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Amburn-Entführung: "Die wollten mich umbringen. Was sonst?"

Fünf reiche Rentner entführen einen Geschäftsmann, der sie um ihr Vermögen gebracht hat. Eine böse Posse über Gier, Naivität und ein dilettantisches Verbrechen.

Von Markus Götting

Hier an der Wohnungstür ist das passiert. Es war ein Dienstagabend vor gut vier Wochen. James Amburn hatte gerade aufgeschlossen, da kamen sie von hinten, vom Zwischengeschoss, wo sie ihm aufgelauert hatten, und schubsten ihn in den Flur. Der Willi und der Roland. Amburn sagte nur: "Was soll das?" Und weil er doch ziemlich durcheinander war, hat er den beiden erst mal ein Bier angeboten.

Man kennt sich, duzt sich, man trank erst mal einen. Amburn, 56, ist Finanzmakler, einer, der Geschäfte einfädelt, Geld von Investoren einsammelt und es in Umlauf bringt, und am Ende sollen alle eine Menge dabei verdienen. Wenn alles gut geht.

Aber es war einiges schiefgelaufen. Deshalb waren Roland K., 74, und Willi D., 60, gekommen. Willi D. ist dann noch mal kurz runtergegangen, eine Mappe aus dem Auto holen, hatte er gesagt, und Amburn saß mit Roland K. auf dem braunen Ledersofa in seiner durchaus repräsentativen Altbauwohnung in der Fußgängerzone von Speyer, 160 Quadratmeter mit vielen Antiquitäten, der Dom ist nur ein paar Hundert Meter entfernt. Als D. zurückkam, packten sie Amburn, jeder nahm einen Arm, sie drehten ihm die Hände auf den Rücken, banden sie mit Klebeband zusammen. Dann klebten sie ihm den Mund zu, später die Füße zusammen.

Fliegengitter gegen das Ersticken

Willi D. hatte eine Kiste aus dem Auto geholt, die sie vorher mit einem Fliegengitter präpariert hatten, damit das Opfer nicht erstickt. Sie packten Amburn hinein, Deckel drauf, und mit einer Sackkarre schoben sie in aller Ruhe durch die Fußgängerzone zum Auto, es war gegen 22 Uhr. Dort packten sie ihn in den Kofferraum, und los ging die Fahrt zum Chiemsee. Amburn sagt: "Ich hatte Todesangst."

Mitten in der Nacht kamen sie im Dörfchen Hart am Chiemsee an. Aus der Garage schleppten sie ihre Fracht in den Keller des Hauses von Roland K.: Klappbett, Klo, kein Fenster. Die Tür ging zu, Amburn saß im Verlies. Er sagt: "Es war alles völlig surreal. Wie in einem schlechten Film."

Im Prinzip taugt diese Story tatsächlich zum Filmstoff. Für einen Krimi. Oder eine Kriminalkomödie. Wie man's nimmt. Rentner entführen inmitten der globalen Finanzkrise ihren Anlageberater. Der Fall hat weltweit Schlagzeilen gemacht: Da wehren sich welche, wollen ihr Geld zurück, auf unfeine Art zwar, aber wenn man ansonsten hilflos ist? Das Problem an der Geschichte ist die Rollenverteilung. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen.

Am Altersruhesitz in Florida

Wie bei jedem guten Plot gibt es eine Vorgeschichte; diese hier spielt unter der Sonne Floridas. Da sind der Architekt Roland K. und seine Frau Sieglinde, 79, das Ärzteehepaar Gerhard F., 66, und seine Iris, 63, und der Bauunternehmer Willi D. Sie alle hatten sich einen hübschen Altersruhesitz zugelegt: großzügige Villen im Rentnerparadies Naples. Hier lernten sie James Amburn kennen. Der hatte sich Mitte der 90er Jahre mit einer Steuerkanzlei auf deutschsprachige Klienten spezialisiert; Soldatensohn, geboren in Ludwigshafen, hin und her gezogen, in Florida gestrandet. Er spricht Deutsch, wenn auch mit kuriosem Akzent.

Er erklärte seinen silberhaarigen Klienten, wie man Steuern spart. Unter deutschen Rentnern in Florida ist es eine Art Hochleistungssport, Schwarzgeld beiseitezuschaffen. "Bis vor ein paar Jahren gab es hier viele Leute, die unversteuertes Geld angelegt haben", sagt Norma Henning, deutsche Honorarkonsulin, die auch als Anwältin arbeitet. Von Amburn lernte das Quintett, dass man den Immobilienkauf besser über die Gründung einer Offshore-Firma auf den Bahamas oder den Virgin Islands organisiert, um später den Kindern die Erbschaftssteuer zu ersparen. So wurden Gerhard F. und Roland K. Besitzer von Firmen, die "Bogei Ltd." heißen oder "AGIF". Ihre Geschäftsbriefe unterschrieben sie als "President".

Dass Amburn keine in Florida gültige Lizenz als Steuerberater besaß - woher sollten sie das wissen? Dass er von der Anwaltskammer Floridas eine Abmahnung wegen unzulässiger Rechtsberatung kassiert hatte - er hatte es ihnen nie gesagt.

Renditen von bis zu 18 Prozent

Um die Jahrtausendwende war Amburn ins boomende Immobiliengeschäft eingestiegen; Naples war damals eine der am stärksten wachsenden Gemeinden der USA. Die Geschäfte, so Amburn heute, liefen großartig, und seine Klienten mit ihren Offshore-Firmen wurden zu seinen Investoren. Er verwaltete ein 20-Millionen-Dollar-Budget, das er in verschiedene Projekte steckte. Er zahlte Renditen von 8 bis 12, manchmal sogar 18 Prozent. "Ich war der Held. Das Geld von Roland K. zum Beispiel hab ich doch verdreifacht!", behauptet Amburn heute.

Im Juli 2005, sagt er, sei es gewesen, "als ob jemand den Lichtschalter ausgemacht hätte". Er blieb immer öfter auf Grundstücken hängen, die Bauprojekte liefen nicht mehr. 2007 sei dann alles zusammengebrochen, Amburn konnte die Investoren nicht mehr bedienen: weder Zinsen zahlen, noch das Investment zurück. Die Kohle war verschwunden. Und mit ihr Amburn.

Er zog mit seiner vierten Frau, einer Deutschen, und ihrer Tochter nach Speyer. In Naples, Florida, saßen derweil Willi D. und die beiden Ehepaare und fühlten sich um ihr Vermögen geprellt. Es kommt nicht selten vor, dass arglose Ausländer von Finanzjongleuren ausgenutzt werden, erzählt Anwältin Norma Henning, die auch Amburns Geschäfte lange Zeit kritisch verfolgt hat. Die Sonne, das leichte Leben - in Florida nennt man diese Sorte Naivität: "Palmenfieber".

Ständig vertröstet

Roland K. und das Ehepaar F. telefonierten hinter Amburn her, auch Willi D., der eine Weile lang für Amburn gearbeitet hatte und fand, dass auch er noch Geld zu bekommen habe. Sie schrieben ihm Briefe, machten Gesprächstermine in Deutschland aus, die ihr einstiges Finanzgenie aber immer wieder platzen ließ. Er vertröstete sie. Man kennt das.

Sie recherchierten und erfuhren von Konten bei der UBS und Credit Suisse in Zürich; sie fanden heraus, dass Amburn zweistellige Millionenbeträge in die Schweiz überwiesen hatte. Allmählich wurden sie das Gefühl nicht mehr los, dass sie da einer mit einem System gelinkt hatte, wie man es inzwischen von Bernie Madoff kennt.

Roland K. ging noch in Florida zum Anwalt. Der sagte, dass er wenig in der Hand habe. Da seien Verträge zwischen einer Offshore-Firma und einem in Florida ansässigen Unternehmen geschlossen worden. Das Geschäft sei geplatzt. Na und? Sorry.

Erste Drohungen

Der Ton wurde rauer. Amburn erzählt von einem Brief, den er vor einem halben Jahr bekommen habe. Darin droht ihm K., ein paar Russen zu kennen, die für wenig Geld jemanden verschwinden lassen könnten. Roland K. und der Orthopäde Gerhard F. drohten auch mit Anwälten und der Polizei. Amburn nur: "Macht das Fass nicht auf. Ihr wisst nicht, wie tief es ist. Ihr wisst, dass Ihr das Finanzamt betrogen habt!"

Wenn man sich fragt, was passieren muss, um in alten Leuten später solch eine kriminelle Energie auszulösen, muss die Antwort wohl in Richtung Hilflosigkeit gehen. Bei seiner Vernehmung sagte Roland K. der deutschen Polizei, er habe alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft und sich nicht anders helfen können.

Roland K. und Willi D. hatten die Entführung präzise geplant. Die Kiste, das Klebeband, der vorbereitete Keller am Chiemsee. Dort ließen sie Amburn schmoren. Er sagt: "Sie hatten mir die Uhr abgenommen, es war dunkel, man verliert das Zeitgefühl." Am nächsten Tag holten sie ihn hoch in die Garage; ein Stuhlkreis war aufgebaut, in der Mitte saß Amburn, vom nahen Schliersee war nun das Ärzteehepaar F. dazugekommen. Sie brachten Kaffee und Kuchen mit.

Da saß sie also, die Senioren-Gang. Roland K., gräuliches Haar, Brille, fideles Lachen. Gerhard F., ein leicht untersetzter Mann, der gern Socken in seinen Sandalen trägt. Und Willi D., der mit seinem raspelkurzen Haar trotz der 60 Jahre noch sehr sportlich wirkt. Sie sagten Amburn, er komme nicht raus, ehe er ihnen ihr Geld zurückgezahlt habe. "Aber ich hab nichts mehr", sagte Amburn und schrieb ein Fax an seinen Schweizer Banker - von dem er wusste, dass der gerade in Urlaub war. So wollte er Zeit gewinnen.

Später ließ er 75.000 Euro von seinem Züricher Girokonto an Roland K. überweisen. Aber die Alten blieben hart. Sie wollten insgesamt 3,3 Millionen Dollar.

Nach zwei Tagen gab es immer noch keine Antwort aus Zürich. Frau K. kochte Suppe, dann saßen sie draußen auf der Terrasse. Die Entführer und ihre Geisel. Wie, bitte, hatten sich die Kidnapper eigentlich das Ende dieser Geschichte vorgestellt? Amburn sagt: "Die wollten mich umbringen. Was sonst? Mir war klar, dass ich nie mehr da rauskomme."

Zum Rauchen auf die Terrasse

Amburn schildert, wie er im Keller gesessen habe, allmählich schwer resigniert. "Ich hatte mich mit meinem Tod abgefunden." Am dritten Tag seiner Geiselhaft bettelte er Roland K. um eine Zigarette an, Amburn ist starker Raucher. Aber bei Qualm im Wohnzimmer stößt auch die kriminelle Energie von Rentnern an ihre Grenzen. Den Gestank kriegt man ja nie wieder raus. Sie schickten ihn auf die Terrasse.

Was waren das für Entführer? Die sich eine Geisel halten und sagen: Aber zum Rauchen gehst du bitte raus!

Draußen goss es in Strömen. Amburn stand unter dem Vordach, zog seine Marlboro durch. Dann rannte er ums Haus auf die Straße. Roland K. und Willi D. hinterher. Amburn lief einem Nachbarn in die Arme, schrie "Polizei!" und "Entführung!" und machte einen ganz schön wirren Eindruck. Von hinten kam Herr K. angerannt und brüllte: "Hey, halt den fest, das ist ein Einbrecher!" Der inzwischen selbst verwirrte Nachbar lieferte Amburn bei seinen Entführern ab, die ihm den Arm auf den Rücken drehten und wieder ins Haus abführten.

Ein verschlüsseltes Fax

Roland K. und Willi D. waren richtig sauer, sie wollten endlich ihr Geld, und Amburn schickte noch mal ein Fax an seine Schweizer Bank. Er schrieb, man möge doch bitte die Call-Optionen der POL verkaufen, die an der ICE gehandelt würden. Er schrieb: "Also: sell call.pol.ice." Der Banker rief unter der angegebenen Nummer zurück und wollte Amburn sprechen. Er sagte: "Ich versteh gar nichts." Und Amburn sagte: "Bitte lesen Sie das doch mal als ein Wort." Da machte es auch bei dem Schweizer Broker endlich Klick. Er rief die Polizei.

In der Zwischenzeit war Amburn daheim in Speyer vermisst gemeldet worden. Nun ging alles ganz schnell. Die Polizei machte über die Fax-Kennung Roland K.s Adresse ausfindig, das SEK rückte morgens um vier im Chiemseedörfchen an; es knallte, als wäre eine Bombe explodiert. Die Polizei sprengte die Hintertür, brach durchs Wohnzimmerfenster ein, zwei Minuten später holten sie Amburn aus dem Keller und brachten ihn ins Krankenhaus. Von Kidnapperin Sieglinde K. heißt es, ein Beamter habe sie in den Polizeiwagen geleitet, wie man einer tatterigen Omi über die Straße hilft.

Nun sitzen sie im Knast, über ganz Bayern verteilt. Fünf Rentner und das Ende vom "Palmenfieber". Ein erster Versuch, das Ehepaar F. bis zur Verhandlung wenigstens auf Kaution freizubekommen, ist gescheitert. "Fluchtgefahr", sagt der zuständige Amtsrichter. Haftbeschwerden sind eingereicht. Der Münchner Anwalt Walter Lechner verteidigt das Ärzteehepaar F., er sagt: "Natürlich ist Selbstjustiz nicht akzeptabel, aber dieser Fall weist eine Menge Besonderheiten auf."

Inzwischen ist James Amburn vom Zeugen zum Verdächtigen geworden. Die Polizei zog in seiner Firma eine Kopie der Computer-Server; seine Wohnung wurde durchsucht. Gegen ihn wird wegen Verdachts auf Untreue ermittelt. Er gibt sich entspannt: "So wird wenigstens von Amts wegen meine Unschuld bewiesen. Ich bin das Opfer. Nicht der Täter."

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  • Markus Götting