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Abdel Bassit al-Megrahi: Lockerbie-Attentäter ist tot

Der Attentäter von Lockerbie ist tot. Der Libyer al-Megrahi starb rund zweieinhalb Jahre später, als bei seiner Haftentlassung vorausgesagt. Zum blutigen Anschlag selbst bleiben aber viele Fragen offen.

Das Attentat von Lockerbie bleibt eines der undurchsichtigsten Kapitel in der Geschichte des internationalen Terrors. Abdel Bassit Ali Mohammed al-Megrahi, der für den Anschlag auf das Flugzeug der US-amerikanischen Gesellschaft Pan Am im Jahr 1988 verantwortlich gemacht wird, ist jetzt tot. Er starb am Sonntag in Tripolis nach einer langen Krebserkrankung im Alter von 60 Jahren. Vor zwei Jahren wurde er aus schottischer Haft entlassen. Die Ärzte hatten ihm damals nur noch wenige Wochen zu leben gegeben.

Doch Megrahi starb nicht so schnell. Fast zwei Jahre lebte er noch in Tripolis im Kreise seiner Verwandten - und er überlebte sogar den libyschen Machthaber, Muammar al Gaddafi, in dessen Auftrag er gehandelt haben soll und der ihn an die Justiz ausgeliefert hatte. Nach britischen Zeitungsberichten hatten die ärztlichen Gutachten die Fortschritte bei der Krebstherapie nicht berücksichtigt, als sie Megrahis Todesdatum voraussagten.

Megrahi war im August 2009 in Schottland vorzeitig aus der Haft entlassen worden, weil Ärzte bei ihm Prostatakrebs im Endstadium diagnostiziert hatten. Er hatte damals angeblich nur noch drei Monate zu leben. Seine Freilassung stieß vor allem in den USA auf harsche Kritik. Für besondere Irritationen sorgte, dass Megrahi bei seiner Rückkehr nach Tripolis ein Heldenempfang bereitet wurde. Die Heroisierung Megrahis führte in Libyen schließlich so weit, dass der Todkranke bei einer Pro-Gaddafi-Veranstaltung im Sommer vergangenen Jahres noch im Rollstuhl in ein Stadion in Tripolis gekarrt wurde.

Der verurteilte Attentäter war nach Angaben seiner Familie im April ins Krankenhaus gekommen, weil er eine Bluttransfusion brauchte. Sein Zustand wurde schon damals als "sehr ernst" beschrieben. Bereits im August vergangenen Jahres hatte die Familie zudem erstmals bestätigt, dass Megrahi im Koma lag.

Die Rätsel um den Anschlag von Lockerbie

Was den Anschlag von Lockerbie angeht, so wird wohl niemand jemals verlässlich erfahren, ob Megrahi, ehemals Agent in Gaddafis Geheimdienst, tatsächlich für das Attentat mit 270 Toten verantwortlich war. Gaddafi hatte ihn im Jahr 2001 ans Messer geliefert, weil ihm damals die Verbesserung der Beziehungen zum Westen opportun erschien. Libyen sollte der politischen und wirtschaftlichen Quarantäne entkommen - was auch gelang.

Das damals noch von Muammar al Gaddafi beherrschte Libyen hatte erst 2003 offiziell seine Verantwortung für das Lockerbie-Attentat eingeräumt und 2,7 Milliarden Dollar (2,1 Milliarden Euro) Entschädigung an die Hinterbliebenen gezahlt. Der Gaddafi-Apparat relativierte dieses Schuldeingeständnis später mit der Begründung, man habe dies nur getan, um das Ende der UN-Sanktionen zu erreichen.

Bis noch vor wenigen Wochen hatten Angehörige der Lockerbie-Opfer und britische und amerikanische Politiker gefordert, Megrahi aus Libyen zurückzuholen und wieder einzusperren. Er selbst hatte die Beteiligung an dem Attentat stets verneint. "Ich musste das alles für etwas ertragen, das ich nicht getan habe", sagte er noch am Tag seiner Entlassung aus einem Gefängnis in Glasgow nach acht Jahren Haft. Während der Haft hatte ihn sogar der südafrikanische Ex-Präsident und Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela symbolträchtig besucht.

An der Schuld Megrahis gab es stets Zweifel

2001 war Megrahi als einziger Täter in einem Indizienprozess für den Lockerbie-Anschlag verurteilt worden. Zeugen wollten gesehen haben, wie er einen Bombenkoffer am Flughafen von Malta abgab. Der Sprengstoff soll dann über Umwege in das Flugzeug gelangt sein. Als ehemaliger Sicherheitschef der Libyan Airlines kannte er sich zumindest mit Flugzeugen aus.

Doch an der Schuld Megrahis gab es stets Zweifel. So tauchte die Theorie auf, dass Lockerbie die Vergeltung des Irans für den Abschuss eines iranischen Flugzeugs mit 290 Menschen an Bord durch ein US-Kriegsschiff im Jahr 1988 war. Megrahi selbst hatte zwar unmittelbar vor seiner Freilassung eine erneute Berufung gegen seine Verurteilung zurückgenommen. Das habe er aber nur getan, weil er das Ende des Berufungsverfahrens ohnehin nicht mehr erlebt hätte, sagte er damals. Bei der Explosion der Boeing 747 der US-Fluggesellschaft Pan Am kam ein Großteil der 270 Opfer aus den USA.

Nach jahrelangem diplomatischem Tauziehen wurden Megrahi und sein Mitangeklagter Amin Chalifa Fhimah 1999 von Tripolis ausgeliefert. Der Prozess begann im Jahr 2000 in Den Haag. Hauptbelastungszeuge war damals ein Ladenbesitzer aus Malta, der Megrahi als Käufer von Kleidungsstücken identifizierte, die später in dem Koffer mit der Bombe gewesen sein sollen.

Möglicher Zusammenhang mit BP

Zum Zeitpunkt des Anschlags hatte Megrahi als Sicherheitschef für die Libyan Arab Airlines auf Malta gearbeitet. Laut Anklage sollte dieser Posten jedoch nur seine Tätigkeit für den libyschen Geheimdienst verschleiern. Megrahi, der in den USA studierte und im Prozess fließend Englisch sprach, zeigte sich erstaunt über den Vorwurf der Agententätigkeit und beteuerte stets seine Unschuld. Doch während Fhimah freigesprochen wurde, wurde Megrahi 2001 zu lebenslanger Haft verurteilt. Später wurde die Strafe, die er im Greenock-Gefängnis in der Nähe von Glasgow verbüßte, auf mindestens 27 Jahre herabgesetzt.

Sein erster Versuch, das Urteil anzufechten, wurde 2002 abgelehnt. Im April 2009 legte Megrahi dann erneut Berufung ein, vier Monate später wurde er aus humanitären Gründen begnadigt. Den schottischen Behörden wurde später vorgeworfen, dass Megrahi freigelassen wurde, um einen lukrativen Auftrag der libyschen Regierung an den britischen Ölkonzern BP nicht zu gefährden.

"Die Wahrheit stirbt nie"

Die Fragezeichen sind nach dem Tod Megrahis nicht weniger geworden. Hatte der Vater von fünf Kindern, der in Tripolis geboren wurde und in den USA studiert hatte, die Bombe in die Maschine geschmuggelt? Waren die Gutachten der Ärzte, die einen schnellen Tod vorausgesagt hatten, falsch? Ging es nur um wirtschaftliche Interessen, weil die britische BP in Libyen ihre Ölinteressen durchsetzen wollte, wie aus den USA gemutmaßt wurde?

Die Wahrheit hat Megrahi nun vielleicht mit ins Grab genommen. Selbst ob es die Biografie, an der er geschrieben haben soll, tatsächlich gibt, ist unklar. In Tripolis durchforsten Journalisten die nach dem Fall des Gaddafi-Regimes offenen Archive - fündig wurden sie bisher nicht. Bei einem Interview hatte der bereits schwer vom Krebs gezeichnete Megrahi einst gesagt: "Wir alle wollen die Wahrheit wissen. Die Wahrheit stirbt nie."

Britta Gürke und Michael Donhauser, DPA/AFP / DPA