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Abu-Ghreib-Prozess: Richter glaubt Lynndie England nicht

Mit ihrem Schuldeingeständnis wollte Lynndie England den Folterprozess beschleunigen. Nun aber stoppte der Richter die Verhandlung, weil er ihren Äußerungen nicht glaubt. Sie hätte auf "nicht schuldig" plädieren sollen, so der Richter.

Im Prozess gegen die angeklagte US-Soldatin Lynndie England hat der Richter am Mittwoch Zweifel an ihrem Schuldbekenntnis geäußert. Nach Angaben von anwesenden Fernsehreportern kritisierte er die Verteidigung scharf und unterbrach die Anhörung zum Strafmaß. Er wollte sich später zum weiteren Vorgehen äußern.

Die Verteidigung hatte den mutmaßlichen Rädelsführer des Gefangenenskandals, Charles Graner, als Zeugen aufgerufen. Sie will die Geschworenen, die über das Strafmaß entscheiden, überzeugen, dass England nur mitmachte, weil sie von anderen, darunter Graner, dazu gedrängt wurde. England hatte sich am Montag schuldig bekannt und ausgesagt, sie sei sich bewusst gewesen, dass ihr Verhalten falsch war.

Folterfotos seien ganz legitim gewesen

Graner sagte nach Angaben der Reporter am Mittwoch aber, die Fotos, auf denen England mit misshandelten Gefangenen zu sehen war, seien ganz legitim zu Ausbildungszwecken gemacht worden. Das würde bedeuten, dass England sich damals nicht im Klaren darüber war, dass sie etwas Falsches tat.

In diesem Fall müsse sie sich "nicht schuldig" bekennen, sagte der Richter, der schon in den vergangenen Tagen hatte Zweifel durchblicken lassen, ob England wirklich Reue zeigt. Die Verteidiger hatten mit dem Schuldbekenntnis das Höchststrafmaß erheblich senken wollen. Der Richter erkennt das aber nur an, wenn er überzeugt ist, dass die Angeklagte ihre Taten tatsächlich als falsch anerkannt hat. Er wollte England nach der Verhandlungspause erneut dazu befragen.

Graner, der im Januar zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde, war schon am Dienstag in Uniform und Handschellen zum Gericht gebracht worden, wo er Reportern eine handschriftliche Stellungnahme aushändigte. Er wisse, was in Abu Ghreib vor sich gegangen sei und sei bestürzt, dass England sich schuldig bekannt habe, hieß es darin. Er hoffe aber, dass sie ihre Strafe damit verringern könne. Graner ist Vater des Babys, das England im Oktober zur Welt brachte. Er heiratete inzwischen eine andere Soldatin, die er in Abu Ghreib kennen gelernt hatte.

England habe während ihrer eigenen Geburt unter Sauerstoffmangel gelitten und eine Lernschwäche, sagte ein Schulpsychologe, der England vor Jahren in West Virginia untersucht hatte, am Dienstag aus. Sie neige dazu, Anweisungen zu befolgen. Die Verteidigung versucht nachzuweisen, dass England sich den Vorgaben ihres damaligen Liebhabers nicht widersetzen konnte.

Graner selbst hatte auch vorgegeben, auf Anweisung gehandelt zu haben. Ranghöhere Verhörbeamte hätten gefordert, dass die Gefangenen "weich geklopft" werden. Das Gericht hatte das im Januar verworfen.

DPA / DPA
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