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"Phantom"-Fall: "Uns wurden Grenzen aufgezeigt"

Das "Phantom", dessen Spur an 40 Tatorten gefunden wurde, existiert gar nicht. Wattestäbchen, die mit DNA verunreinigt waren, sollen die Polizei über Jahre hinweg in die Irre geleitet haben. Im stern.de-Interview erklärt der Rechtsmediziner Dieter Patzelt, wie es zu einer solchen Panne kommen konnte und was sich am DNA-Testverfahren ändern muss.

Herr Patzelt, die langjährig gesuchte, "unbekannte weibliche Person", das sogenannte Phantom, scheint nicht zu existieren. Offenbar waren die Wattestäbchen, mit denen die DNA-Spuren genommen wurden, verunreinigt. Wie konnte es zu dieser Panne kommen?

Dass es sich um eine Panne handeln könnte, hatte der Vorsitzende der Spurenkommission, Bernd Brinkmann, schon vor einigen Wochen geäußert. Wenn man Spuren dieser weiblichen Person an so vielen Orten findet, muss man die Möglichkeit der Verunreinigung einfach in Betracht ziehen. Die Erklärung von Brinkmann zu dem Fall ist am plausibelsten, wenn auch noch nicht bewiesen.

Wie wird DNA im Allgemeinen nachgewiesen?

Es gibt verschiedene Spurenarten: Blut zum Beispiel. Es ist gut zu erkennen und enthält am meisten DNA. Wir haben die Möglichkeit, auch geringe Spurenmengen labortechnisch zu vervielfältigen. Wenn nun verschiedene Erbgutinformationen von zwei verschiedenen Menschen vorliegen, wird die DNA nachgewiesen, die den größten Anteil auf dem Spurenträger hat. Das heißt: Eventuelle Verunreinigungen, etwa auf einem Wattestäbchen, fallen im Allgemeinen nicht weiter auf. Schwieriger wird es, wenn nur Haut- oder Schweißreste gefunden werden. Hier kann der DNA-Anteil ungefähr in der Größenordnung liegen, wie die der mutmaßlichen Verunreinigung. In so einem Fall können beide Erbgutinformationen gleichrangig auftauchen - und ich denke, dass das der Fall bei den Spuren des "Phantoms" war.

Wie wahrscheinlich ist so eine Verunreinigung?

Gering, aber nicht auszuschließen. Es kommt schon mal vor, dass unser Institut gebeten wird, automatisiert verpackte Gegenstände auf Verunreinigungen zu untersuchen. Und manchmal finden wir dann auch welche von Mitarbeitern, die an der Verpackungsstraße gearbeitet haben. Es gibt natürlich auch die Fälle, in denen Polizeibeamte oder der Leichenbeschauer ihr Erbgut am Tatort hinterlassen. Deshalb fordern wir von der Spurenkommission auch seit längerem, dass jeder, der mit der Spurenerfassung befasst ist, seine DNA registrieren lässt. Dazu ist es leider noch nicht gekommen.

Warum?

Leider reagiert die Öffentlichkeit oft ein wenig hysterisch, wenn es um den Genetischen Fingerabdruck geht. Völlig zu Unrecht, denn letztlich verrät er nicht sehr viel mehr als beispielsweise die Blutgruppe.

Welche Spurenmengen brauchen Sie als Rechtsmediziner, um eine DNA nachweisen zu können?

In einem Speicheltropfen sind hunderte Zellen, routinemäßig benötigen wir etwa zehn Zellen. Theoretisch würde sogar eine reichen. Aber weil wir in der Lage sind, mit so geringen Mengen zu arbeiten, macht es das System eben auch anfällig. So können wir anhand einer Geldmünze zwar feststellen, wer sie alles in der Hand gehabt hat. Allerdings sind wir nicht in der Lage festzustellen, ob es alle waren oder ob es noch mehr gibt. Eine solche DNA-Untersuchung würde aller Wahrscheinlichkeit alle Bevölkerungsmerkmale ergeben. Damit kann natürlich niemand etwas anfangen.

Gibt es noch weitere Schwierigkeiten?

Bei Tötungsdelikten werden teilweise bis zu 1000 Einzelspuren genommen. Und jede Einzelne wird untersucht. Wie gesagt, bei Blut lässt sich die DNA klar nachweisen. Schwierig aber wird es, wenn Sie etwa ein Treppengeländer untersuchen. Da haben so viele Menschen ihre DNA hinterlassen, die sich nicht mehr eindeutig zuordnen lassen. Mit Glück lassen sich aber an anderen Stellen, Türlinken, Fenstergriffen Merkmale einer einzigen Person finden. Nehmen sie unser fiktives verunreinigtes Wattestäbchen und streichen damit ein Heizungsventil ab - wenn da keine anderen DNA-Reste darauf zu finden sind, als die Verunreinigung, dann haben wir zwar einen Hinweis auf eine Person, aber im Zweifel die Falsche.

Lässt sich DNA fälschen oder jemand anderem unterjubeln?

Natürlich kann ich fremde Zigarettenkippen sammeln und sie bei einem Verbrechen verteilen. Aber das entspringt wohl eher der Fantasie von Krimiautoren und ist mir in mehr als 20 Jahren, in denen ich mit Spurenermittlung zu tun habe noch nicht untergekommen. Fälschen lässt sich eine DNA nicht. Und selbst wenn - würde es im Zweifel nicht zu einer Verurteilung kommen. Denn in Deutschland wird niemand nur aufgrund von DNA-Funden verurteilt. Es müssen zudem noch hinreichende Indizien dafür sprechen, dass jemand als Täter in Frage kommt.

Wenn sich herausstellen sollte, dass die Wattestäbchen tatsächlich verunreinigt gewesen sind, was würde das für Konsequenzen für die Zukunft haben?

Ich bin sicher: So ein Fall wird nicht wieder vorkommen. Zumal er zudem äußerst unwahrscheinlich ist. Und nun wissen alle Beteiligten, ob Ermittler oder Hersteller von Spurenträgern, was zu tun ist. Aber der Fall des "Phantoms" zeigt uns auch die Grenzen des ganzen Verfahrens. Deshalb sollten wir in Zukunft regelmäßig auch Stichproben unbenutzter Watteträger mitlaufen lassen, um so etwas besser ausschließen zu können.

Interview: Niels Kruse