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Aktionsbündnis von Winnenden: "Wir hoffen auf Horst Köhler"

Hardy Schober hat seine 16-jährige Tochter beim Amoklauf in Winnenden verloren. Statt still zu trauern, kämpft er gegen die Waffenlobby. Deutschland müsse aus der schrecklichen Tat lernen, sagt Schober im Interview mit stern.de. Vorbild könnte Großbritannien sein.

Herr Schober, Sie haben das "Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden" gegründet. Was ist Ihr größtes Anliegen?

Wir wollen vor allem Eltern dazu bringen, dass sie sich wieder mehr um ihre Kinder kümmern. Was passieren kann, wenn sie ihre Aufsichtspflicht verletzten, haben wir in Winnenden erlebt. Der Vater des Täters ist für mich mitschuldig: Er hat gewusst, dass sein Sohn psychische Probleme hatte.

Aber Sie appellieren nicht nur an das Verantwortungsbewusstsein von Eltern, sondern haben auch konkrete Forderungen.

Erstens ein Verbot von Killerspielen für Jugendliche unter 18 Jahren, zweitens eine Änderung des Waffengesetzes. Das ist doch Wahnsinn, dass schon 14-Jährige in Schützenvereinen an Waffen trainiert werden, ganz legal. Die stecken mitten in der Pubertät, sind völlig unreif - und bekommen solche Tötungsapparate in die Hand gedrückt. Ich verstehe nicht, dass das in unserem überreguliertem Land erlaubt ist.

Was sind die ersten Schritte des Aktionsbündnisses?

Zunächst einmal müssen wir bekannt werden. Gerade sind wir mit einer eigenen Homepage online gegangen. Außerdem brauchen wir dringend finanzielle Unterstützung; leider haben wir noch keine Spenden bekommen oder Sponsoren gefunden.

Wie sieht Ihre weitere Arbeit aus?

Demnächst veranstalten wir ein Benefizfußballspiel mit der Jugendabteilung des VfB Stuttgart. Wir planen Unterschriftenaktionen, wollen mit Elternvertretern in Schulen sprechen.

Haben Sie sich auch an die Politik gewandt?

Ja, wir haben von allen Bundestagsfraktion Rückmeldungen bekommen. Besonders positiv war die Resonanz von den Grünen, Renate Künast war unseren Anliegen gegenüber sehr aufgeschlossen. Außerdem hoffe ich, dass wir Bundespräsident Horst Köhler als Unterstützer gewinnen können.

Sind Sie auch von einem Politiker enttäuscht?

Sehr geärgert haben mich Kurt Becks Äußerungen, weil er das bestehende Waffengesetz verteidigt hat.

Haben Sie schon Gegenwind gespürt?

Nicht direkt. Aber man merkt, dass die Lobbys der Schützenvereine und der Waffenbranche stark sind. Auf deren Seite herrscht überhaupt keine Einsicht, dass sich etwas ändern muss.

Haben Sie Kontakt zu anderen Betroffenen, zum Beispiel in Erfurt?

Nein, in Erfurt gibt es kein Aktionsbündnis. Unser Vorbild ist eine britische Gruppe, die sich 1996 nach einem Amoklauf in Schottland gegründet hat. Ende Mai kommen Vertreter der Gruppe zu uns nach Waiblingen. Von denen können wir nur lernen: Die waren richtig aktiv und hatten ihren Anteil daran, dass in Großbritannien das Waffenrecht verschärft wurde. Dort sind jetzt großkalibrige Waffen für Privatpersonen komplett verboten. Das wünschen wir uns auch für Deutschland.

Ist es schon zu einer Zusammenarbeit mit Behörden gekommen?

Das Kultusministerium von Baden-Württemberg hat einen Aktionskreis zum Thema Amok ins Leben gerufen. Zur ersten Sitzung waren auch wir eingeladen. Vorsitzender ist Stuttgarts ehemaliger Regierungspräsident Udo Andriof, außerdem sind noch Abgeordnete und Experten dabei. Gemeinsam wollen wir folgende Fragen erörtern: Was kann es für vorbeugende Maßnahmen an Schulen geben? Wie kann man mögliche Amoktäter erkennen? Wie können Eltern rechtzeitig erkennen, dass ihre Kinder psychologische Hilfe brauchen?

Läuft an deutschen Schulen grundsätzlich etwas falsch?

Ja, einiges. Zum Beispiel haben wir in den Schulen viel zu wenige Kinderpsychologen. In ganz Stuttgart gibt es immerhin 22 Planstellen für Schulpsychologen, aber nur drei sind besetzt - warum bloß?

Ihrem Aktionsbündnis gehören bislang die Familien von fünf getöteten Schülerinnen an. Sind Sie in Kontakt mit anderen Angehörigen von Opfern?

Noch bin ich fast ein Einzelkämpfer. Die schrecklichen Ereignisse sind einfach noch zu frisch, die anderen brauchen noch Zeit.

Interview: Sönke Wiese