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Abschiebung: Ehepaar wollte vom Dach springen

In Ahlen floh ein türkisches Ehepaar halbnackt vor der Polizei auf ein Hausdach. Es drohte, sich in die Tiefe zu stürzen, um der geplanten Abschiebung zu entgehen. stern.de sprach mit dem Leiter des Kreisordnungsamtes über den Fall.

Polizei und Mitarbeiter der Ausländerbehörde sowie ein Arzt waren gegen vier Uhr morgens zur Wohnung einer türkischen Familie im münsterländischen Ahlen gefahren, um das Ehepaar und ihre drei Kindern im Alter von drei, fünf und 18 Jahren abzuholen. Ziel war der Düsseldorfer Flughafen, wo sie im Rahmen einer Sammelabschiebung in die Türkei abgeschoben werden sollten.

Auf Klingeln reagierte die Familie nicht. Ein herbeigerufener Schlüsseldienst öffnete die Tür der Wohnung. In dieser Zeit flüchtete der 46-Jährige mit seiner zwei Jahre jüngeren Frau über den Balkon auf das Dach des dreigeschossigen Mehrfamilienhauses. Nur mit Nachtwäsche bekleidet, harrten sie dort mehrere Stunden aus. Die drohten, sich vom Dach zu stürzen, wenn in die Türkei gebracht werden. Nach rund sechs Stunden gab die völlig unterkühlte Frau auf. Ihr Mann ließ sich nach acht Stunden von zu Hilfe gerufenen Vermittlern überreden, in seine Wohnung zurückzukehren.

Asylanträge wurde abgelehnt

Die Familie hat einen mehrjährigen Behördenmarathon um ihren Aufenthalt in Deutschland hinter sich. Mehrere Asylbegehren sind abgelehnt worden. Seit vielen Monaten sei die Familie ausreisepflichtig, sagte ein Sprecher des Kreises Warendorf. Der Mann begründete sein Asylgesuch damit, er sei Kurde und PKK-Sympathisant und werde in der Türkei verfolgt. Die Frau beruft sich auf eine psychische Erkrankung mit drohender Suizidgefahr. Der heute 18-jährige Sohn reiste im Juli 2000 nach Deutschland ein. Zwei weitere Kinder, ein fünfjähriger Sohn und eine dreijährige Tochter wurden in Ahlen geboren. Auch die Asylanträge der Kinder wurden als offensichtlich unbegründet abgelehnt.

"Die Familie ist seit vielen Monaten ausreisepflichtig; sie war jedoch nicht bereit, freiwillig in ihr Heimatland zurück zu gehen und hat sich geweigert, bei der Beschaffung von Papieren mitzuwirken", so Ralf Holtstiege, Leiter des Kreisordnungsamtes Warendorf. Deshalb war auch die geplante Rückführung der Familie nicht angekündigt worden. Die Türkei nimmt die Familie auch ohne eindeutig geklärte Identität auf.

Keine Möglichkeit, legal zurückzukommen

Der 18-jährige Sohn wurde schon nach Istanbul ausgeflogen. Seine beiden jüngeren Geschwister werden unter Aufsicht des Jugendamtes von Verwandten der Familie betreut. Die stark unterkühlten Eltern werden auf ihre Haftfähigkeit untersucht. Von ihrem Gesundheitszustand hängt ab, ob sie dem Haftrichter vorgeführt oder im Krankenhaus behandelt werden. "Es ist üblich, Ausländer, die abgeschoben werden sollen, in den frühen Morgenstunden aufzusuchen", erklärte Holtstiege. Die Sammelflüge starten in Düsseldorf um die Mittagszeit. Ist die türkische Familie erst einmal in der Türkei, hat sie keine Möglichkeit, legal wieder nach Deutschland einzureisen. "Wir raten den Ausländern daher, freiwillig auszureisen", so Holtstiege. "Dann haben sie noch die Möglichkeit, hier ihre Verwandten zu besuchen."

Silke Haas mit DPA