HOME

"Wirtschaftlichkeit vor Menschlichkeit": Nachtflüge in Berlin-Schönefeld erlaubt

In knapp neun Monaten soll in Berlin der neue Hauptstadtflughafen öffnen, nun haben Bundesrichter die größten Hürden ausgeräumt - zumindest juristisch. Politisch bleibt der Airport an der Stadtgrenze umstritten.

Diese Zwei werden keine Freunde mehr. Vor dem Großen Saal des Bundesverwaltungsgerichts steht Gisela Willuhn aus dem kleinen Ort Blankenfelde südlich von Berlin und schimpft: "Wirtschaftlichkeit geht hier vor Menschlichkeit." Einige Meter weiter drückt Brandenburgs Verkehrsstaatssekretär Rainer Bretschneider den Rücken durch und sagt: "Es tut gut, dass der jahrelange Vorwurf nicht mehr gilt, das Recht werde mit Füßen getreten."

Gerade haben die Bundesrichter Bretschneiders Nachtflugregelung für den neuen Berliner Großflughafen bestätigt - und damit den Regierungen in Berlin und Potsdam, ja der ganzen Luftverkehrsbranche zu einem erleichterten Stoßseufzer verholfen: Der neue Großflughafen - der künftig drittgrößte in Deutschland mit einer anfänglichen Passagierkapazität von 27 Millionen - kann kommen, ohne weitere Einschränkungen.

Den Anwohnern bleibt Verbitterung. "Wenn ich das Fenster offen habe, ist es unerträglich", sagt Willuhn, deren Gemeinde in der Einflugschneise des heutigen Flughafens Schönefeld liegt. Landende Maschinen donnern dort in 200 Metern Höhe über die Dächer. Wenn im Juni 2012 in der Nähe der neue Hauptstadtflughafen Willy Brandt (BER) öffnet, dürfen zwischen 22.00 Uhr und Mitternacht sowie von 5.00 bis 6.00 Uhr bis zu 103 Maschinen starten und landen. Dazwischen ist "Lärmpause", wie es der Vorsitzende Richter Rüdiger Rubel bei der Urteilsverkündung am Donnerstag formulierte.

40.000 Arbeitsplätze und verbitterte Anwohner

Der neue Großflughafen soll die bestehenden Berliner Airports Tegel und Schönefeld sowie den geschlossenen Flughafen Tempelhof ersetzen. Ursprünglich war ein 24-Stunden-Betrieb geplant. Das hatte das Bundesverwaltungsgericht vor fünf Jahren aber untersagt. Mit der jetzigen Regelung sind die Lärmschutzbelange der Anwohner nach Auffassung der Richter ausreichend berücksichtigt.

Für die Fluggesellschaften sind der späte Abend und der frühe Morgen unverzichtbar für Zubringerflüge zu Drehkreuzen wie Frankfurt und München, das hat das Gericht anerkannt. Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft Air Berlin kann damit auch ihre Heimatbasis weiter zum Drehkreuz für Umsteige-Verbindungen ausbauen. Auch die Wirtschaft in der Region freut es: Die Jobmaschine Flughafen könne nun starten und die erhofften 40.000 Arbeitsplätze bringen, heißt es bei Berlins IHK.

Rechtlich ist das 2,5-Milliarden-Euro-Projekt kaum mehr zu stoppen. Die Planung ist nun letztinstanzlich genehmigt und der von einigen Gegnern angekündigte Gang zum Europäischen Gerichtshof dürfte Jahre dauern.

Burkhard Fraune, DPA / DPA