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Abschlussbericht über Heimerziehung: Zwangsarbeit im Namen Christi

Es ist ein Dokument des Schreckens: Auf etwa 100 Seiten listet der Abschlussbericht "Runder Tisch Heimerziehung" das Schicksal von rund 800.000 Kindern und Jugendlichen in Erziehungsheimen auf – eine Jugend mit Zwangsarbeit, Schikanen und sexuellem Missbrauch.

Sie galten als "schwer erziehbar", waren als Jugendliche oft nur wegen Bagatellfällen mit der Polizei in Konflikt geraten - oder als "Kinder der Sünde" einfach von Amtswegen ihren ledigen Müttern fortgenommen worden. Rund 800.000 Mädchen und Jungen wurden zwischen 1949 bis 1975 in Westdeutschland in Erziehungsheime eingewiesen. Viele erlebten dort eine Jugend mit Zwangsarbeit und Schikanen. Viele sind daran zerbrochen – und manches Trauma wirkt heute noch nach.

Eine schwere Aufgabe

Als die frühere Bundestags-Vizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne) vor zwei Jahren auf Bitten des Parlaments den Auftrag übernahm, zusammen mit einem Runden Tisch dieses dunkle Kapitel deutscher Nachkriegspädagogik aufzuklären, sprach die Theologin von ihrer "bislang schwersten Aufgabe". Vollmer war sich von Anfang an bewusst, wie schwer es sein wird, die Forderungen der Opfer nach Anerkennung ihres Leids und Schadensersatz in Einklang zu bringen mit den Interessen von Bund, Ländern und kirchlichen Stellen.

Denn ein Großteil der Heime wurde von Kirchen organisiert. Sie hießen "Heim zum Guten Hirten" oder waren nach Heiligen oder Ordensgründern benannt. "Die alte Mönchsregel "Bete und Arbeite" erlebte eine perverse Renaissance in diesen konfessionellen Erziehungsheimen der jungen Bundesrepublik", schreibt der "Spiegel"-Autor Peter Wensierski. Mit seinem Buch "Schläge im Namen des Herren", Interviews sowie umfangreichen Recherchen hatte Wensierski 2006 die Diskussion ins Rollen gebracht. Es bildeten sich Betroffenen-Gruppen, die sich dann an den Petitionsausschuss des Bundestages wandten. Er regte schließlich 2008 den Runden Tisch mit den Vertretern von Staat und Kirchen an.

"Sklavenarbeit unter dem Deckmantel des Christentums"

Es galt als Wunder, dass die 22 Mitglieder - darunter sechs von Opferverbänden - am Freitag vergangener Woche unter Vollmers Leitung noch zu einer einstimmigen Abschlusserklärung zusammenfanden. Dass diese Gemeinsamkeit nicht lange halten würde, war zu erwarten. Schließlich geht es nicht nur um die Anerkennung von Unrecht und Entschuldigungen für zugefügtes Leid. Es geht auch um viel Geld

Im Vordergrund stehen dabei vor allem die Rentenansprüche für jahrelanges Torfstechen, Schuften in Küchen und Großwäschereien oder Hilfsarbeiten in Werkstätten. Erst von 1972 an führten die Heimträger für die Arbeitsdienste der 14- bis 21-Jährigen Sozialabgaben ab. Nur in seltenen Fällen gab es eine reguläre Berufsausbildung. Viele der Betroffenen sprechen heute von unbezahlter "Sklavenarbeit unter dem Deckmantel des Christentums" und klagen über ihre minimalen Renten.

Im katholischen Vincenzheim in Dortmund zum Beispiel mussten Mädchen und junge Frauen Wäsche für Hotels, Fabriken und Privathaushalte waschen. Schweigend, so berichten sie heute, hätten sie bis zu zehn Stunden am Tag mit den schweren Laken an der großen Heißmangel stehen müssen. Geld gab es keins. Vergeblich fragten die Betroffenen später bei der AOK nach ihren Sozialabgaben.

Streit über Entschädigungssummen

20 Millionen Euro sollen nach dem Willen des Runden Tisches in den Rentenfonds fließen, aus dem die Betroffenen auf Antrag Einmalzahlungen erhalten können. Doch bei der Präsentation des Berichtes am Montag erhob der Verein ehemaliger Heimkinder dagegen schwere Vorwürfe. Die Zustimmung der Opfervertreter zum gemeinsamen Abschlussbericht sei "erzwungen und erpresst" worden, sagte Sprecher Klaus Dickneite. Die Opfervertreter seien vor die Wahl gestellt worden, entweder gebe es die in Aussicht gestellte Minimalentschädigung oder gar nichts. Die einzelnen Opfer könnten jetzt allenfalls mit Entschädigungen zwischen 2000 und 4000 Euro rechnen. Doch die Betroffenen wollen eine Opferrente von 300 Euro monatlich - oder eine Einmalzahlung von 54.000 Euro, "weil viele von uns ja schon so alt sind und von einer Opferrente kaum noch etwas haben", sagte mit gebrochener Stimme die Vorsitzende des Vereins ehemaliger Heimkinder, Monika Tschapek-Güntner.

Zur Diskrepanz zwischen der Forderung der Opferverbände und der jetzt in Aussicht stehenden Summe sagte Vollmer, das Klima für Sozialleistungen sei derzeit nicht günstig. Dabei verweis sie auf den Streit um die 5-Euro-Erhöhung bei den Hartz-IV-Leistungen.

Die Katholische Kirche wie auch die Evangelische Kirche von Deutschland (EKD) begrüßten die Vorschläge des Runden Tisches. Bei der Umsetzung der Ergebnisse dürfe es keine unnötigen Verzögerungen geben, appellierte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, an die Parlamente von Bund und Ländern, die den Empfehlungen jetzt noch zustimmen müssen. Ähnlich äußerte sich der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider.

Das Stigma "Heimkind"

Das meiste Geld aus dem 120 Millionen Euro umfassenden Entschädigungstopf soll allerdings für Einzelfallhilfe und für die Behandlung von Traumata ausgegeben werden. In nüchterner Sprache listet der Bericht die Demütigungen auf, mit denen Widerstand in den Heimen unterbunden wurde. Essensentzug, Zwangsernährung oder gar die Auflage, Erbrochenes wieder aufzuessen, galten als pädagogisches Disziplinierungsmittel. Schläge, so berichteten die ehemaligen Heimkinder bei den Anhörungen, waren an der Tagesordnung. Vielfach wurde auch über sexuelle Übergriffe geklagt.

Viele, die die Heimerziehung durchliefen, beteuerten bei den Anhörungen, sie hätten in den ersten Jahren danach aus Scham zunächst ihre Erinnerungen verdrängt. "Ich fühlte mich wie eine Aussätzige. Auf meiner Stirn stand Heimkind", erinnerte sich Sonja Djurovic, ebenfalls heute in einem Betroffenenverband aktiv.

DPA / DPA