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"Sauerland-Gruppe" vor Gericht: So lernten sie das Terror-ABC

Adem Yilmaz, einer der vier Angeklagten im Prozess gegen die "Sauerland-Gruppe", hat vor Gericht einen detaillierten Einblick in die Ausbildung in den islamischen Terrorcamps gegeben. Die Novizen aus Deutschland bekamen demnach eine Exklusiv-Behandlung, um in der Heimat Terror wie am 11. September zu säen.

Vier junge Männer aus Deutschland wollen in den "Heiligen Krieg" ziehen. Doch der Dschihad will sie gar nicht haben. Weder in Tschetschenien noch im Irak würden untrainierte Kämpfer aus dem Ausland benötigt, sagen ihnen Bekannte. Also lernen die mutmaßlichen Terroristen der "Sauerland-Gruppe" zunächst einmal Arabisch in Syrien. Dann schaffen sie es im Jahr 2006, mithilfe von Schleusern vom Iran aus in die Stammesgebiete Pakistans an der Grenze zu Afghanistan zu kommen. In Waziristan lernen sie das "Terror-ABC". Einen detaillierten Einblick in die Ausbildung des islamistischen Terrorcamps bot der geständige Angeklagte Adem Yilmaz am Mittwoch vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf.

Wie ein Grundkurs im Terrorismus erscheint die zweimonatige Ausbildung - Strafarbeiten und Nachsitzen inbegriffen. Wer die Hausaufgaben nicht macht, muss 50 Liegestützen oder den Abwasch machen. Zum Krafttraining gehört auch der "Entenlauf" - Gehen in der Hocke. Das hört sich teilweise naiv oder wildromantisch an - dem Angeklagten Yilmaz etwa gefiel besonders die wilde Gegend.

Beten im Morgengrauen

Die Lehrer sind Usbeken und gehören der Terrorgruppe Islamische Dschihad-Union (IJU) an. Dass der Terrorkurs nicht ohne Gegenleistung angeboten wird, lernen die Zöglinge der IJU erst später. Bei ihrer Ankunft in Waziristan steht ein Anschlag in Deutschland nach Aussagen der Angeklagten zunächst nicht im Raum.

Aufstehen um 5 Uhr, beten, Unterricht in Theorie oder Praxis je zwei Stunden morgens und nachmittags, Mittagessen, Nickerchen, Sport, Koran lesen - das ist der Tagesablauf der Terrorschule. Während vor allem Yilmaz die Theorie langweilt (Verschleierungstaktik, Ausspähung von Anschlagzielen, Verhalten bei Folter), stößt der Waffen- und Sprengstoffkurs (TNT, C4 und Dynamit) bei ihm auf große Begeisterung. Vom Gebrauch von Handgranaten, Kalaschnikow und Panzerfaust bis zu Raketenwerfern lernen Yilmaz und sein Mitstreiter Fritz Gelowicz die Grundfähigkeiten der Mudschaheddin.

Sonderunterweisung in Sprengstoffherstellung

Zünder und Schaltkreise - Yilmaz gefallen nach eigenen Aussagen Fernzündungen per Handy oder Uhr am besten - gehören ebenso zum Unterrichtsstoff wie ein Exkurs in die Giftmischerei. Aufschreiben sollen die Schüler nichts, aber sie speichern die Unterrichtsinhalte später doch auf einem Laptop, der im Camp bleibt und möglichen Nachfolgern aus Deutschland die Grundausbildung erleichtern soll.

Der Unterricht für die Terrornovizen aus Deutschland ist exklusiv. Während paschtunische Kämpfer in einem Camp in den Bergen von der IJU für den Fronteinsatz trainiert werden, erhalten Yilmaz und Gelowicz eine Sonderunterweisung in Sprengstoffherstellung. In dem Moment wird ihnen klar, dass die IJU etwas Anderes als den Kampfeinsatz mit ihnen vor hat. Yilmaz ist darüber sauer. Denn sein Ziel sei immer die Front gewesen, sagt er. Dann habe aber die IJU sogar einen Waffenstillstand mit den Pakistanern geschlossen. "Man fährt 3000 Kilometer, um zu kämpfen, und dann das", klagt Yilmaz.

Anschläge nach Vorbild des 11. September

War die Gruppe am Anfang ihrer Terrorkarriere noch "planlos" und "orientierungslos", wie es der Angeklagte Atilla Selek im Prozess beschrieb, so pflanzt die IJU-Führung ihnen während des Kurses mit Nachdruck ein Ziel in die Köpfe: Anschläge nach dem Vorbild der Terroranschläge gegen die USA vom 11. September 2001 sollen die Deutschen in Europa begehen. Sich der Forderung "Achmeds" zu widersetzen, trauen sich die Männer nicht. Sie plagt das schlechte Gewissen. "Wir wollten nicht undankbar sein", sagt Yilmaz. Es sei außerdem ihre Pflicht gewesen. Aber heute meine er, sie hätten besser einen islamischen Gelehrten gefragt. "Wenn es passiert wäre, wäre es nicht so gut für den Islam gewesen."

Dorothea Hülsmeier, DPA / DPA