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"Schlächter von Montréal" Der Mann, der Magnotta erkannte


Ganz Nordamerika suchte den sogenannten Video-Mörder aus Kanada, gefunden hat ihn ein aufmerksamer Berliner in Neukölln. Und dem hat die Polizei offenbar erst gar nicht geglaubt.

Dem Berliner, der den entscheidenden Hinweis zur Ergreifung des mutmaßlichen Video-Mörders aus Kanada gegeben hat, hat die Polizei nach Zeugenaussagen zunächst nicht geglaubt. "Ich lese viel, deshalb habe ich ihn erkannt", berichtete Kadir Anlayisli über die Nacht, die er wohl nie mehr vergessen wird. Anlayisli betreibt im Berliner Bezirk Neukölln ein Internetcafé. Dort wurde der 29 Jahre alte Luka Rocco Magnotta aus Montreal festgenommen, der seinen Freund erstochen, enthauptet und zerstückelt haben sowie Leichenteile an politische Parteien in Kanada verschickt haben soll.

Anlayisli erzählte der Nachrichtenagentur DPA, der Fremde habe auf Französisch nach einem Internetzugang gefragt. Augenzeugen ergänzten, Anlayisli habe auf der Straße einen Polizeiwagen angehalten - angeblich sei er erst beim zweiten Wagen erfolgreich gewesen, weil man ihm zunächst nicht geglaubt habe.

"You got me!"

Die Polizei erklärte, einer von drei Mannschaftswagen, die zufällig vorbeifuhren, habe angehalten. Sieben Polizisten seien schließlich in den Laden gegangen. Der Kanadier habe erst einen falschen Namen gesagt, dann aber resigniert mit den Worten: "You got me!" ("Ihr habt mich!"). Er wurde in Handschellen abgeführt.

Die Polizei erklärte auf Anfrage, sie könne die Augenzeugenberichte bislang nicht bestätigen. Das sei noch nicht untersucht worden. Es könne durchaus so gewesen sein. Unmittelbar vor der Festnahme seien drei Polizeistreifen in der Nähe des Cafés unterwegs gewesen. Möglicherweise sei die erste an dem Laden vorbeigefahren, ohne zu halten. Das werde geprüft.

"Ich habe nur meine Pflicht getan", gab sich Anlayisli bescheiden. Weiter wollte er sich wegen der laufenden Ermittlungen nicht äußern. Im Laden gibt es eine Überwachungskamera, die alles aufzeichnete. Der Ladenbesitzer wollte erst einmal in Ruhe mit seinen Mitarbeitern reden. Ob er erschrocken sei? "Eigentlich schon, ja." Er habe erst mal Angst bekommen. "Aber jetzt geht es mir gut."

Glückwünsche für die Polizei

Magnotta war am 26. Mai mit der Fluglinie Air Transat vom kanadischen Montréal nach Paris geflogen. Von dort aus reiste er mit dem Bus nach Berlin. In Neukölln hatte sich der Mann in dem Internetcafé Pornos und Zeitungsartikel angeschaut - über sich selbst. Der Mann, den kanadische Zeitungen den "Schlächter von Montréal" nennen, war von Interpol gejagt worden.

Der Fahndungserfolg beweist laut Interpol die Bedeutung der internationalen Polizeikooperation. "Magnottas Verhaftung zeigt die Vorteile von Interpols weltweitem Netzwerk, über das Informationen über gefährliche Flüchtlinge ausgetauscht werden, die im Ausland vermutet werden", sagte Stefano Carvelli von dem Polizeiverbund. Das Netzwerk hatte in der vergangenen Woche unter anderem eine sogenannte "Red Notice" zu Magnotta an alle 190 Mitgliedsländer geschickt und sie zur Mithilfe bei der Fahndung aufgerufen.

Die Abendnachrichten zwischen Prince Edward Island und Vancouver kannten am Montag kaum ein anderes Thema als die Festnahme in Berlin. Glückwünsche für die Polizei kamen von Premierminister Stephen Harper persönlich. Kanada will nach Medienberichten sofort die Auslieferung Magnottas, der eigentlich Eric Newman heißt, beantragen. Das könne allerdings Jahre dauern, sagte Rechtsexperte Gary Botting dem "Toronto Star": "Das ist das Gegenstück zum Fall Karlheinz Schreiber." Der Auslieferung des Waffenhändlers 2009 nach Deutschland war ein fünfjähriges juristisches Tauziehen vorausgegangen.

tso/DPA DPA

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