HOME

"Phantom"-Wattestäbchen: Billig, unsicher und viel zu alt

Sie sind nur teilweise steril und gehen durch viele Hände: Die Wattestäbchen, die deutsche Polizisten zur DNA-Spurensicherung verwenden, sind Produkte von zweifelhaftem Wert. Und wenn die Polizei das Haltbarkeitsdatum ihrer Spuren-Tupfer beachtet hätte, wäre der Spuk um das "Phantom" womöglich schon Ende 2006 beendet gewesen.

Sie haben ihnen blind vertraut. Kriminalbeamte in ganz Deutschland setzten seit Jahren darauf, dass die Wattestäbchen, mit denen sie Spuren an Tatorten sicherten oder Speichelproben entnahmen, sauber, steril und vor allem frei von DNA-Verunreinigungen waren. Schließlich sollten mit aufgenommen DNA-Spuren Mörder, Vergewaltiger und andere Verbrecher dingfest gemacht werden. Doch jetzt werden die Ermittler umdenken müssen.

"Streng genommen sind sterile Abstrichbestecke oder sterile Wattestäbchen für kriminaltechnische Untersuchungen keine Medizinprodukte, da sie nicht zu diagnostischen Zwecken - zum Beispiel Krankheiten, Behinderungen oder deren Erkennung, Verhütung, Behandlung oder Linderung eingesetzt werden", sagt Diplom-Ingenieur Klaus Ziel, Geschäftsführer der Hamburger Firma Medcert, die sich auf die Prüfung und Zertifizierung von Qualitätsmanagement-Systemen und Medizinprodukten spezialisiert hat. Mit anderen Worten: Wattestäbchen und Abstrichbestecke, die für kriminaltechnische Untersuchungen verwandt werden, müssen offenbar nicht so streng kontrolliert werden wie jene Produkte, die am Patienten zum Einsatz kommen.

Doch selbst wenn die Wattestäbchen und Abstrichbestecke, die für kriminaltechnische Untersuchungen verwandt werden, so sterilisiert werden, wie es für Medizinprodukte vorgeschrieben ist, birgt dieses Verfahren offenbar immer noch Sicherheitslücken. Denn selbst "sterile Wattestäbchen oder Abstrichbestecke, die für die Entnahme von Proben von Patienten für diagnostische Zwecke eingesetzt werden", werden lediglich "der Klasse I steril' zugeordnet", weiß Ziel. "Das bedeutet, dass diese Medizinprodukte in eine niedrige Risikoklasse einklassifiziert werden und deshalb im Rahmen der Konformitätsbewertung, also der Zertifizierung, wesentliche Verantwortlichkeiten beim Hersteller verbleiben", sagt der Experte weiter. Das bedeutet, dass die Zertifizierungsgesellschaft, also die Überwachungsinstanz, nur die Herstellungsschritte im Zusammenhang mit der Sterilisation und deren Aufrechterhaltung prüft, nicht aber das Produkt selbst.

Ohne Vorgabe keine Sterilisation

Auch die Produktionskette ist beileibe nicht sicher. Denn bis die Wattestäbchen und Abstrichbestecke bei den Polizeidienststellen landen, um bei der Spurensicherung Tatverdächtige zu be- oder auch entlasten, haben sie eine weite Reise hinter sich und sind durch viele Hände gegangen.

Produktionsfirma D. beispielsweise, deren Wattestäbchen am Ende auch bei der Polizei in Baden-Württemberg zur Spurensicherung verwandt werden, lässt ihre Wattestäbchen in Asien herstellen, wie ein Sprecher der Firma stern.de gegenüber einräumte. Unsterilisiert würden die Stäbchen dann nach Deutschland geliefert und von dort gleich weiter an Zwischenhändler B. verkauft. Auch Zwischenhändler B. sterilisiert die Ware nicht. Die Mitarbeiterinnen dieser Firma mussten gestern zum Speicheltest antreten, da hier die Verunreinigung im "Phantom-Fall" vermutet wird. Gegen diesen Verdacht wehrt sich das Unternehmen vehement. Denn: "Wir haben keinerlei Vorgabe von unserem Auftraggeber - der Firma Greiner Bio One - gehabt, DNA-freie Stäbchen zu produzieren. Außerdem sind wir sind nicht verpflichtet, die Ware zu sterilisieren", sagte ein Mitglied der Geschäftsführung zu stern.de. "Es wird von uns nur eine hygienische Fertigung verlangt." Firma B. stellt die Kunststoffbehälter für die Wattestäbchen her. Die Wattestäbchen werden von den Mitarbeiterinnen der Firma B. einzeln in die Kunststoffröhren geschoben. Diese fertigen Bestecke aus Stäbchen und Röhrchen werden dann in Kartons verpackt und - ohne Etikett - an Firma Greiner geliefert. Hier werden die Wattestäbchen sterilisiert, und zwar mit "ionisierenden Strahlen". Doch das reicht offenbar nicht. Die Produkte seien zwar steril, sagt ein Mitglied der Geschäftsführung, aber nicht steril genug für die DNA-Analyse. Die Baumwolle für die Wattestäbchen gehe im Lauf des Produktionsprozesses durch viele Hände. Ein steriles, also keimfreies Produkt sei nicht unbedingt frei von DNA, betonte das Unternehmen.

"Billig-Varianten" und ignorierte Haltbarkeit

Bei der Tatortarbeit verwenden Ermittler in Baden-Württemberg zudem nicht nur Stäbchen, die in den Kunststoffröhrchen stecken. Aus Ermittlerkreisen erfuhr stern.de, dass auch eine "Billig-Variante" von Wattestäbchen verwendet wird. Diese Wattestäbchen sind lediglich in eine Zellophan-Verpackung eingeschweißt. Wo diese Wattestäbchen eingeschweißt werden, ist unklar. Die Firma B. zumindest verneint den Einsatz von Zellophan-Verpackungen für die Wattestäbchen. Vieles weist daraufhin, dass eine norddeutsche Firma dafür verantwortlich ist, die ebenfalls schon auf den Schirm der Ermittler geraten ist. Auf dem Etikett der zellophan-verpackten Wattestäbchen, von denen stern.de ein Exemplar vorliegt, wird diese Firma zumindest als Hersteller erwähnt. Könnte also sein, dass die "Phantom"-Stäbchen bei der Fertigung dieser "Billig-Variante" verunreinigt wurden.

Die Panne im "Phantom"-Fall hätte möglicherweise verhindert werden können, wie stern.de aus Polizeikreisen erfuhr: Offenbar haben die Ermittler jahrelang Wattestäbchen einer Charge benutzt, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen war. Den ersten DNA-Treffer im "Phantom"-Fall landeten die Ermittler im Jahr 2001. Die Haltbarkeit der Wattestäbchen beträgt allerdings nur fünf Jahre. Hätte die Polizei die Haltbarkeitsfrist beachtet, wäre die "Phantom"-Serie theoretisch spätestens 2006 beendet gewesen.

Malte Arnsperger, Werner Mathes, Rainer Nübel, Kerstin Schneider