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"Phantom"-Fiasko und kein Ende: Ein Minister in Erklärungsnot

Das Ermittlungsdebakel um das "Phantom von Heilbronn" bringt Stuttgarts Innenminister Heribert Rech zunehmend in die Bredouille: Nach stern.de-Recherchen gab es schon im Sommer 2008 Hinweise auf verunreinigte Spurentupfer - nur sind diese abgeschmettert worden.

Von Werner Mathes und Rainer Nübel

Jetzt muss die ganze Wahrheit auf den Tisch", forderten Mitte Juli die Grünen im baden-württembergischen Landtag. "Wir wollen in allen Einzelheiten wissen, was der Innenminister wann gewusst hat, um seine Rolle und Verantwortung endlich beurteilen zu können." Sie verwiesen dabei auf den gerade erschienenen stern -Bericht "Die Trickser vom Amt", wonach das Stuttgarter Landeskriminalamt (LKA) schon im Dezember 2008 darüber informiert worden war, dass es die jahrelang gesuchte "Phantom"-Killerin höchstwahrscheinlich gar nicht gibt und die an mindestens 40 Tatorten gefundenen DNA-Spuren auf kontaminierte Wattestäbchen zurückzuführen sein könnten.

Nach der "unbekannten weiblichen Person" war mit Millionen-Aufwand gefahndet worden, weil sie unter anderem im April 2007 in Heilbronn die junge Polizistin Michéle Kiesewetter erschossen und ihren Kollegen lebensgefährlich verletzt haben sollte. Ende März dieses Jahres deckten stern und stern.de die vermutlich größte Ermittlungspanne der deutschen Polizeigeschichte auf.

Auf die Anfrage der Grünen antwortete Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) Anfang August: Erst "am 18. März 2009 ergaben sich erstmals greifbare tatsächliche Anhaltspunkte für eine Verunreinigung von Arbeitsmitteln der DNA-Analytik". Rech stützt sich dabei offenbar auf fragwürdige und sogar falsche Darstellungen seiner LKA-Spitze - und gerät damit nun selbst unter Druck.

Wiederholt hatte die Stuttgarter LKA-Führung zusammen mit dem Leiter ihres Kriminaltechnischen Instituts nach der Enthüllung erklärt, kontaminierte Spurentupfer seien für die Behörde in den vergangenen Jahren "nie ein Thema gewesen". Nur mit Schimmelbildung an Wattestäbchen eines bestimmten Herstellers habe man sich einmal beschäftigt. Dies habe sich erst geändert, als österreichische "Phantom"-Ermittler am 18. März 2009 mitgeteilt hätten, dass verwendete Abstrichbestecke der Firma Greiner Bio-One schon vorher mit DNA-Material verunreinigt gewesen sein könnten.

Ermittler warnten vor Fehlern

Was die LKA-Spitze jedoch verschweigt und Rech bisher mit keinem Wort erwähnt hat: Schon im Juni 2008 gab es in Stuttgart, wie stern.de jetzt von Ermittlern bestätigt wurde, einen LKA-internen Vorgang, in dem die Möglichkeit kontaminierter Wattestäbchen in Zusammenhang mit dem "Phantom" sehr wohl ein Thema war. Und zwar höchst konkret. Von einer Inspektion des LKA war dem Kriminaltechnischen Institut beim LKA die Einschätzung mehrerer erfahrener Ermittler aus Baden-Württemberg schriftlich mitgeteilt worden: Demnach gebe es das "Phantom" nicht, vielmehr liege ein realistischer Grund für die häufig aufgefundene DNA-Spur der "unbekannten weiblichen Person darin, dass die von Kriminaltechnikern an den Tatorten benutzten Spurentupfer bereits mit genetischem Material kontaminiert gewesen seien. Die LKA-Inspektion verwies in ihrem Schreiben auch auf einen Medienbericht in den USA, in dem ähnliche Fehler bei DNA-Untersuchungen thematisiert wurden. Wie stern.de aus Ermittlerkreisen weiter erfuhr, sei dieser Vorstoß aus der LKA-Inspektion von der Führung des Kriminaltechnischen Instituts beim LKA "abgebügelt" worden.

Das Stuttgarter Innenministerium bestätigte stern.de den Sachverhalt: "Er könnte auf ein Gespräch eines Mitarbeiters der Polizeidirektion Heilbronn mit einer stellvertretenden Inspektionsleiterin des LKA im Juli 2008 zurückgehen. Der Polizeibeamte könnte in diesem Gespräch auf einen Medienbericht aus den USA hingewiesen haben, wonach bei einer mutmaßlichen Serienstraftat die DNA-Erhebungsmaterialien kontaminiert waren." Aber: "Aus dieser Information ergaben sich für das Kriminaltechnische Institut keine neuen Ermittlungsansätze." Deshalb sei jetzt vom LKA ein ausführlicher Bericht zu diesem Vorgang angefordert worden.

"Diese Kollegen trafen damals ins Schwarze", ärgern sich heute Fahnder gegenüber stern .de. "Hätte man im LKA ihre Einschätzung ernsthaft aufgegriffen und sie den Ermittlungsbehörden an den anderen Tatorten in Deutschland, Österreich und Frankreich weitergegeben, wäre die Chance groß gewesen, frühzeitig auf des Rätsels Lösung zu kommen - und man hätte eine Menge Geld gespart." Stattdessen verwarf das LKA noch Ende 2008 brüsk auch den Verdacht des Münsteraner Rechtsmediziners Bernd Brinkmann, dass kontaminierte Utensilien bei der Spurensicherung zum Einsatz gekommen sein könnten.

Fragwürdiger Umgang mit Personendaten

Dass sich Innenminister Rech die fragwürdige Informationspolitik des LKA im "Phantom"-Fall zu eigen macht, bringt ihn auch in anderer Sache in die Bredouille. Mehrere Mitarbeiterinnen eines bayerischen Zulieferers der Firma Greiner Bio-One hatten Ende März freiwillig Speichelproben abgegeben, die das Landeskriminalamt Stuttgart in einem privaten Labor analysieren und abgleichen ließ. Dabei wurde laut LKA festgestellt, dass das DNA-Profil des "Phantoms" von einer Mitarbeiterin dieses Betriebs stamme. In seiner Antwort auf die Anfrage der Grünen gab Rech jetzt die Darstellung der LKA-Spitze wieder: "Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes" seien die Speichelproben damals völlig anonymisiert worden, so dass "eine nachträgliche Zuordnung ausgeschlossen ist".

Eine glatte Falschdarstellung. Denn nach stern .de-Informationen hat die Stuttgarter LKA-Spitze selbst Ende März - als die öffentliche Kritik an der Behördenleitung wegen der Ermittlungspanne immer stärker geworden war - einen baden-württembergischen Journalisten nach dessen eigener Aussage darüber informiert, dass eine 71-jährige Frau die Wattestäbchen verunreinigt habe. Darüber hinaus gab sie Details zu deren Arbeitsverhältnis in dem bayerischen Betrieb weiter. Zudem bekamen österreichische Ermittler, wie stern.de bestätigt wurde, telefonisch vom Stuttgarter LKA mitgeteilt, dass das DNA-Profils des "Phantoms" mit dem einer 71-jährigen Mitarbeiterin des bayerischen Betriebs übereinstimme. Ein Boulevardblatt hatte dann Mitte April diese Frau ausfindig gemacht und berichtete über sie. Inzwischen ist sie schwer erkrankt und musste vorübergehend in eine Klinik eingeliefert werden.

Es könnte sich hierbei also um eine grobe Verletzung der Persönlichkeitsrechte handeln, begangen von der Führung einer deutschen Ermittlungsbehörde. Das ist besonders schwerwiegend, da die Frau weder verdächtig ist noch sich irgendetwas zu schulden kommen ließ. Die Frage ist: Wusste Rech von dieser Durchstecherei "seiner" LKA-Spitze, als er deren Falschdarstellung übernahm? Die Grünen fordern jetzt Aufklärung, wer für die Preisgabe der Identität dieser Frau verantwortlich ist.

Von:

Rainer Nübel und