zeugin will die Wahrheit sagen: "Ich bin schließlich das Opfer", sagt Lore Storch* zur Richterin. Zehn Minuten später steht die große, dunkelhaarige Frau mit der großen Nase neben dem Richtertisch. Über ihrer hellblauen Mohair-Schirmmütze trägt sie dicke, schwarze Kopfhörer und sucht auf einem DAT-Band nach der Stelle, an der die Worte "Nazi" und "nazistisch" zu hören sein sollen. Diese seien neben vielen, vielen anderen an einem Januarmorgen des vergangenen Jahres von ihrem Anrufbeantworter gespeichert worden. Günter Hader* habe sie aufgesprochen. "Ich habe ihn angezeigt, um ihm ein Klebeband zu verpassen", sagt die 50-Jährige.

Das hindert Günter Hader nicht an einer flammenden Verteidigung. Im breitesten österreichischen Dialekt wirft der 49-Jährige ein Faktengebräu auf den Richtertisch, von dem die Begriffe "sechs Tonnen Material", "Ampelmännchen" und "Dichter-Narzisse" zu verstehen sind. Ungeordnet blubbern sie aus dem kleinen, kugelrunden Mann heraus, dabei bebt sein grauer Schnauzbart vor Entrüstung. Im Übrigen habe er "Narziss" und nicht "Nazi" gesagt: "Sie verwechselt oaber auch oalles!"

Gemeinsam bargen sie einen Schatz

Vor über fünfzehn Jahre lernte der Dekorateur aus dem österreichischen Karpfenberg die Bildhauerin aus dem baden-württembergischen Überlingen kennen. Gemeinsam bargen sie einen Schatz: Alte, ausgemusterte DDR-Verkehrsschilder, die sie zu Kunstwerken arrangierten. Bei der Ausstellung "Vorrang" blinkten sie im Takt eines Furtwängler-Konzerts. Die Installation "Die Geher", welche die beiden an der Volksbühne zeigten, soll den Ruhm des behüteten DDR-Ampelmännchens begründet haben. Günter Hader jedenfalls sieht sich als Entdecker, nur leider nicht als Profiteur dieses Kults. "Die oannern verdünen, und i geh leer oaus. Da goahts um fünf Millionen Euro!" Darum könne er "von der Kunst oallein nicht leben" und sei auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Seine ehemalige Mitsammlerin dagegen "verdünt Geld mit unserer Arbeit". Sie installierte in Rio de Janeiro das Kunstwerk "Dichter-Narzisse". Günter Hader hat dem Gericht ein Bild davon mitgebracht. Es zeigt einen Lampenmast als Stängel, an dem mehrere "Achtung Kurve!"-Zeichen zur Blüte gebündelt sind. Wenig kunstsinnig sagt die Richterin: "Das sind alte Verkehrsschilder, was soll daran Besonderes sein?" "Sie verdünt Millionen doamit", sagt Hader. "Sie will oalles allein ausstellen. Doas is a bissel traurig!" Warum er die ehemalige Mitstreiterin nicht einfach vor dem Zivilgericht verklage, will die Richterin wissen. "Pfüil Chancen hoab I net", antwortet Günter Hader.

Als "Nazi" beleidigt?

"Es geht hier nicht um Geld, sondern ob sie die Dame beleidigt haben!", erinnert ihn die Richterin. Sie will nun endlich das Band hören. Lore Storch hat inzwischen die entscheidende Stelle gefunden. Die könne man aber nur über Kopfhörer hören. Zufälligerweise hat der Angeklagte Lautsprecher ins Gerichtsgebäude gebracht, die er jedoch am Einlass abgeben musste. Dem Staatsanwalt würde bereits die leise Version überzeugen, doch die Beleidigte fleht: "Bitte laut, damit Sie nicht denken, dass da irgendeiner Märchen erzählt!"

Also geht die dünne Richterin mit dem dicken Angeklagten zwei Stockwerke nach unten, um die Lautsprecher aus der Obhut der Sicherheitskräfte zu holen. Als Günter Hader wieder zurück kommt, schnauft er wie eine Lokomotive. Er will Lore Storch das Gewünschte in die Hand drücken, die begehrt jedoch Abstand von ihrem Peiniger. Also schaltet sich die Richterin dazwischen. Kaum ist dieses Problem gelöst, verstummt das Gerät. "Da muss man in ein professionelles Tonstudio gehen", sagt der Angeklagte. Die Zeugin giftet zurück: "In deine Hände kommt es nicht!"

Bei der Polizei habe sie es ja auch vorgespielt, sagt Lore Storch. Die Ermittlungsbeamtin, die das zweistündige Band abhören wollte, schrieb in ihren Bericht: "Die lallende Stimme des Beschuldigten macht das Verstehen unmöglich." Sie habe es aber gehört, beharrt die Künstlerin. Günter Hader habe gesagt, du bist eine Lügnerin, ein Nazi, du bist nazistisch und dich kriege ich noch! "Und im Hinterhalt lief eine Brecht-Oper!", erinnert sich die Zeugin.

Schwindlerische Erpressung

"Ich habe es nicht gehört, die Polizistin auch nicht", sagt die Richterin und fragt: "Sie schließen eine Verwechslung aus - trotz lallender Stimme?" "Trotz drohender Stimme", ergänzt Lore Storch und meint, die Anklage könne auch auf Nötigung und Erpressung lauten. Erneut versucht sie, dem Gerät ein Geräusch zu entlocken. Ihre Bemühungen werden von einer "Error"-Anzeige quittiert.

Der Angeklagte packt seine Lautsprecher wieder ein, während die Zeugin erzählt, sie sei "von diesem Menschen" in Gegenwart von Museums-Kuratoren geschlagen worden. Sie würde ihn auch anzeigen wollen: "Ich muss nur genau die Paragraphen kennen, wo es greift!" Bei der gemeinsamen Ampelmännchen-Installation an der Volksbühne sei er lediglich ihr Helfer gewesen, berichtet sie weiter. Er habe seinen Status als Mitautor "schwindlerisch erpresst". "Er ist vorbestraft wegen Einbruch und Körperverletzung." Mit so einem Menschen könne sie sich in der Öffentlichkeit nicht sehen lassen. "Ich habe mit hochstehenden Personen zu tun!"

"Frau Storch, ich habe nicht stundenlang Zeit", mahnt die Richterin und bittet die Zeugin, sich wieder zu setzen. "Sie hoat gesagt, Sie sollen oinpacken!", sekundiert der Angeklagte, als Lore Storch ruft: "Es geht jetzt!" "Geben Sie mir die Lautsprecher", verlangt die Richterin von Günter Hader und streckt ihm die Hand entgegen. "Ja", stichelt die Zeugin: "Sonst kriege ich noch eine Alkoholvergiftung!"

Das Verfahren wird eingestellt

Der als betrunken Gebrandmarkte zetert:"Ich gehe sofort zur Blutprobe, ich mache eine Anzeige!" Er wolle der Frau seine Technik nicht mehr geben und fordert seine Lautsprecher zurück. Sie, die ihn beleidigt habe, dürfe nicht die Batterien verbrauchen, die er unter Aufbietung all seiner körperlichen Kräfte treppauf, treppab heran geschafft habe: "Ich schwitze, mir ist schlecht und du lachst!", schleudert er Lore Storch entgegen.

Die Geduld der Richterin ist endgültig erschöpft. Mit einem Seitenblick verständigt sie sich mit dem Staatsanwalt und stellt das Verfahren ein. Storchs Beleidigung habe Haders aufgehoben, quasi neutralisiert. Um der Justiz nicht noch neue Arbeit zu bescheren, will die Richterin die beiden Kampfhähne möglichst berührungslos aus dem Gerichtsgebäude bugsieren. Darum soll die Zeugin zuerst gehen, der Angeklagte darf ihr erst in gebührendem, zeitlichen Abstand folgen.

* Namen von der Redaktion geändert