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Terroranschlag in Tunesien: 37 Tote nach Angriff auf Touristenhotels - auch deutsche Opfer

Ein Hotel in Tunesien ist Ziel eines Terroranschlags geworden. Die Zahl der Opfer soll mittlerweile auf 37 gestiegen sein. Die Täter hatten am Strand das Feuer auf Gäste eröffnet. Auch Deutsche sind unter den Opfern.

Tunesische Sicherheitskräfte führen einen Verdächtigen ab

Tunesische Sicherheitskräfte führen einen Verdächtigen ab

Bei einem Anschlag auf das Hotel "Riu Imperial Marhaba" im tunesischen Sousse hat sich die Zahl der Todesopfer auf 37 erhöht. Zuvor war von 27 Toten gesprochen worden. Auch deutsche Urlauber kamen bei dem Anschlag ums Leben,  wie das tunesische Gesundheitsministerium mitteilte. Zudem seien 36 Menschen verletzt worden, darunter ebenfalls Deutsche, teilten die Behörden des nordafrikanischen Landes mit.  Briten und Belgier sollen ebenfalls unter den Todesopfern sein.  Wer hinter der Tat steht, ist derzeit noch unklar.

Die Bundesregierung schließt nicht aus, dass Deutsche unter den Opfern des Anschlags sind. "Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass deutsche Staatsangehörige Opfer des Anschlags geworden sind", sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes am Freitagabend in Berlin. "Wir müssen damit rechnen, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis das geklärt ist", fügte sie hinzu. Ein Krisenstab wurde eingerichtet. Nach Angaben des Ministeriums bemüht sich die deutsche Botschaft in Tunis "mit Hochdruck" um Aufklärung. Sie riet allen Staatsbürger in einer per E-Mail versandten Mitteilung, die Umgebung des von tunesischen Sicherheitskräften abgeriegelten Tatorts zu meiden. Das Auswärtige Amt mahnt angesichts der aktuellen Lage zu "besonders umsichtigem Verhalten".

Nahe des Hotels sei es zu einem Schusswechsel mit der Polizei gekommen. Ein Angreifer sei getötet und zahlreiche -Sturmgewehre beschlagnahmt worden. Bei dem getöteten Terroristen handelt es sich demnach um einen Tunesier. Der zweite Angreifer sei festgenommen worden. Sousse ist einer der beliebtesten Badeorte in Tunesien und wird häufig von Urlaubern aus Europa und nordafrikanischen Nachbarländern besucht. Das "Hotel Riu Imperial Marhaba" hat 366 Zimmer und liegt in der kleinen Hafenstadt Port El-Kanmtaoui im Norden von Sousse direkt am Meer.

Zeugen berichten von zwei Angreifern

Ein britischer Tourist, der zum Zeitpunkt des Anschlags am Strand einer benachbarten Anlage war, hat von einer "Panik" unter den Anwesenden berichtet. "Mein 22-jähriger Sohn ging gerade ins Wasser", sagte der aus Bristol stammende Gary Pine am Freitag in einem Telefonat mit dem britischen TV-Sender Sky News. "Plötzlich haben wir hundert Meter weiter links ein Geräusch wie von Böllern gehört", sagte Pine.

Schnell hätten die mehreren hundert Menschen am Strand aber begriffen, dass es sich bei den vermeintlichen Knallfröschen um Schüsse handelte und seien vom Strand geflohen. "Es gab eine Panik", sagte Pine weiter. Er schätzte, "20 oder 30 Schüsse" gehört zu haben, die "aus dem Nichts" gekommen seien. Pines Sohn erzählte seinen Eltern daraufhin, er habe gesehen, wie am Strand jemand niedergeschossen worden sei. "Als wir wieder im Hotel waren, haben wir in der Anlage nebenan eine Explosion gehört", sagte der Brite.

"Rennt, rennt, rennt!"

Die Hotelleitung habe die Gäste zunächst angewiesen, sich in ihren Zimmern einzuschließen. Kurz darauf seien sie jedoch in Lobby gerufen worden. Unter den Anwesenden herrschte demnach große Unsicherheit, was als nächstes geschehen solle. "Gehen wir weg? Bleiben wir hier? Wo sollen wir hin? Was sollen wir tun?", fragte der Augenzeuge am Telefon.

Die Irin Elizabeth O'Brien, die mit ihren beiden Söhnen in Sousse Urlaub machte, teilte dem irischen Radiosender RTE telefonisch ihre Eindrücke mit. Auch sie dachte zunächst, am Strand werde "ein Feuerwerk" gezündet. Dann jedoch habe sie ihre Kinder gepackt und sei in Richtung Hotel gelaufen. Das Hotelpersonal habe dabei "rennt, rennt, rennt" gerufen. Ein Twitter Nutzer setzte während des Angriffs Nachrichten ab:

Sturmgewehr im Sonnenschirm

Lokale Medien meldeten unter Berufung auf Augenzeugen, zwei
Terroristen seien von der Strandseite aus auf das Hotelgelände
vorgedrungen. Einer habe plötzlich aus einem zusammengefalteten
Sonnenschirm ein Sturmgewehr hervorgeholt und auf Menschen
geschossen, die am Strand lagen.

Der hat nach eigenen Angaben 260 Gäste am Ort des Anschlags in Tunesien untergebracht. Die Gäste seien auf vier Hotels verteilt, sagte ein Sprecher des Konzerns. Insgesamt befänden sich rund 3.800 deutsche Tui-Gäste in Tunesien. Der Konzern geht davon aus, dass sich unter den Todesopfern des Terroranschlags in Tunesien eigene Kunden befinden. Zum jetzigen Zeitpunkt lägen jedoch noch keine gesicherten Erkenntnisse vor.

Der größte polnische Reiseveranstalter hat Flüge nach Tunesien ausgesetzt. Alle Reisen in das nordafrikanische Land würden gestoppt, berichtete der Rundfunksender TOK FM am Freitag unter Berufung auf eine Sprecherin von Itaka Polska. Auch die belgische Fluggesellschaft und Tui-Tochter Jetairfly fliegt nach dem Anschlag keine Reisenden mehr nach Tunesien. Das teilte das Unternehmen auf seiner Webseite mit.

3000 Tunesier haben sich dem IS angeschlossen

Im März waren bei einem Anschlag auf das Bardo-Museum in der Hauptstadt Tunis mehr als 20 ausländische Touristen getötet worden. Die (IS) bekannte sich zu der Tat, doch es finden sich auch Hinweise auf einen tunesischen Al-Kaida-Ableger. Es war der schwerste Anschlag in Tunesien seit mehr als einem Jahrzehnt.

Anders als in Ländern wie Libyen, Syrien oder Ägypten blieb es in Tunesien nach den Volksaufständen des "Arabischen Frühlings" lange Zeit ruhig. Allerdings gibt es mehrere islamistische Extremistengruppen in dem Land, etwa die Ansar al-Scharia. Im Nachbarland Libyen versucht zudem die IS-Miliz an Boden zu gewinnen. Nach Schätzungen der Behörden haben sich 3000 Tunesier dem IS in Syrien oder dem Irak angeschlossen. Die tunesische Regierung ist in Sorge, dass Rückkehrer im Land Anschläge verüben könnten.

Bei einer Explosion in der Nähe einer schiitischen Moschee in Kuwait gab es mindestens 13 Tote. In Frankreich wurde nach einem Überfall auf eine Gasfabrik bei Lyon die Leiche eines enthaupteten Mannes entdeckt. Ob es einen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Anschlägen gibt, war zunächst nicht klar. In allen Fällen gab es aber Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund. Am Dienstag nächster Woche wird es ein Jahr her sein, dass die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) das Kalifat ausgerufen hat.

De Maizière warnt vor "Bedrohungslage"

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat die Anschläge in Tunesien und Frankreich als "brutalen und ruchlosen Mord an unschuldigen Menschen" verurteilt. "Wir sind entsetzt und fassungslos und trauern mit den Angehörigen der Opfer, ganz gleich welcher Nation", sagte er am Freitagabend bei der Rückkehr von der Innenministerkonferenz in Dresden.

Auch Deutschland ist nach den Worten von de Maizière einer ernst zu nehmenden Bedrohungsgefahr ausgesetzt. "Wir kennen die Gefahr, wissen um die Gefahr und sind entschlossen, wachsam und wehrhaft", sagte er. "Wir tun alles in unserer Macht stehende, damit es in Deutschland nicht zu einem Terroranschlag kommt", fügte der Minister hinzu. "Garantieren können wir es nicht." 

Spaniens Regierung hat unterdessen ihre Terrorwarnstufe heraufgesetzt. Innenminister Jorge Fernández Díaz sagte, die Maßnahme werde "provisorisch" ergriffen. Díaz sagte, "in Anbetracht der Nähe unseres Landes zu einigen der Schauplätze der Angriffe" gelte nunmehr die vierte von insgesamt fünf Warnstufen.

Mitglieder der Deutsch-Tunesischen Gesellschaft haben "entsetzt" und "fassungslos" auf den Terroranschlag reagiert. "Es ist schrecklich, Tunesien wird Jahre brauchen um sich davon zu erholen", sagte am Freitag Ezzedine Zerria, Verbandssprecher der Region Rhein-Ruhr.

US-Regierung verurteilt Anschläge

Die US-Regierung hat die Islamisten zugeschriebenen Anschläge in Frankreich, Tunesien und Kuwait scharf verurteilt. "Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Opfern dieser abscheulichen Verbrechen, bei ihren Angehörigen und bei den Bevölkerungen dieser drei Länder", erklärte das Weiße Haus am Freitag. Die Vereinigten Staaten würden den Kampf gegen die "Geißel des Terrorismus" fortsetzen.

Großbritanniens hat nach den Terrorattacken in Tunesien und Frankreich noch für Freitag das Sicherheitskabinett einbestellt, um die Situation zu beraten. Die Sitzung soll von einem Minister seines Kabinetts geleitet werden, sagte Cameron in Brüssel. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat für eine gemeinsame Anstrengung gegen Terrorismus geworben. Die Morde zeigten erneut, "dass die aufgeklärte Welt gegen dunkle Mächte kämpft".

Das Auswärtige Amt hat unter der Telefonnummer 030/5000 3000 eine Hotline eingerichtet.

amt / DPA / Reuters / AFP