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Abschied von Sarah: "Wie konnte das passieren?"

Eine fränkische Kleinstadt nimmt Abschied. Anfang der Woche starb die kleine Sarah an den Folgen ihrer Unterernährung. Ihre Eltern hatten sie verhungern lassen. Wie so oft stellen sich Nachbarn und Behörden die Frage: Warum hat niemand etwas gemerkt?

Eine schlichte weiße Kerze steht auf dem Altar - Erinnerung an die dreijährige Sarah. Mit einer „Andacht der Stille und der Klage“ haben etwa 250 Menschen am Sonntag in der St. Gotthard-Kirche im fränkischen Thalmässing Abschied von dem kleinen Mädchen genommen, das unter den Augen der Eltern qualvoll verhungert war. „Warum konnte das Unglück nicht verhindert werden“, fragt Pfarrer Frank Zimmer. „Wir suchen nach Antworten, aber wahrscheinlich werden wir keine finden.“ In einem bewegenden Moment bläst er schließlich die Flamme der kleinen weißen Kerze aus.

Mit einem Glockengeläut beginnt die Trauerfeier. Psalmen werden verlesen, die Trauernden singen Lieder. „Wir wollen mit dieser Andacht nach dem schlimmen Ereignis, das hier in Thalmässing stattgefunden hat, einen Raum der Trauer, des Entsetzens und der Fassungslosigkeit geben“, sagt Pfarrer Zimmer und fordert zu einigen Minuten des Schweigens und des Gedenkens an Sarah auf. Stille breitet sich aus im Kirchenraum. „Wie konnte das hier passieren, mitten in diesem kleinen Ort, nur einen Steinwurf entfernt von unseren täglichen Einkäufen“, fasst der Geistliche schließlich in Worte, was viele der Trauergäste in diesen Momenten wohl denken.

Polizei ermittelt wegen gemeinschaftlichen Totschlags

Sarah war am vergangenen Montag in einer Nürnberger Klinik an Unterernährung gestorben. Am Samstag wurde sie im engsten Familienkreis auf einem Friedhof in der Umgebung von Thalmässing beerdigt - nach einer kirchlichen Trauerfeier nahmen die Angehörigen im engsten Familienkreis Abschied, teilte Anwalt Stephan Baumann mit. Er vertritt Sarahs Großeltern. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Eltern wegen gemeinschaftlichen Totschlags durch Unterlassung. Der 29-jährige Vater sitzt in Untersuchungshaft, die 26 Jahre alte Mutter liegt mit einer lebensgefährlichen Erkrankung in der Intensivstation einer Klinik.

Die Eltern waren Anfang 2005 ins mittelfränkische Thalmässing gezogen. Vor dem Wohnhaus am Marktplatz haben Einheimische Blumen niedergelegt und Kerzen aufgestellt. Teddybären liegen auf den Treppenstufen, dazwischen ein kleiner Blumenstrauß mit gelber Schleife: „Wir werden Dich nie vergessen“, steht in Blockbuchstaben mit Filzstift daraufgeschrieben. Die Tragödie um das kleine Mädchen hatte den 5300-Einwohner-Ort schwer erschüttert.

„Es war schwer, an sie heranzukommen“

„Man fragt sich schon, wie so etwas passieren kann und warum keiner der Nachbarn irgendetwas mitbekommen hat“, meint ein älterer Mann aus Thalmässing, der zur Trauerandacht gekommen ist. „Früher hätte man sich so etwas nicht vorstellen können, da hat man sich noch jeden Abend mit den Nachbarn auf die Bank rausgesetzt und geredet, da wäre so eine zurückgezogene Familie sofort aufgefallen“, sagt eine Frau. „Heute sitzen die Leute lieber vor dem Fernseher.“

Auch eine Mitarbeiterin des Thalmässinger Kindergartens, die zur Trauerandacht gekommen ist, ist fassungslos. Sie hatte den vierjährigen Bruder der kleinen Sarah in ihrem Hort und auch regelmäßig Kontakt zur Mutter. „Sie waren sehr zurückgezogen, es war schwer, an sie heranzukommen, aber Dominik war ein ganz normales und gesundes Kind.“ Es habe nie Probleme oder Auffälligkeiten gegeben. Von der kleinen Schwester habe sie gewusst und die Mutter erst kürzlich gefragt, ob das Kind nicht bald in den Kindergarten komme.

Nachbarn in der Kritik

Nach der etwa 45-minütigen Feier verabschiedet der Geistliche am Sonntag jeden der Trauergäste mit einem Händedruck. „Man kann als Außenstehender nicht sagen, was in der Familie vorgefallen ist“, sagt er. „Das Urteilen sollte man anderen überlassen.“

Die bayerische Familienministerin Christine Haderthauer (CSU) kritisierte im Nachrichtenmagazin „Focus“ die Nachbarn von Sarahs Eltern. Einige von ihnen hätten zwar zu Journalisten gesagt, es sei ihnen komisch vorgekommen, Sarah nicht mehr zu sehen. Aber niemand habe das Jugendamt benachrichtigt.

Kathrin Meyer/DPA / DPA
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