HOME

30 Jahre Hitler-Tagebücher: Henri Nannen und der GAU

Vor 30 Jahren veröffentlichte der stern die gefälschten Hitler-Tagebücher und bescherte sich damit seine größte Blamage. stern-Gründer Henri Nannen nahm anschließend endgültig Abschied.

Von Michael Seufert

Knapp zwei Jahre vor der Veröffentlichung der vermeintlichen Weltsensation, im Mai 1981, machte #link;http://www.stern.de/service/henri-nannen-90386342t.html;Henri Nannen# mit seinem Freund und langjährigen Stellvertreter Victor Schuller Ferien in Südfrankreich. Da kam ein Anruf aus Hamburg: Gruner+Jahr-Zeitschriftenvorstand Jan Hensmann informierte im Auftrag von Verlagschef Manfred Fischer seinen Vorstandskollegen Henri Nannen, dass der Verlag hinter dessen Rücken die Tagebücher Adolf Hitlers aufkaufe, auch die Chefredakteure des stern seien noch nicht informiert. Eine Million Mark seien schon ausgegeben. "Höchste Geheimhaltungsstufe", sagte Hensmann, angeblich waren Menschenleben in Gefahr.

Nannen hatte ein feines Gespür dafür, wenn jemand Kompetenzen überschritt. Und Fischer hatte gegen die Geschäftsordnung des G+J-Vorstands verstoßen und massiv in die Rechte der gerade neu berufenen Chefredaktion eingegriffen. Seit Anfang des Jahres waren Felix Schmidt und Peter Koch die Nachfolger des Chefredakteurs Henri Nannen. Verlagschef Fischer befürchtete nun, dass Nannen ihm nach seiner Rückkehr "den Kopf abreißen" würde. Doch nichts dergleichen passierte. Bei einem Treffen im Verlagshaus hörte der sich die abenteuerliche Fundgeschichte von stern-Reporter Gerd Heidemann an: Im sächsischen Börnersdorf, damals tiefste DDR, sei am Ende des Krieges Hitlers Kurierflugzeug abgestürzt, an Bord dessen Tagebücher, die nun ein General der NVA nach Stuttgart zu seinem Bruder schmuggeln lasse.

Als der Skandal 1981 begann, war Henri Nannen 67 Jahre alt. Er war Herausgeber des stern und Vorstand, doch er befasste sich inzwischen mehr mit Kunst. Peter Koch und Felix Schmidt galten Verlagschef Manfred Fischer als journalistische Leichtgewichte, die man ruhig umgehen konnte. Auch Nannen glaubte er nicht informieren zu müssen. Seine Unterstellung war, "Nannens Geschwätzigkeit" könne den Erfolg des Geheimprojekts gefährden. Nur durch einen dummen Zufall war die Verlagsspitze nun gezwungen, Nannen und die Chefredakteure in das Geheimprojekt einzuweihen.

"Platt", banal und langweilig

Erst ein Jahr später, Nannen hatte inzwischen in einigen Tagebuchbänden gelesen, war er voller - inhaltlicher - Skepsis. Bei einer Besprechung am 22. Mai 1982 ging es um die Frage, wie die Tagebücher denn im stern präsentiert werden sollten. Nannen wurde grundsätzlich. Er fand die Aufzeichnungen "platt", banal und langweilig, nichts Neues. Wenn überhaupt, müssten ausgewiesene Kenner wie die Hitler-Experten Joachim Fest oder Sebastian Haffner den Stoff bearbeiten. Hitlers Verbrechen stünden ja fest. Es sei doch klar, dass es dem Diktator in seinen Tagebüchern nur darum gehe, seine Handlungen im günstigsten Licht darzustellen. Deshalb müssten die Texte in den historischen Zusammenhang gestellt werden. Zu seiner Überraschung erfuhr Nannen, dass die Verlagsspitze Heidemann und dessen Ressortleiter Thomas Walde per Vertrag garantiert hatte, sie allein dürften die Tagebücher auswerten. An diesem Exklusivrecht sei nicht zu rütteln.

Unbegreiflicherweise schluckte Nannen das. Später hat er sich immer wieder vorgeworfen, dass er als Vorstand nicht genügend Front gegen diese Verträge gemacht habe. Zudem schreibt sein Biograf Hermann Schreiber: "Wäre Nannen noch der Alte gewesen, hätte er auch gegen den Widerstand des Verlags und der Chefredakteure durchgesetzt, dass die Tagebücher (Sonderverträge hin oder her) von ausgewiesenen Zeitgeschichtlern interpretiert worden wären – und dann wären sie nie im stern erschienen." Doch Nannen war inzwischen mehr mit seiner Kunsthalle beschäftigt.

Heidemann zweigte "mindestens 4,39 Mio DM" ab

Schon im Frühjahr 1982 hatte er den langjährigen stern-Journalisten Gerd Heidemann in dessen nobel eingerichteter Wohnung an der Elbchaussee 348 besucht. Voller Stolz führte der Reporter seinem Chef seine zahlreichen Nazi- Devotionalien vor: NS-Urkunden, eine Mappe mit Hitler-Zeichnungen - alles, wie sich später zeigte, Werke des Tagebuchfälschers Konrad Kujau. Nannen blätterte im "Sonderband" der Tagebücher zum Röhm-Putsch und fand die Lektüre "stinklangweilig". Er stellte Fragen zu dem ominösen Lieferanten in Stuttgart. Heidemann wiegelte ab, das müsse geheim bleiben. Wenn der stern die Tagebücher nicht wolle, könne er sie mühelos in den USA verkaufen.

Nannen fand das alles höchst merkwürdig und hatte den Verdacht, dass Heidemann von den Tagebuch-Millionen, die er vom Verlag bar in die Hand gedrückt bekam, für sich selbst etwas abzweigte. Er berichtete dem neuen Verlagschef Gerd Schulte-Hillen, der die Millionen freizeichnete, von seinem Argwohn: "Heidemann betrügt Sie offenbar mit dem Geld." Antwort Schulte- Hillen: "Wer so etwas einem anderen zutraut, ist selbst dazu imstande." Schulte- Hillen erinnert sich anders, er habe Nannen im Scherz gefragt: "Wissen Sie übrigens, dass man anderen nur das zutraut, wozu man selbst fähig ist?" Beweise hatte Nannen keine, nur sein berühmtes Bauchgefühl. Dass er schließlich recht behalten sollte, stellte sich erst im Prozess gegen Heidemann und Kujau heraus. "Mindestens 4,39 Mio DM" habe Heidemann von den Verlagsgeldern zur Seite geschafft, ist im Urteil des Hamburger Landgerichts zu lesen.

Erste massive Zweifel an der Echtheit

Für den 8. März 1983 war wieder eine große Runde der Eingeweihten angesetzt, es ging ein weiteres Mal um die Veröffentlichungsstrategie. Heidemann und Walde wollten die Serie mit dem sagenumwobenen Flug des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß nach England beginnen, die Existenz der Tagebücher dabei aber nicht erwähnen. Diesmal setzte sich Nannen gemeinsam mit den Chefredakteuren durch, natürlich müsste die Serie mit der Fundgeschichte der Tagebücher anfangen, sonst frage sich jeder Leser doch, woher der stern seine Weisheiten nehme! Sie ahnten nichts von den zahlreichen Hinweisen, die inzwischen gegen die Echtheit der Aufzeichnungen sprachen. Walde und Heidemann verschwiegen das. Wie auch, drei Wochen später, die Brisanz der Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchungen des Bundeskriminalamts. Dessen Experten äußerten am 28. März 1983 Heidemann und Walde gegenüber massive Zweifel an der Echtheit der angeblichen Dokumente, die Walde zur Prüfung eingereicht hatte. Mehrere Schriftstücke enthielten optische Aufheller, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg in der Papierproduktion eingesetzt worden waren - es handelte sich genau um jene Dokumente, bei denen Schriftgutachter zuvor festgestellt hatten, die Schrift stamme eindeutig von Hitler. Ein Alarmsignal, denn dass der "Führer" auf Nachkriegspapier geschrieben hatte, das war auszuschließen.

Henri Nannen war in den hektischen Tagen vor der Veröffentlichung der Sensationsgeschichte im stern in Emden. Er zeigte im Rathaus seine Bilder moderner russischer Maler. Sein früherer Stellvertreter Manfred Bissinger zitierte ihn 1984 in einem Buch über den Tagebuchskandal so: "Können Sie sich vorstellen, was das für ein Gefühl ist für jemanden, der dort 33 Jahre Chefredakteur war und der nun als Grüß-August oder als Herausgeber fungiert, der sozusagen nur beiläufig überhaupt eingeweiht wird? Das hatte mich natürlich getroffen, dass ich selbst schon erheblichen Abstand entwickelt hatte."

Das amtliche Prüfergebnis des Bundesarchivs in Koblenz

Bei der Präsentation der Tagebücher vor der internationalen Presse am 25. April 1983 saß Henri Nannen nicht mit auf dem Podium. Aber als die Zweifel an der Echtheit immer lauter wurden, war er wieder in der Redaktion. Einen Tag bevor in Bonn die Fälschung offiziell verkündet wurde, schrieb er einen Kommentar mit dem Titel "Echt oder unecht, das ist hier die Frage" und verteidigte darin "sein" Blatt: "Ich meine, es ist an der Zeit, aufzuräumen mit der moralischen Verlogenheit, die da aus allen Ecken kriecht." Der stern mit diesem Kommentar erreichte nie den Kiosk, er wurde eingestampft, als die Pleite mit den angeblichen Tagebüchern feststand.

Wie sehr ihm der Skandal dann naheging und wie sehr Nannen alles gab, "sein" Blatt zu retten und den Schaden zu begrenzen, habe ich am 6. Mai 1983 erlebt. Am Morgen dieses Tages erfuhren die Justiziare von Gruner+Jahr beim Bundesarchiv in Koblenz das amtliche Prüfergebnis: Die "Tagebücher" waren gefälscht. Nannen war auf dem Weg zum Flughafen, um in Rom das neue stern- Büro einzuweihen. Am Flugsteig erreichte ihn der Alarm-Anruf des Verlags. Er kehrte in die Redaktion zurück und wollte wenigstens als Erster das Debakel bekannt geben. Doch Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann kam ihm zuvor und verkündete genüsslich in Bonn den Skandal.

"Wir haben Grund, uns vor unseren Lesern zu schämen."

Henri Nannen rief mich gegen 16 Uhr in das Büro von Verlagschef Schulte-Hillen, wo der Vorstand zur Krisensitzung zusammengekommen war. Die Runde wirkte versteinert. Nannen sagte, der Verlag und der stern seien Opfer von Betrügern geworden. "Klären Sie die Sache auf, ohne Ansehen der Person. Sie haben freie Hand!" Schon am nächsten Tag stand nach Recherchen in Stuttgart und Sachsen fest, dass der große Scoop mit den "Hitler-Tagebüchern" - deretwegen angeblich "die Geschichte des Dritten Reiches in großen Teilen neu geschrieben" werden müsse - das Werk eines schlitzohrigen Fälschers war. Und genauso sicher war, dass Heidemann den Verlag belogen und betrogen hatte.

Nun bewies Nannen noch einmal, dass er in schier aussichtsloser Lage ein besonders guter Kämpfer war. "Als Hypochonder bin ich nur krank, wenn's mir gut geht. Wenn's schlecht geht, bin ich ganz da", soll er einmal gesagt haben. Vor der stern-Redaktion rief er aus, man werde den Fall lückenlos aufklären und "keinen schonen". Die Redaktion sollte gemeinsam mit ihm "den Karren wieder aus dem Dreck ziehen". Vor den Kameras der "Tagesschau" erklärte er: "Wir haben Grund, uns vor unseren Lesern zu schämen." Als Heidemanns Verstrickungen zwei Tage später feststanden, erstattete Nannen bei der Staatsanwaltschaft Hamburg Strafanzeige gegen den Reporter wegen Betrugsverdachts.

Eine Woche lang war Nannen noch einmal Chefredakteur, noch einmal weckte er in der Redaktion großes Engagement und pustete die tiefe Depression weg. Doch am Freitagmorgen erschien er in der Konferenz gemeinsam mit Verlagschef Gerd Schulte-Hillen und verkündete, was die Gesellschafter von Gruner+Jahr gegen den ausdrücklichen Rat von Nannen und Schulte-Hillen tags zuvor beschlossen hatten: Johannes Gross, der konservative Herausgeber von "Capital", sollte neuer Chefredakteur werden - und mit ihm der bekannte Fernsehjournalist Peter Scholl-Latour. Da brach die Revolte los. "Das ist ein Putsch von oben!" - "Herr Nannen, jetzt haben Sie das Vertrauen der Redaktion verloren!" - "Schmeißt die beiden raus!" Nannen und Schulte-Hillen wurden des Saales verwiesen. Die Ära Nannen war beendet.

Die Veröffentlichung der gefälschten "Hitler-Tagebücher" hat Nannen sicher als die schwarze Stunde seines Lebens empfunden. Als Zeuge im Prozess gegen Kujau und Heidemann hat er sich zu seiner Mitverantwortung bekannt. Als Herausgeber habe er sich "um gar nichts gekümmert". Seine Forderung, gestandene Historiker hinzuzuziehen, hätte er "durchsetzen müssen und durchsetzen können", da habe er versagt. Doch er habe leider nicht daran gezweifelt, dass die angeblichen Tagebücher echt seien.