"Maischberger" Marco W. und das TV-Tribunal


Zwar sitzt Marco W. in der Türkei in Untersuchungshaft, aber das hat TV-Moderatorin Sandra Maischberger nicht davon abgehalten, in ihrer Sendung ein Ersatz-Tribunal zu veranstalten. Dabei beschrieb Marcos Vater seine Sicht des Falls - und musste vor der Richterin mit Tränen kämpfen.
Von Niels Kruse

Seit einem halben Jahr sitzt Marco W. in türkischer Untersuchungshaft, und die Nachrichten, die seitdem aus Antalya kamen, waren streng genommen keine, denn es passierte vor allem: nichts. Dem Teenager aus den niedersächsischen Uelzen wird vorgeworfen, die 13-jährige Charlotte M. missbraucht, wenn nicht sogar vergewaltigt, zu haben. Marco bestreitet die Vorwürfe. Es steht also Aussage gegen Aussage, und wie verhärtet die Fronten in dem Fall mittlerweile sind, zeigte sich am Dienstagabend deutlich in der TV-Talk-Sendung "Menschen bei Maischberger".

Am Anfang lachte Marco noch

Eingeladen waren: Marcos Vater, der Verteidiger der Familie, zwei Rechtsexperten als eine Art Gutachter sowie der türkische Anwalt von Charlotte. Letzterer war via Satellit zugeschaltet. Außerdem zu Gast: Andrea Rohloff, die vor einigen Jahren selbst einmal in der Türkei wegen Drogenschmuggels in Haft saß. Mit diesen Akteuren geriet die Talkshow zu einer Art öffentlichen Ersatzverhandlung in der Sache Marco W. gegen Charlotte M. - es war ein TV-Tribunal zum Fall Marco W..

Zu Beginn hatte der Vertreter des Beklagten das Wort. Sachlich und gefasst schilderte Ralf Jahns, Vater des 17-Jährigen, wie sich die Verhaftung zugetragen hatte, wie der Familie nur langsam klar wurde, dass die Angelegenheit doch ernster war, als zunächst angenommen. Als Marco die Anschuldigung gehört hatte, habe er zunächst gelacht, so Jahns. "Das muss eine Verwechslung sein, ich kenne keine 13-jährige Engländerin", soll sein Sohn gesagt haben.

Und da beginnt schon das Dilemma jenes vermeintlichen Urlaubsflirts, der für Marco W. in einem türkischen Gefängnis endete. Denn Charlotte aus Oldham in der Nähe von Manchester hatte, zumindest nach der Darstellung des Vaters, geflunkert und behauptet, sie sei schon 15 Jahre alt. Das habe Marco ihr geglaubt, denn sonst wäre es nie zu "diesem Punkt gekommen", wie Marco jüngst in einem Interview mit der türkischen Zeitung "Hürriyet" gesagt hatte. Was aber genau dieser "Punkt" gewesen sei, ist die große Frage in diesem verzwickten Fall.

Marcos Vater verwirft medizinisches Gutachten

Denn das Mädchen beharrt auf der Aussage, vergewaltigt worden zu sein. Marco wiederum sagt, es habe sich dabei nur um eine Art Petting gehandelt. Allerdings haben sich beide in Widersprüchen verheddert. In der ersten Vernehmung soll Charlotte nämlich nichts von Geschlechtsverkehr gesagt haben, Marco dagegen schon. Natürlich gibt es medizinische Gutachten dazu. Zwei sogar. Das eine kommt zu dem Schluss, es sei zur Penetration gekommen, das andere wiederum, es sei nicht dazu gekommen. Sicher ist nur, dass Spermaspuren gefunden wurden. Marcos Anwalt Michael Nagel jedenfalls machte bei "Maischberger" keinen Hehl daraus, was er von dem Gutachten der Gegenseite hält - nämlich nichts. Ziemlich kühl entgegnet er seinem Kollegen in der Türkei, dass es sich dabei ohnehin nur um ein ärztliches Attest handele, dessen Aussage der Arzt zudem auch nachträglich noch entschärft habe.

Ömer Aycan, Charlottes Verteidiger, ficht das nicht an. Er bleibt bei seiner Darstellung und berichtet davon, dass Charlotte und ihre Familie durch den Vorfall ein "großes Trauma erlebt hätten", weswegen sie unter ärztlicher Aufsicht stehen würden. Vor Gericht wird er daher auf Vergewaltigung plädieren, was bis zu 15 Jahren Gefängnis für Marco W. bedeuten könnte. Zudem gebe es Verdachtsmoment gegen den 17-Jährigen, die auf Kindesmissbrauch hindeuten. Was genau er damit meinte, wollte Aycan wegen des schwebenden Verfahrens aber nicht sagen.

Tränen vor Richterin Maischberger

Aus genau diesem Grund hätte Marcos Vater Ralf Jahns an der einen oder anderen Stelle gerne mehr über den Fall erzählt. Durfte er aber nicht - auch wenn "Richterin" Sandra Maischberger noch so bohrte. Ein-, zwei Mal kämpfte der Mann, der unter Blutkrebs leidet, mit den Tränen. Etwa als er sagt, dass er froh wäre, "sagen zu können, dass es Marco gut geht". Oder als er von dem Moment berichtet, als die Familie das erste Mal nach Markos Festnahme wieder nach Deutschland zurückkehrte: "Das war ein Gefühl, als lässt man seinen Sohn im Stich."

Seit April wartet Marco W. nun auf den Beginn der Hauptverhandlung. Viel zu lange, darüber ist sich die Runde einig. Über die Gründe dagegen nicht so sehr. Der türkische Strafrechtler Bahri Öztürk führt das zum einen darauf zurück, dass einige Reformen des türkischen Strafrechts noch nicht vollständig umgesetzt seien und Marco ein "Opfer dieser Übergangszeit" sei. Zum anderen aber ist schlicht die Beweisaufnahme noch nicht abgeschlossen.

Kritik an deutscher Politik

Auch die Politik, allen voran Unions-Fraktionschef Volker Kauder und sein SPD-Kollege Peter Struck, kriegt bei dem Tribunal ihr Fett weg. Ihre sehr deutliche Ansprache an die Türkei habe vieles unnötig aufgebauscht und so für bilaterale Spannungen gesorgt, sagt der Kriminologe Christian Pfeiffer. Charlottes Anwalt zürnt gar: Mit deren Einmischung würde die Türkei "wie eine Bananenrepublik" behandelt werden. Der Fall Marco W. ist längst zu einer bilateralen Belastungsprobe geworden. Selbst der sehr auf Ausgleich bedachte Jura-Professor Öztürk konnte sich nicht verkneifen, in deutlichen Worten das Rechtssystem seiner Heimat zu verteidigen.

Und nun? Am Freitag könnte dem Gericht in Antalya die Aussage von Charlotte vorliegen, so sie denn schon übersetzt ist. Was genau auf dem Videoband zu sehen und vor allem zu hören sein wird, darüber wollte ihr Anwalt nichts Genaues sagen. Außer: "Sie erklärt die Vorgänge sehr konsequent und spricht weiterhin von Missbrauch."

Ob ihre Aussage das "Hoffnungsbarometer" für Marco W. steigen lässt, wie Sandra Maischberger zu Beginn mutmaßte, ist mehr als fraglich. Marcos Verteidiger überlegt bereits, vor den Europäischen Gerichtshof zu gehen, sollte sein Mandant nicht bald aus der U-Haft entlassen werden. Marco selbst scheint sich seinem Schicksal ergeben zu haben. "Er nimmt es wie es kommt", sagt sein Vater.


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