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Brüder hinter Gittern: Nach Arafat auch Yasser Abou-Chaker in Haft – welche kriminellen Pläne hatten die Clanbrüder?

Plante der berüchtigte Abou-Chaker-Clan die Entführung der Familie von Bushido? Die Polizei nahm jetzt nach Arafat Abou-Chaker auch dessen Bruder fest. Das Bundeskriminalamt will den Kampf gegen die Clankriminalität verstärken.

Bushido (r.) 2010 mit seinem damaligen Geschäftspartner Arafat Abou-Chaker 

Zeiten ändern sich: Bushido (r.) 2010 mit seinem damaligen Geschäftspartner Arafat Abou-Chaker, dessen Bruder Yasser nun in Dänemark festgenommen wurde

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Gemeinsam schmiedeten sie nach Überzeugung der Berliner Staatsanwaltschaft einen kriminellen Plan, jetzt sitzen sie beide in Haft: Nach dem berüchtigten Berliner Clanmitglied Arafat Abou-Chaker wurde jetzt auch dessen Bruder Yasser festgenommen. Die Fahnder schlugen am Montag in Dänemark zu. 

Dem 37-Jährigen wird vorgeworfen, gemeinsam mit seinem 42-jährigen Bruder geplant zu haben, die Familie von Rapper Bushido zu entführen. Laut "Spiegel Online" ging es auch um einen möglichen Säureanschlag auf die Partnerin des Musikers. Bushido und seine Familie sollen unter Polizeischutz stehen.

Nach Informationen der "Bild"-Zeitung half die Frau von Yasser Abou-Chaker den Ermittlern. Sie soll vor der Gewalt ihres Mannes in ihre dänische Heimat geflüchtet sein und habe mitbekommen, wie Komplizen für die geplante Entführung angeworben worden seien, berichtet das Blatt. Auch sie und ihre Kinder sollten möglicherweise entführt werden. Die Familie steht in Dänemark ebenfalls unter Polizeischutz. Ob sich Yasser Abou-Chaker vor seiner Festnahme in der Nähe seiner Familie aufgehalten hat oder sie gar in konkreter Gefahr war, ist nicht bekannt.

Bushido sagte sich vom Abou-Chaker-Clan los

Hinter den mutmaßlichen Entführungsvorbereitungen stehen möglicherweise Rachepläne. Rapper Bushido hatte sich im vergangenen Jahr aus der jahrelangen Geschäftsbeziehung mit dem Abou-Chaker-Clan losgesagt und anschließend im exklusiven stern-Interview auch über mögliche Vergeltung der arabischen Großfamilie gesprochen. (Lesen Sie hier das komplette Gespräch.Der millionenschwere Musiker machte sich mit seinem Ausstieg viele Feinde im Milieu des Clans.

Arafat Abou-Chaker war in der vergangenen Woche wegen der mutmaßlichen Entführungspläne im Saal des Amtsgerichtes Berlin-Tiergarten festgenommen worden, nachdem er wenige Minuten vorher wegen Körperverletzung und Bedrohung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden war. Es handelte sich um die erste Verurteilung des 42-Jährigen, wenngleich diese noch nicht rechtskräftig ist. Mit der Festnahme der beiden Brüder sind den Berliner Sicherheitsbehörden binnen einer Woche zwei öffentlichkeitswirksame Schläge gegen den Familienclan gelungen.

Yasser Abou-Chaker soll ausgeliefert werden

Spätestens seit der Verhaftung seines Bruders dürfte Yasser Abou-Chaker geahnt haben, dass die Ermittler auch hinter ihm her sind. Nach der erfolgten Festnahme in Dänemark soll Yasser Abou-Chaker so schnell wie möglich in die Bundesrepublik ausgeliefert werden, sagte eine Sprecherin der Berliner Generalstaatsanwaltschaft. Mehrere Mitglieder der Berliner Großfamilie werden immer wieder mit organisierter Kriminalität in Verbindung gebracht, unter anderem mit Drogen- und Waffenhandel, Schutzgelderpressungen, Raubüberfällen und Zuhälterei. Auch Rapper Bushido schilderte im stern eine Welt voller Gewalt, Erniedrigungen, Bedrohungen und krimineller Machenschaften im Umfeld der Abou-Chakers.

Einer der fünf Brüder des mutmaßlichen Clanchefs Arafat Abou-Chaker wurde beispielsweise wegen eines bewaffneten Raubüberfalls auf ein Pokerturnier in Berlin 2010 zu einer mehr als siebenjährigen Haftstrafe verurteilt, ein anderer gilt als Intensivtäter.

Insgesamt 33 Mal habe die Staatsanwaltschaft bis zur Verurteilung am vergangenen Dienstag seit 1991 gegen Arafat Abou-Chaker ermittelt, insgesamt 33 Mal seien die Verfahren mangels Beweisen eingestellt worden oder mit einem Freispruch geendet, berichtete unter anderem die Zeitung "B.Z.". Bei den Ermittlungen stießen Polizei und Staatsanwaltschaft immer wieder auf eine Mauer des Schweigens im Umfeld der Großfamilie, es soll außerdem eine auffällige Häufung "vergesslicher" Zeugen gegeben haben.

Die mitunter erstaunlichen Erinnerungslücken in vergangenen Verfahren riefen kürzlich die SPD im Berliner Abgeordnetenhaus auf den Plan. In einer Schriftlichen Anfrage wollte sie wissen: "Welche Hinweise bestehen darauf, dass das Umfeld von Herrn Abou-Chaker direkt oder indirekt verbalen und psychischen Druck auf die Zeugen und ihr Umfeld ausübt?"

Antwort der Berliner Senatsverwaltung für Justiz: "Es gibt keine belastbaren Anhaltspunkte für diese Annahme."

"Kann ausgeschlossen werden, dass Zeugen im Prozess Schweigegeldzahlungen erhalten haben und aus diesem Grund nun im Prozess Erinnerungslücken angeben?"

Antwort: "Nein."

BKA nimmt Clankriminalität ins Visier

Dass Schweigegeldzahlungen oder andere Aktionen des Abou-Chaker-Clans denkbar sind, um ihre Familienmitglieder auch im Falle der mutmaßlichen Entführungspläne ungeschoren davonkommen zu lassen, weiß auch die Staatsanwaltschaft. Sie wird es in dem Verfahren nicht nur auf Zeugenaussagen ankommen lassen. Im vergangenen Jahr durchsuchten Beamte das Anwesen von Arafat Abou-Chaker vor den Toren Berlins, möglicherweise haben die Ermittler hier weitere Hinweise auf eventuelle kriminelle Verstrickungen des Beschuldigten erlangt. Schon damals stand der Verdacht im Raum, dass Racheaktionen an Bushido geplant waren.

Wie die Ermittlungen laufen, ob also Arafat Abou-Chaker zu den Vorwürfen ausgesagt hat, ist nicht bekannt. Eine entsprechende Anfrage des stern ließ die Berliner Staatsanwaltschaft bislang unbeantwortet. Im Büro von Abou-Chakers Anwalt hieß es auf Anfrage der Nachrichtenagentur DPA, man gebe grundsätzlich keine Auskunft zu Mandantenverhältnissen.

Die Polizei hat seit Längerem – nicht nur in der Hauptstadt – mit organisierter Clankriminalität zu kämpfen und in den vergangenen Monaten unter anderem bundesweit mehrere Razzien durchgeführt. Die Berliner Staatsanwaltschaft rief erst im Dezember eine Abteilung für Vermögensabschöpfung ins Leben. Sie soll den Kampf gegen die Organisierte Kriminalität verstärken und Vermögenswerte, die aus Straftaten entstanden sind, beschlagnahmen.

Nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) geht von kriminellen Clans mit ausländischen Wurzeln eine Bedrohung aus. "Die Kriminalität von Angehörigen türkisch- und arabischstämmiger Großfamilien zeichnet sich durch eine grundsätzlich ethnisch abgeschottete Familienstruktur aus, die unter Missachtung der vorherrschenden staatlichen Strukturen, deren Werteverständnis und Rechtsordnung eine eigene, streng hierarchische, delinquente Subkultur bildet", erläuterte eine Sprecherin. Das BKA kündigte kürzlich an, die Verbrechen von türkisch- und arabischstämmigen Clans in Deutschland genauer ins Visier zu nehmen, um diesen Bereich weiter aufzuhellen.

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Quellen: "Spiegel Online", "Bild"-Zeitung, "B.Z."Schriftliche Anfrage der SPD und Antwort, DPA, AFP