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Aids-Prozess gegen No-Angels-Sängerin: Die zwei Seelen der Nadja Benaissa

Sie hatte eine schwere Kindheit, dafür soll sie nicht auch noch büßen: Nadja Benaissa wird auf Bewährung verurteilt werden. Trotz der dunklen Seite, die man ihr vor Gericht attestiert.

Von Sonja Jordans, Darmstadt

Zum Schluss wendet sie sich an den Mann, den sie mit dem HI-Virus infiziert hat: "Ich kann mich nicht entschuldigen für das, was ich getan habe, denn dafür gibt es keine Entschuldigung." Der Satz klingt nach Einsicht - und er kommt zur rechten Zeit. Die Angeklagte Nadja Benaissa, Sängerin der Popgruppe No Angels, hat vor dem Darmstädter Gericht das letzte Wort zu dem, was ihr vorgeworfen wird: ungeschützter Sex trotz bekannter HIV-Infektion.

Es ist der vorletzte Tag des Verfahrens, Verteidigung und Anklage halten ihre Plädoyers. In einer steingrauen Tunika, verziert mit bronzefarbenen Knöpfen sitzt sie da, das Haar hat die Sängerin aus der Stirn gekämmt, sie sieht hübsch aus. Doch was in ihrem Inneren vorgeht, lässt sich nicht erkennen. Am Morgen noch wirkte sie entspannt und locker, lächelte oft. Nun, nachdem die Staats- und Rechtsanwälte zu Wort gekommen sind, scheint sie angespannt zu sein.

Zwei Jahre Haft auf Bewährung

Dabei sieht es gut aus für die 28-Jährige: Denn die Juristen sind sich weitgehend einig, dass sie zu zwei Jahren Haft, ausgesetzt zur Bewährung verurteilt werden soll, wie Staatsanwalt Peter Liesenfeld fordert. Bewährungszeit: drei Jahre. Auflagen: 300 Stunden gemeinnützige Arbeit in einer Pflegeeinrichtung für HIV-Infizierte, außerdem eine therapeutische Aufarbeitung ihrer schwierigen Jugend. Weder der Nebenklagevertreter noch Benaissas Verteidigung haben dem viel hinzuzufügen. Es ist ein "trauriges Verfahren, zu dem es so in der Öffentlichkeit nicht hätte kommen müssen", sagt Hans-Dieter Henkel, der Rechtsbeistand des Nebenklägers.

Dieser Nebenkläger hatte sich 2004 nachweislich bei ihr infiziert, hat ein virologisches Gutachten ergeben. Deshalb lautet die Anklage auf gefährliche und versuchte gefährliche Körperverletzung. Benaissa war damals 22 Jahre alt, eine zwar junge aber erwachsene Frau. "Sie war über ihre Erkrankung aufgeklärt", sagt Ankläger Liesenfeld, "und wer HIV-positiv ist und es weiß, verpflichtet sich, etwas zu sagen." Doch das tat sie nicht. Der Strafrahmen für solche Fälle reichten von sechs Monaten bis zu zehn Jahren Haft, so Liesenfeld weiter, und doch: Es sprächen viele strafmildernde Umstände für Nadja Benaissa.

Drogensucht und Schwangerschaft mit 16 Jahren

Er verweist auf ihre schwierige Jugend, die sie durchlitten habe: Mit Drogensucht und Schwangerschaft im Alter von 16 Jahren. Kurz darauf erfährt sie von ihrer Erkrankung. Statt zu verzagen sieht sie ihre Infektion als Chance, nimmt ihr Leben in die Hand und bringt die Tochter zur Welt, geht zur Abendschule. Hat endlich Aussichten auf ein vielleicht halbwegs normales Leben. In dieser Situation trifft sie einen Mitschüler und schläft mit ihm - ungeschützt. "Es ist dieser unbedachte Moment, in dem die junge Frau ihre Krankheit verdrängt", sagt der Staatsanwalt. "Sie will ein Leben leben, das sie bisher nicht gelebt hat."

Das alles war bevor Nadja Benaissa als Mitglied der Castingband No Angels einen kometenhaften Aufstieg erlebt. Das Thema Aids ist plötzlich kein Thema mehr, die Krankheit wird bewusst verdrängt. "Es hätte das Ende der Band bedeutet", sagt Benaissa über diese Phase ihres Lebens. Ihr Leben sei ausgerichtet gewesen auf die Zwänge und Einschränkungen der Popgruppe No Angels, so Liesenfeld verständnisvoll.

Der Mann mag es gut mit Angeklagten meinen, spricht aber auch Klartext: Liesenfeld beschreibt Benaissa als gespaltene Persönlichkeit. Auf der einen Seite als starke Frau, Mutter einer Tochter, erfolgreiche Sängerin. "Andererseits ist sie die rücksichtslose Nadja Benaissa, die dem Schicksal anderer gleichgültig gegenübersteht." Anders sei nicht zu erklären, dass sie den Nebenkläger und einen Schulfreund nicht über ihre Erkrankung aufklärte, obwohl sie anderen Sexpartnern bereits beim ersten Kennenlernen davon berichtet hat. Darüber hinaus habe der Nebenkläger nur durch Zufall von ihrer Erkrankung erfahren. Das spreche für ein Desinteresse der Sängerin an dem Mann, so dessen Anwalt Hans-Dieter Henkel. Dennoch plädiert auch er für eine Bewährungsstrafe.

"Prinzip der geteilten Verantwortung"

Benaissas Verteidiger will sich nicht auf irgendein Strafmaß festlegen. Stattdessen kritisiert er die Behörden, die seine Mandantin kurz vor Ostern 2009 rechtswidrig verhaftet hätten und spricht daneben vom "Prinzip der geteilten Verantwortung": Beim Sex seien beide Partner verantwortlich, für die Verhütung zu sorgen. "Es kann nicht drauf ankommen, dass im Eifer des Gefechts nur meine Mandantin aufklärt und darauf drängen muss, ein Kondom zu nutzen."

Es sind Worte, die Nadja Benaissa trösten mögen. Dem Nebenkläger helfen sie jedoch nicht. "Die Dinge belasten ihn schwer", sagt sein Anwalt. "Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen", sagt Nadja Benaissa noch. Wie weit, sagt sie nicht.