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Abschlussbericht zum Kaczynski-Absturz: Angetrunkener Luftwaffenchef soll Mitschuld haben

Der tödliche Flugzeugabsturz des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski in Russland ist nach Angaben einer Untersuchungskommission von dem angetrunkenen Luftwaffenchef an Bord verursacht worden. Das teilte das Gremium am Mittwoch bei der Veröffentlichung seines Abschlussbericht in Moskau mit.

Neun Monate nach dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine haben die russischen Ermittler ranghohen Vertretern an Bord der Maschine eine Mitschuld an der Tragödie gegeben. Der Luftwaffenchef und der Protokollchef hätten im Cockpit Druck auf die Besatzung ausgeübt, sagte die russische Luftfahrt-Expertin Tatjana Anodina am Mittwoch bei der Vorstellung des Abschlussberichts. Luftwaffenchef Andrzej Blasik sei angetrunken gewesen.

Die Anwesenheit des Luftwaffenchefs und des Protokollchefs im Cockpit habe psychologischen Druck auf die Besatzung ausgeübt und zur Entscheidung des Piloten beigetragen, "eine Landung unter nicht angemessenen Bedingungen auszuführen", sagte die Vorsitzende des Zwischenstaatlichen Luftfahrtkomitees MAK, Anodina. Auch die "erwartete negative Reaktion des wichtigsten Passagiers" auf eine mögliche Umleitung auf einen anderen Flughafen habe dazu beigetragen.

Anodina nannte den damaligen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski zwar nicht ausdrücklich, legte aber nahe, dass es sich bei dem "wichtigsten Passagier" um den Staatschef handelte. Es habe für die Besatzung einen "hohen Antrieb" gegeben, auf dem Zielflughafen zu landen, ergänzte sie. "Psycho-emotionaler Druck" und ein innerer Konflikt des Piloten, die Erwartungen zu erfüllen oder den Flieger doch umzuleiten, seien die Schlüsselfaktoren des Unglücks gewesen.

Kurz nach dem Unglück war darüber spekuliert worden, ob Kaczynski den Piloten persönlich zum Landeanflug gedrängt hatte. Dass der Luftwaffenchef und der Protokollchef im Cockpit aufgetaucht waren, belegten bereits die Aufzeichnungen der Flugschreiber. Bei Luftwaffenchef Blasik wiesen die russischen Ermittler laut Anodina einen Alkoholgehalt von 0,6 Promille im Blut nach.

Der Abschlussbericht bemängelte auch "beträchtliche Defizite" in der Ausbildung der Crew und bei der Organisation des Flugs. Die Piloten hatten am 10. April vergangenen Jahres trotz Warnungen wegen dichten Nebels Kurs auf den Flughafen nahe dem westrussischen Smolensk genommen. Bei dem Absturz kamen alle 96 Insassen ums Leben. Die Delegation war auf dem Weg ins russische Katyn, um der Opfer des Massakers an rund 22.000 Polen während des Zweiten Weltkriegs zu gedenken.

Beide Länder, deren Beziehungen durch die Ereignisse im Zweiten Weltkrieg historisch belastet sind, näherten sich in ihrer gemeinsamen Trauer anlässlich des Unglücks an. Allerdings wuchs später die Kritik Polens an den russischen Ermittlungen zur Absturzursache. Polens Ministerpräsident Donald Tusk bezeichnete die vorläufigen Ermittlungsergebnisse kürzlich als inakzeptabel und fehlerhaft. Der am Mittwoch übergebene Abschlussbericht könnte zu neuen Spannungen zwischen Warschau und Moskau führen.

AFP/DPA / DPA