HOME

Amanda Knox bei "Lanz": Der Engel bleibt kühl

Auch Markus Lanz kann Amanda Knox nicht knacken. Die Verdächtige bleibt bei ihrer Version: Sex und Drogen - ja. Aber statt Mord gab es in der Tatnacht Harry Potter. Ihr zu glauben, fällt schwer.

Von Malte Arnsperger

Amanda Knox blickt Markus Lanz direkt an, presst ihre Lippen zusammen und sagt, fast schon flehentlich: "Ich habe Meredith nicht getötet. Nein." Es ist der stärkste, der eindringlichste Moment im TV-Interview von Moderator Lanz mit der US-Amerikanerin Amanda Knox.

Die heute 25-jährige Studentin, 2009 wegen des Mordes an ihrer Mitbewohnerin Meredith Kercher in Italien verurteilt und 2011 freigesprochen, bringt ihre Sicht des Falles unter die Leute. Sie hat ein Buch über ihre Jahre als Mordverdächtige geschrieben. Knox gab ein Interview im amerikanischen Fernsehen, ein US-Magazin veröffentlichte ein Gespräch. Alles "exklusiv" natürlich. Auch Lanz präsentiert sie "exklusiv im deutschen Fernsehen".

Knox spaltet die Meinungen

Kann das Interview also noch neue Erkenntnisse bringen? Schließlich ist der Fall hinlänglich bekannt: Am 2. November 2007 wird die britische Studentin Meredith Kercher erstochen in ihrem Zimmer im italienischen Perugia aufgefunden. Schnell werden ihre Mitbewohnerin Amanda Knox und deren italienischer Liebhaber Raffaele Sollicito verdächtigt. Eine Sex-Drogen-Orgie soll außer Kontrolle geraten sein.

Knox - die Medien nennen sie inzwischen den "Engel mit den Eisaugen" - wird zu 26 Jahren Haft verurteilt. Als ein Berufungsgericht Sollicito und Knox 2011 freispricht, wird die Amerikanerin endgültig zur weltweiten Berühmtheit.

Persönlichkeit bleibt seltsam unklar

Das Interview mit Lanz bringt natürlich keine Klarheit darüber, ob sie unschuldig ist - oder eine eiskalte Mörderin. Und obwohl der Moderator seine gesamte Sendezeit von 75 Minuten nur für das Gespräch mit Knox verwendet, bleibt ihre Persönlichkeit seltsam unklar.

Es mag daran liegen, dass sie einen sehr kontrollierten Eindruck macht. Ihre Beine bleiben während der gesamten Sendedauer übereinander geschlagen, die Hände ruhen fast immer in ihrem Schoß.

Amanda Knox, dunkle Hose, helles geblümtes Kleid, offene Haare, antwortet klar. Ihre Stimme ist stets ruhig, sie wirkt nie aufgeregt. Und dann sind da diese Momente, in denen sie schluckt, die Augen sekundenlang schließt, ihre Stirn in Falten legt, traurig auf den Boden schaut.

Auch wenn man ihr glauben mag, ja glauben will, sie für unschuldig hält, fragt man sich unweigerlich: Spielt sie das nur? Ist sie durch jahrelange Gerichtsverhandlungen und die vielen Befragungen einfach nur eine gute Schauspielerin geworden?

Auf die Lanz-Art

Lanz startet seinen Versuch, Knox kennenzulernen, mit der Schmeichel-Methode. "Es ist ein gutes Buch", lobt er sie in seiner typischen Lanz-Art, "weil sie reflektiert schreiben". Knox lächelt. Immer wieder betont Lanz, wie "beeindruckend" er ihr Buch findet, wie "ehrlich" sie doch darin sei. Der Moderator erntet damit allerdings nur Plattitüden: "Man sollte ja auch ehrlich sein, wenn man so ein Buch schreibt", sagt Knox. "Sonst hat es keinen Zweck."

Intensiv wird das Gespräch erst, als Lanz sich zu ihr herüber lehnt und fragt, wie es war, als sie nach der Verurteilung begriff, nun wohl 26 Jahre eingesperrt zu sein. Knox runzelt die Stirn, ein bittererer Blick, dann ein kleines Lächeln. "26 Jahre, so viel hatte ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht erfahren, ich war ja erst 22", sagt sie. "Ich habe gerechnet, was das bedeutet. Ich werde dann so alt sein wie meine Mutter heute. Das unterdrückt einen, das ist wie eine Falle."

Rekonstruktion der Mordnacht

Die folgenden Minuten widmet Lanz dem Versuch einer Rekonstruktion der Mordnacht. Knox schildert, dass sie in der fraglichen Zeit gar nicht in der Wohnung, sondern bei ihrem Freund Raffaele gewesen sei. Man habe einen Film geschaut, "Harry Potter" auf deutsch zusammen gelesen, einen Joint geraucht, Sex gehabt.

Knox berichtet, wie sie am nächsten Tag in ihre Wohnung zurückgekehrt sei, keinen von ihren Mitbewohnerinnen angetroffen aber Blutflecken im Bad entdeckt habe. Es sei ihr seltsam vorgekommen. Sie sei daraufhin zu ihrem Freund zurückgekehrt und habe ihre Mutter angerufen.

An dieser Stelle - und leider nur hier - versucht Lanz, den kritischen Journalisten zu geben. Er beugt sich immer wieder nach vorn, rutscht auf dem Stuhl hin und her und kann es kaum abwarten, Knox zu unterbrechen und auf Ungereimtheiten anzusprechen.

Sie aber bleibt ruhig. Knox rechtfertigt sich und erzählt - etwas langatmig - von verschlossenen Türen, klingelnden Handys und "Telefonpolizisten". Lanz fragt: Warum denn die Polizisten ursprünglich nur wegen eines Handys ihrer Mitbewohnerin zum Tatort gekommen seien. Knox: "Die Frage habe ich nicht verstanden", und dann: "Die Frage müssen Sie der Polizei stellen."

Knox gesteht Selbstmordgedanken

Nach dieser wenig aufschlussreichen Passage tastet sich Lanz näher an die Gefühlswelt von Amanda Knox heran. Teilweise mit Erfolg. Knox, offenbar den Tränen nahe, schildert schluckend, wie sie während ihrer Haftzeit versuchte, den Lebensmut nicht zu verlieren. "Du musst für dich selber herausfinden, was für einen noch bleibt. Ich habe nachgedacht, was mein Leben noch lebenswert macht."

Dann, anfangs fast schon lapidar, erzählt sie von ihren Selbstmordgedanken. Sie sei stets ein optimistischer Mensch gewesen. "Aber Suizid war in meinem Kopf. Vor allem nach der Verurteilung. Ich wollte meine Stärken bündeln und habe nachgedacht, was das Leben für mich bedeutet und was der letzte Strohhalm ist. Ist das etwas, was mich zur Selbsttötung treibt? Wann wird dir das Leben nichts mehr wert sein?" Aber Knox macht klar, dass sie eine starke Person ist, die nicht so leicht aufgibt.

Lanz probiert es trotzdem. Ob sie denn nicht irgendwann einmal an sich selbst, an ihrer Unschuld gezweifelt habe? "Nein", antwortet Knox fest, sie sei zwar erwachsen geworden, trauriger. "Aber ich weiß, dass ich damit nichts zu tun habe. Ich weiß, dass ich mich nicht in ein Monster verwandelt habe. Ich weiß, wer ich bin und wozu ich fähig bin." Und dann dieser bittende Blick aus den stahlblauen Augen: "Ich habe Meredith nicht getötet. Nein."