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Zehn Jahre später: Wer gab den Mordbefehl an Alexander Litwinenko?

Radioaktives Gift als Mordwaffe: Vor knapp zehn Jahren starb in London der abtrünnige russische Spion Alexander Litwinenko. Der Fall birgt immer noch Rätsel. Die britische Justiz vermutet, dass der Mordbefehl aus Moskau von weit oben kam.

Alexander Litwinenko

Der russische Ex-Spion Alexander Litwinenko wurde im November 2006 mit Pullonium vergiftet - er starb drei Wochen später

Knapp drei Wochen siecht Alexander Litwinenko in einem Londoner Krankenhaus vor sich hin, er kann nicht mehr gehen und kaum sprechen. Vor knapp zehn Jahren, am 23. November 2006, stirbt der Ex-Agent des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB schließlich an einer Vergiftung mit der radioaktiven Substanz Polonium. Britischen Ermittlungen zufolge stecken die früheren russischen Offiziere, Andrej Lugowoj und Dmitri Kowtun, hinter dem Mord an dem abtrünnigen Exilanten.

Litwinenko hatte sich vom russischen Spion zum Kritiker von Präsident Wladimir Putin gewandelt, er arbeitete im Londoner Exil mit anderen Oppositionellen zusammen. Zehn Jahre nach dem spektakulären Mord sind immer noch nicht alle Rätsel gelöst. Strafrechtlich konnte niemand belangt werden, denn Moskau liefert die mutmaßlichen Täter nicht aus. Bis heute belastet der Fall Litwinenko die britisch-russischen Beziehungen. Wie geht es den Hauptfiguren in dem Skandal heute?

Andrej Lugowoj (50): Der Ex-Geheimdienstoffizier und Unternehmer organisierte 2006 zwei Geschäftsmeetings mit Litwinenko. Beim zweiten Treffen in der Bar des "Millennium"-Hotels in London am 1. November trank das Opfer den radioaktiv verseuchten Tee. In Lugowojs Hotelzimmer fanden sich Polonium-Spuren in hoher Konzentration. Er hatte eine Verwicklung in den Mord stets bestritten. Doch der britische Verdacht verschaffte ihm in seiner Heimat den Status eines Volkshelden. 2007 zog er erstmals für die nationalistischen Liberaldemokraten ins russische Parlament ein. 2011 und 2016 wurde er wiedergewählt.

Dmitri Kowtun (51): Der Offizier beantragte 1991 Asyl in Deutschland, als seine Truppe ins Unruhegebiet Tschetschenien verlegt werden sollte. Lange schlug sich Kowtun als Gelegenheitsarbeiter und Kellner durch. Vor dem 1. November 2006 besuchte er seine deutsche Ex-Frau in Hamburg und zog dabei eine Spur von Polonium durch die Stadt. Wie Lugowoj kehrte er nach dem Mord nach Russland zurück und entzog sich der britischen Justiz. 2015 kündigte er an, vor Londoner Ermittlern aussagen zu wollen, nahm dies aber später zurück.

Marina Litwinenko (55): Die Witwe des Kreml-Kritikers kämpft immer noch darum, dass der Fall juristisch aufgearbeitet wird. "Ich habe immer daran geglaubt, dass ich in einer Gesellschaft lebe, die mir nicht das Recht verweigern wird herauszufinden, wer meinen Mann umgebracht hat", sagte die ehemalige Tänzerin. Sie erzwang, dass der britische Royal Court of Justice (Königlicher Gerichtshof) 2015 in einer öffentlichen Anhörung noch einmal alle Beweise sammelte. 

Robert Owen (72): Zuständig dafür war der ehemalige Richter Richard Owen. In seinem Schlussbericht vom Januar 2016 sah er die Schuld Lugowojs und Kowtuns als erwiesen an. Mutmaßlich hätten sie im Auftrag des russischen Geheimdienstes gehandelt. Owens Kernsatz: "Ich habe ferner festgestellt, dass die FSB-Operation, Mr. Litwinenko umzubringen, vermutlich von Mr. (Nikolai) Patruschew, damals Leiter des FSB, und Präsident Putin gebilligt worden ist." Beweise dafür fehlen aber. Russland nannte den Bericht voreingenommen. 

Wladimir Putin (64): Der Kremlchef beherrscht die russische Politik unangefochten seit mittlerweile fast 17 Jahren. Vom Tod Litwinenkos an gerechnet, verließ er 2008 den Kreml, ließ sich 2012 wieder zum Präsidenten wählen und steuert 2018 eine weitere Amtszeit an. Über die Jahre sind mehrere seiner Kritiker ermordet worden, so die Journalistin Anna Politkowskaja 2006 und der Oppositionspolitiker Boris Nemzow 2015. 

Britisch-russische Beziehungen: In den Monaten nach Litwinenkos Tod wiesen Großbritannien und Russland gegenseitig Diplomaten aus. Bis heute ist das Verhältnis angespannt. Großbritannien ist in der EU auch einer der schärfsten Kritiker des russischen Vorgehens gegen die Ukraine. Das hat russische Oligarchen aber nicht daran gehindert, London als Fluchtort für ihr Geld zu nutzen und sich dort viele teure Immobilien zuzulegen.

Friedemann Kohler, DPA