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"Kanu-Mann": Online-Rendezvous mit einem Frosch

Der kuriose Fall des kürzlich aufgetauchten "Kanu-Mannes" nimmt eine interaktive Wendung: John Darwin hatte online eine Frau aus den USA kennengelernt. Diese sollte für ihn ein günstiges Grundstück kaufen. Als es Darwin zu langsam ging, drohte er ihr mit rabiaten Methoden.

Von Cornelia Fuchs, London

Der Brite, der seinen eigenen Tod durch einen Kanu-Unfall vortäuschte, muss ebenso wie seine Frau bis zum Januar in Untersuchungshaft bleiben. John Darwin werden Betrug und Falschaussage zum Erhalt eines Reisepasses vorgeworfen. Noch immer sucht die Polizei nach Zeugen, die den Totgeglaubten in den Jahren seines Verschwindens gesehen haben. Nun hat sich die Frau in den Vereinigten Staaten gemeldet, die Darwin über das Internet kennengelernt hatte.

Kelly Steele spielt gerne das Rollenspiel "Everquest" im Internet. Sie hat sich dafür die Figur eines männlichen Frosches geschaffen und irgendwann vor zwei oder drei Jahren brauchte sie die Hilfe eines Druiden. Sie fand Cedum, einen anscheinend netten Kerl, mit dem sie ziemlich schnell auch private Emails austauschte. Hinter diesem Kunst-Namen verbarg sich John Darwin, der sich zu diesem Zeitpunkt aus seiner Dachkammer im Haus seiner Frau im nordenglischen Seaton Carew nicht wegbewegen durfte, weil er vom Rest seiner Familie für tot gehalten wurde.

Darwin gab sich als Witwer aus

Darwin war im März 2002 mit einem Kanu aufs Meer gefahren und nicht wieder aufgetaucht. Er wurde 2003 für tot erklärt, tauchte aber Anfang Dezember plötzlich auf einer Londoner Polizeistation wieder auf und behauptete, sein Gedächtnis verloren zu haben. Dies entpuppte sich als Lüge, als ein Foto mit ihm und seiner Frau aus dem Jahr 2006 im Internet gefunden wurde, das beide bei der Wohnungssuche in Panama-City zeigte.

"Er sagte mir, er sei einsam, weil seine Frau an Krebs gestorben sei", sagt Kelly Steele. Sie hatte Mitleid mit dem angeblichen Witwer, dessen angebliche Witwe Anne Darwin währenddessen direkt neben Darwin wohnte. "Ich habe ihm gesagt, dass ich verheiratet sei mit zwei Kindern - aber er hat trotzdem weiter geflirtet." Es wurde schnell klar, was Darwin wirklich an Kelly Steele faszinierte - sie hatte ihm von billigem Land in ihrer Gegend in Kansas erzählt: "Er schien begeistert zu sein, wie günstig er hier Land kaufen konnte. Er wollte mit mir ins Geschäft kommen."

Kelly freute sich über Darwins Interesse, sie hatte Schulden. Sie machte sich auf die Suche nach einem Bauernhof für den Mann aus England. Sie fand eine abgelegene Ruine in einer Geisterstadt mit einer Einkaufsstraße, auf der die Mehrzahl der Häuser mit Brettern vernagelt waren. Genau so etwas suchte John Darwin, der sich Steele gegenüber als John Jones ausgab. Er schickte ihr 35000 Euro mit dem Auftrag, das Land zu kaufen und das Haus darauf zu renovieren.

Er sah aus wie ein Wehrwolf

Kelly begann mit der Arbeit, froh, nebenher etwas verdienen zu können. Dann flog Darwin persönlich ein. "Sobald ich ihn auf dem Flughafen sah, lief mir ein Schauer über den Rücken. Er sah aus wie ein Wehrwolf, mit langen Koteletten. Er sah mir nie in die Augen", erzählt Steele. Entgegen ihrem Angebot ließ sie ihn nur eine Nacht im Zimmer ihrer Tochter schlafen, dann quartiertete sie ihn aus in ein Hotel.

John Darwin alias Jones war zufrieden mit dem Haus. Zurück in England machte er Kelly Dampf, dass sie das Haus schnell fertig bekommen sollte. Was dann zu ihrem Zerwürfnis geführt hat, erzählt Steele nicht. Nur so viel: Er begann, sie mit hasserfüllten Emails zu bombardieren, drohte ihr damit einen Mann namens Giovanni aus der Bronx als Schuldeneintreiber zu ihr zu schicken: "Dinge werden passieren, wenn Du mir nicht alles Geld zurückzahlst. Einige Fragen, über die Du Dir Gedanken machen solltest: Warum wurde mein Pferd krank? Muss ich die Bremsen in meinem Auto überprüfen? Ist Gras um mein Haus heute zu trocken? Was ist das für ein Lärm da draußen?"

Darwin war Stammgast im Stripclub

Kelly Steele sagt, sie habe seitdem nur noch mit einem Gewehr neben dem Bett geschlafen, in ihrer Handtasche stets einen Eispickel mit sich geführt. Als sie vor zwei Wochen plötzlich das Bild dieses Mannes namens Jones überall in den Nachrichten gesehen habe, habe sie sich sofort mit den Emails und Fotos an die Polizei in England gewandt: "Ich bin froh, dass der Kerl hinter Gittern ist."

Die englische Boulevardzeitung "The Sun" schreibt heute, sie habe mehrere Strip-Clubs in Panama-City gefunden, in denen John Darwin als regelmäßiger Kunde erkannt wurde. Er habe die Mädchen dort nur angesehen, doch nie eine aufs Zimmer geholt, heißt es.

John und Anne Darwin werden im Januar erneut vor dem Richter erscheinen, der über die weitere Untersuchungshaft entscheiden wird.