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Nach Razzien bei Kunden: Das Ende des Online-Waffenhandels "Migrantenschreck"

Mehr als 300 illegale Schusswaffen haben deutsche Kunden im Online-Shop "Migrantenschreck" gekauft - jetzt ist die Webseite offline. Wie es aussieht, hat der Betreiber kalte Füße bekommen: Die Polizei hatte bereits die Wohnungen seiner Käufer durchsucht.

Symbolfoto: Ein sichergestellter Schreckschuss-Revolver in einer Tüte

Auf Mario Rönschs Webseite gab es Pistolen, Revolver, Gewehre und Flinten zu kaufen, auch illegale Waffen (Symbolfoto)

Die Deutschen rüsten auf, Waffen sind gefragt wie lange nicht. Im vergangenen Jahr wurden bundesweit fast 184.000 kleine Waffenscheine neu beantragt - ganze 60 Prozent mehr als 2015; allein in Sachsen gibt es inzwischen knapp 9000 registrierte Scheine. Wer einen kleinen Waffenschein besitzt, darf Schreckschusspistolen, Reizstoff- und Signalwaffen führen - und im Notfall damit schießen.

Ebenfalls im vergangenen Jahr war eine Webseite online gegangen, die gar nicht erst nach einem Waffenschein fragte. Migrantenschreck.ru, ein Shop, der schon mit seinem Namen offen dazu aufruft, Waffen gegen Flüchtlinge einzusetzen, versprach, die gekauften Waffen "ohne bürokratische Hürden" zu versenden, ganz einfach auf dem Postweg. Nun ist die Seite nicht mehr zugänglich. Wie es aussieht, hat der Betreiber selbst sie offline genommen.

Inhaber und Geschäftsführer der Betreiberfirma ist der Erfurter Mario Rönsch. Er hatte die Seite angemeldet. Rönsch organisierte Demonstrationen und gilt als Vertreter der neuen Rechten. Auf seiner Webseite schürte Rönsch Angst - und monetarisierte sie. Für den bloßen Erwerb von Gas- oder Schreckschusswaffen braucht man keinen Schein. Allerdings sind die Waffen, die in Rönschs Shop verkauft wurden, in Deutschland gar nicht zugelassen. Auch eine Erlaubnis zum Waffenhandel hatte die Seite nicht.

Der Betreiber des Shops ist untergetaucht

Als Aktionsangebot hatte der Shop etwa den "Migrantenschreck HD130" beworben, mit den Worten: "Unser Flaggschiff für alle, die mehr als nur vier Wände zu bewachen haben", eine Waffe "für höchste Ansprüche": "Fulminante 130 Joule Mündungsenergie sprechen für sich und garantieren den Einsatzerfolg dieses Produktes". 130 Joule - in Deutschland erlaubt sind maximal 7,5 Joule Schusskraft. Einen Revolver bewarb der Shop mit: "60 Joule Mündungsenergie strecken jeden Asylforderer nieder." Eine andere Waffe nennt Rönsch den "Migrantenschreck HD130 Superior" - ein Gewehr mit neun-Millimeter-Kaliber und ebenfalls einer Schusskraft von lebensgefährlichen 130 Joule. Für Frauen gibt es den Migrantenschreck MS55 Lady", der "jeden Schurken - egal, ob Ficki-Ficki-Fachkraft oder Hobbydieb" vertreibt.

Dass die Webseite nun offline ist, erscheint als Erleichterung. Zwar sind die Ermittler seinen Kunden auf den Fersen, doch Rönsch ist untergetaucht. Laut Informationen der "Zeit" lebte er von Mai 2016 an zunächst in Ungarn. Dann gab es Spekulationen, er könnte sich nach Jalta abgesetzt haben, es gibt auch Spuren, die in die USA führen. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Waffenhandels und Hetze gegen Flüchtlinge im Internet gegen ihn; die Staatsanwaltschaft Erfurt fahndet schon länger nach ihm, wegen älterer Delikte: wegen Betruges, Volksverhetzung und Aufforderung zu Straftaten.


Darüber hinaus wird dem 33-Jährigen Bedrohung und Nötigung vorgeworfen. Auf seiner Webseite hatte er unter anderem ein Video veröffentlicht, in dem ein Mann Kugeln auf Plakate mit Fotos von Bundespräsident Joachim Gauck und Bundesjustizminister Heiko Maas abfeuert. Der Chef der sächsischen Grünen, Jürgen Kasek, hatte Rönsch wegen Volksverhetzung angezeigt. "Es wird gezielt gegen eine Gruppe, nämlich Migranten oder politisch engagierte Menschen, Hass gestreut. Mit dem Ziel, dass man die dort angebotenen Waffen kaufen kann, um gegen diese Gruppen vorzugehen", sagte Kasek.

Kunden aus der gesellschaftlichen Mitte

Der Online-Shop war schon lange im Visier des Staatsschutzes. Doch die Seite liegt auf einem russischen Server, die Waffen wurden von Ungarn aus vertrieben, dort sind sie nicht verboten. Damit sind die Möglichkeiten von Ermittlern und Strafverfolgern stark eingeschränkt. Vorgehen können die bislang bloß gegen die Kunden des Shops: In der vergangenen Woche hatte es erste Razzien bei Kunden des Shops gegeben. 29 Käufern hatten Zollfahnder einen Besuch abgestattet. Das hatte unter anderem die "Zeit" berichtet. Demnach fanden die Zöllner 42 illegale Waffen - mehr als 300 wurden über die Webseite verkauft.

Kunden waren, wie der Mitteldeutsche Rundfunk berichtet, Menschen aus der gesellschaftlichen Mitte, darunter Unternehmer, Ärzte und Versicherungsagenten; es sind Kunden aus der gesamten Republik. Die "Zeit" hat anhand von ihr zugespielten Kundendaten die einzelnen Bestellungen aufgelistet und in einer Grafik dargestellt.

Die letzte Betsellung war am 24. Januar eingegangen. Die Ermittlungen gegen den Betreiber Rönsch gehen weiter, auch ohne die Webseite. Und auch Rönschs Kunden müssen damit rechnen, dass sie ihre ergatterten Produkte demnächst doch einem Beamten aushändigen müssen.